Wittinger Landwirte müssen nachdrillen

Ackerschäden durch Saatkrähen

Zwei Landwirte stehen auf einem Feld, das von Krähen geplündert wurde.
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Stefan von Campen (l.) und Jörg Meinecke auf einem Feld bei Wittingen. Was man nicht sehen kann, sind die Rufe der wartenden Krähen in einer nahen Baumreihe.
  • Holger Boden
    vonHolger Boden
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Wittingen – Waren es bisher vor allem Bürger, deren Schlaf gestört oder deren Terrasse vollgekotet wurde, so melden sich nun erstmals auch Landwirte, die die Wittinger Saatkrähenpopulation als zunehmendes Problem sehen. Denn die Vögel, die als Kulturfolger gern mal die Inhalte von Mülleimern und Komposthaufen untersuchen, interessieren sich tatsächlich auch für Saatgut.

Zu den betroffenen Landwirten gehört Jörg Meinecke aus Kakerbeck. Er beziffert den Schaden, den Saatkrähen jetzt auf seinen Flächen südlich von Wittingen angerichtet haben, auf 540 Euro pro Hektar. Eingerechnet sind 180 Euro pro Hektar für Saatgut, dazu zusätzliche Kosten für Bestellung, Bodenbearbeitung und Minderertrag. „Da fehlen jetzt natürlich vier Wochen Wachstum“, sagt Meinecke. Bei 5 Hektar, um die es geht, ist der Schaden vierstellig.

Sein Berufskollege Stefan von Campen aus Rade geht von etwa den gleichen Kosten pro Hektar aus. Er hat auf 5 Hektar bei Erpensen und auf 2,2 Hektar bei Rade nachdrillen müssen, nachdem Saatkrähen ihm das Saatgut aus der Erde geholt haben.

In all diesen Fällen geht es um Mais. Auf dem Acker ist das Problem auch für Laien gut zu erkennen: Stellenweise reiht sich dort, wo die Krähen gepickt haben, Loch an Loch. Das würde sich ohne neue Aussaat natürlich später in leeren Reihen bei der Ernte widerspiegeln. Zu Folgeproblemen für die Betriebe kann es auch bei Nachsaat kommen: Wenn Schläge einen unterschiedlichen Reifezeitpunkt haben, kann das geerntete Tierfutter Schwierigkeiten bei der Verdaulichkeit mit sich bringen.

Laut Meinecke und von Campen, die noch einen weiteren Berufskollegen mit ähnlichen Sorgen kennen, ist das Problem der Saatkrähen auf den Äckern erst in den letzten zwei Jahren so groß geworden. Vorher sei das Saatgut mit einer Beize versehen gewesen: „Das hat die Vögel abgehalten“, sagt von Campen. Die Beize – mit Neonicotinoiden – sei seit zwei Jahren aber verboten.

Saatkrähen holen sich gern das keimende Saatkorn aus der Erde und reißen dafür mitunter reihenweise die jungen Pflänzchen aus. Umweltschützer machen geltend, dass die Vögel auch einen Nutzen bringen, weil sie auf den Feldern auch Schädlinge fressen.

Das scheint aber im konkreten Fall, wo nichts mehr wächst, den Schaden nicht auszugleichen. Rund um Wittingen sei es angesichts der starken Vermehrung der letzten Jahre „schon extrem“, in welchen Zahlen die Saatkrähen sich über die Felder hermachen, sagen von Campen und Meinecke. Beide finden, dass Naturschutz im Prinzip richtig sei – dass es aber angesichts der nicht nur in Wittingen prosperierenden Populationen vielleicht an der Zeit sei, einmal den Schutzstatus und die Vergrämungsregeln in ihrer gegenwärtigen Form zu überprüfen.

Klar ist: Viele Kommunen sehen sich inzwischen dem Problem der als zu groß empfundenen Rabenvögel-Bestände gegenüber. Kritiker wenden stets ein, der Mensch sei selbst schuld, weil Lebensräume eingeengt werden und die Tiere dann in oder an die Siedlungen ziehen. Doch die Diskussion, ob die Populationen nach jahrzehntelangem Schutz zu groß sind oder sich gerade erst erholen, wird dem egal sein, der regelmäßig aus dem Schlaf gekräht wird oder sich um seinen Feldertrag gebracht sieht.

Meinecke und von Campen machen sich jedenfalls keine Illusionen, die klugen Saatkrähen erfolgreich vertreiben zu können, solange drastischere Mittel nicht erlaubt sind. „Eine Vogelscheuche nützt überhaupt nichts“, sagt der Landwirt aus Rade. „Da setzen die sich höchstens noch drauf.“

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