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Zahrenholzer Familie in Kenia auf „Mission Menschenfreund“

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Von: Pascal Patrick Pfaff

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Katja Albs an einer Brücke nahe der Missionsstandorts Ngechek in Kenia. Die Aufnahme stammt von Weihnachten 2022.
Familie Albs aus Zahrenholz ist in Kenia auf Missionsreise. Über diese Brücke gelangen Fußgänger nach Ngechek, jenem Ort, an dem das Sextett (links auf dem Foto: Mutter Katja) nun Waisenkindern hilft. © Privat

Ngechek/Zahrenholz – Katja und Heiko Albs haben es nicht geschafft. Der Flieger in Richtung Ostafrika hob vergangenen August ohne sie ab. Eigentlich wollten sie zu dieser Zeit im kenianischen Ngechek ankommen, gemeinsam mit ihren Kindern Rahel, Samuel, Gideon und Silas. Doch daraus ist nichts geworden. Zumindest vorerst. Für die sechs Zahrenholzer hat sich ihre Reise, ja ihre Mission, nämlich nur verschoben. „Wir sind am 15. September geflogen, weil es von afrikanischer Seite aus vorher keine Arbeitserlaubnis für mich gab“, sagt Heiko Albs. Seine Familie und er konnten also erst später machen, wofür sie sich berufen fühlen: Den Menschen vor Ort helfen – insbesondere rund 80 am HI-Virus erkrankten Kindern.

Start mit Verzögerung

Das Sextett aus dem Gifhorner Nordkreis ist für die christlich-evangelische Gesellschaft DIGUNA („Die Gute Nachricht für Afrika“) unterwegs. Heiko, der Landmaschinenmechatroniker, und Katja, die gelernte Restaurantfachfrau, hatten dem IK bereits im vergangenen Sommer von ihren Afrika-Plänen berichtet. Jetzt, vier Monate nach ihrer Ankunft, erzählen sie von ihren bisherigen Eindrücken. „Es gab im September einen Einreisestopp für DIGUNA-Mitarbeitende, außerdem war in Kenia Präsidentschaftswahl. Deswegen dauerte alles ein bisschen länger“, klärt Heiko Albs über die Erschwernisse der Reise auf.

Für ihn sei es wie ein „Nachhausekommen“ gewesen, nachdem er bereits von 2003 bis 2006 in Ngechek half, die Missionsstation aufzubauen. „Katja und die Kinder mussten sich allerdings erst zwei bis drei Monate einleben, zumal es für die vier Kleinen schwer ist, Suaheli zu lernen.“ Eine echte Umgewöhnung, wie auch seine Frau findet: „Ja, und das Zusammenleben ist anders als in Deutschland: enger, herzlich. Die Menschen besitzen hier nicht viel, aber die Mutter eines Nachbarn hat uns etwa ein Huhn geschenkt. Einfach so.“

Die Schaufel im Gepäck

Vieles unterscheide sich zu Deutschland: Giraffen, Büffel und Gazellen sind in der freien Wildbahn zu sichten – und das Leben spielt sich auf der Straße ab, wie Heiko Albs sagt. „Es ist immer Sommer hier, deshalb sind die Menschen viel draußen. Was die hier teilweise mit dem Moped transportieren, ist erstaunlich: Nicht nur sich selbst, sondern auch Ziegen oder sechs Meter lange Eisenstangen.“ Alles, um damit Geld zu verdienen. Die Fahrbahnen seien allerdings nicht die besten, der Verkehr in den Städten chaotisch, so Heiko Albs über seine Erfahrungen. Manchmal säßen 10 bis 12 Leute in einem Auto. „Die Polizei hält den Wagen an und sagt dann: ‘Alles okay’.“ Es entlockt dem Familienvater ein Grinsen. Noch sei dies alles ein Abenteuer, manchmal „aber auch nervig“. Zum Beispiel, wenn das Auto auf einer matschgewordenen Lehmstraße stecken bleibt und Schaufeln sowie Abschleppseil ihren Dienst tun müssen.

Dass die Lebensumstände andere sind als in Zahrenholz, zeigt sich in Ngechek deutlich. So wird aus einem nahe gelegenen Staudamm und Fluss soviel Energie gewonnen, dass sie täglich für zwei bis vier Stunden Strom reicht. Sonnenaufgang ist jetzt im Januar gegen 6.30 Uhr, -untergang um 19 Uhr. „Bei diesen Umständen hilft nur, Kerzen anzumachen oder früh ins Bett zu gehen“, so Heiko Albs augenzwinkernd. Die Zeit werde aber auch anders genutzt. So schmiede die Familie Pläne für die nächsten Tage, lerne die Landessprache Suaheli oder spreche über Gott und die Welt. „Oft sitzen wir auch mit den Nachbarn am Lagerfeuer zusammen und essen Stockbrot oder gerösteten Mais.“

In der amerikanischen Gemeinde

Das sei auch an Weihnachten ähnlich gewesen, als die Nachbarn an den Feiertagen zu Bohnen und Maisbrei eingeladen haben. „Zu besonderen Anlässen gibt es aber auch schon mal gegrilltes Ziegenfleisch“, betont Heiko Albs die Gastfreundschaft der Kenianer. Über die Feiertage sei die Station geschlossen gewesen und die Bewohner bei ihren Familien. Die Zahrenholzer sind deshalb in die 35 Kilometer entfernte Stadt Eldoret gefahren, um dort mit einer größeren amerikanischen Gemeinde zu feiern. „Zweieinhalb Stunden Gottesdienst auf Englisch. Wir haben da – aber auch zu Hause – mit den Kindern gebetet und weihnachtliche Lieder gesungen“, erzählt Katja Albs aus ihren Erinnerungen. Silvester sei dagegen nicht wie in Deutschland. Nur wenige könnten sich Feuerwerk leisten, das in Kenia fünf Mal so viel kostet wie in Deutschland. Ohnehin würden die Kenianer nicht viel mit der Knallerei anfangen können: „Das wird hier kaum gemacht. Manch einer glaubt doch bei den Geräuschen glatt, sich verteidigen zu müssen“, so die Zahrenholzerin in vollem Ernst.

Fußballtraining mit den Damen

Überhaupt: verteidigen. Das will die einstige Jugendtrainerin des SV Groß Oesingen auch den Frauen und Mädchen vor Ort beibringen. Freilich beim Fußball. Eine Trikotspende von ihrem alten Heimatverein aus dem Isenhagener Land sei schon angekommen – nun gehe es noch darum, ein Team aufzubauen, das im Optimalfall in zwei Mannschaften aufgeteilt werden kann. „Ich will 30 bis 35 Leute zusammenbekommen. Momentan sind es aber erst rund 10 Personen: ein paar Frauen von der Station und auch Mädchen aus dem Kinderheim im Alter von 12 bis 15 Jahren.“ Ziel sei es, die Mädchen zu fördern. Und Spaß zu haben. Wer davon bei einem Trainingsspiel mehr hatte, bleibt Interpretationssache: „Wir wollten um 10 Uhr anfangen, doch wegen einer Predigt und jeder Menge Tänze wurde es 13.30 Uhr“, zeigt sich Katja Albs während des IK-Gesprächs belustigt.

Ganz so heiter ist das Leben aber nicht immer. Viele der Kinder haben alkoholkranke Eltern, wie die Zahrenholzerin sagt. Und auch die Arbeiter auf der Station hatten so ihre Probleme mit den Spirituosen. „Sie sprechen aber auch über Schwierigkeiten, die ihnen in der Schule widerfahren sind“, beschreibt Heiko Albs. Er wolle ihnen zuhören und sie dazu animieren, sich selbst helfen zu können. Dazu gehöre, mit ihnen gemeinsam zu arbeiten – etwa an Autos. Heiko Albs repariert sie, wechselt Bremsen aus und nimmt Ölwechsel vor. Im Team sind aber auch Klempner, Tischler, Landwirte und Maurer. Mit allen hat der Technik-Experte schon zusammengearbeitet, und von allen weiß er, wie problematisch die Lebenssituation ist.

Die Rolle der Europäer

„Die Leute verdienen hier umgerechnet zwischen 4 und 10 Euro am Tag. Wenn ein Weißbrot dann 60 Cent und zwei Kilo Zucker 2,10 Euro kosten, dann lebt man hier von der Hand in den Mund.“ Käse und Wurst gebe es nur selten – auch seien die Produkte teuer. Laut Katja Albs unterstützen sich die Leute deshalb, wechseln das Geld hin und her. „Das ist hier eine Beziehungskultur“, sagt sie. Und die sei zu Europäern auf einer anderen Ebene als zu Einheimischen. „Als weiße Person stehst du hier im Mittelpunkt. Die Kenianer denken wohl, dass wir alles wissen – und gucken dabei zu wenig auf ihre eigenen Stärken“, erkennt Heiko Albs ein Problem. Es gehe folglich darum, ihnen zu vermitteln, dass auch sie alles können. Und seine Frau ergänzt: „Sie umschreiben die Dinge lieber, als ihre Meinung direkt zu sagen. Weil sie Angst haben, dass dies ihr Gegenüber traurig macht.“

Oma und Opa in Zahrenholz

Angesprochen auf die schulische Situation ihrer Kinder, schätzt sie ihren Nachwuchs als „gut aufgehoben ein“. Verpflichtende Fächer in der Fernschule seien Deutsch, Mathe und Sachunterricht. „Englisch und Kunst haben wir noch dazugenommen. Im nächsten Jahr kommt dann zum Beispiel auch Geschichte auf den Lehrplan.“ Allgemein genieße jedes ihrer Kinder das Leben in Kenia. Es sei für sie ein Gefühl von Freiheit, sich zum Beispiel im Auto nicht anschnallen zu müssen. Indes: „Aber sie vermissen auch ihre Großeltern und haben schon gesagt, dass sie gerne wieder nach Deutschland wollen. Wir schauen mal bis zum Herbst. Dann treffen wir die Entscheidung, ob wir über die geplanten zwei Jahre hinaus bleiben.“

Das Haus in Zahrenholz ist unterdessen vermietet. Zehn Geflüchtete aus der Ukraine leben jetzt dort. „Wir haben drei Wohnungen daraus gemacht. Es sind Großeltern, Eltern und Kinder untergekommen. Sie alle freuen sich sehr darüber“, ist Katja Albs glücklich.

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