Vollnarkose aus dem Luftgewehr

+
Heckrinder im Naturschutzgebiet Hutweide bei Hornbostel im Nachbarlandkreis Celle betäubte Krannich mit seinem Narkosegewehr im vergangenen Herbst, damit die Tiere vom Tierarzt untersucht werden konnten.

Zahrenholz -Von André Pohlmann. Schon auf mehr als 1400 mehr oder weniger wilde Tiere hat Heino Krannich geschossen. Getroffen hat er fast immer, doch tödlich geht Jagd bei ihm nicht aus. Wenn Krannich seine Waffe, die einem herkömmlichen Flinte gar nicht unähnlich sieht, benutzt, dann soll ein Tier nicht getötet, sondern – möglichst ohne Schaden davon zu tragen – eingefangen werden. Geladen ist sie deshalb anstatt mit einer Kugel mit einem Narkosepfeil.

Seit etwa einem Jahr hat er sein Quartier auf einem Hof in Zahrenholz aufgeschlagen. Unterwegs ist er in seinem Gewerbe, dass er auf seiner Visitenkarte ganz unspektakulär „Tierparkservice“ nennt, in ganz Deutschland und darüber hinaus. Spezialisiert hat er sich auf den Transport, aber auch das Einfangen wilder Tiere, die beispielsweise aus dem Gehege eines Tierparks ausgebrochen sind. Auch Rinder, die von landwirtschaftlichen Betrieben entwischt sind, hat Krannich schon aufgespürt und ihrem Besitzer lebendig zurückgebracht. Sein letzter großer Einsatz war der Transport mehrerer Wisente aus einem Gehege auf der Insel Usedom in einen Tierpark im Teutoburger Wald. Die schon bis zu einer halben Tonne schweren Jungtiere mussten zum Verladen zunächst unter Vollnarkose gesetzt werden.

„Bevor man an ein wildes Tier herangeht, muss es vollständig immobilisiert sein“, erläutert Krannich. Das gelte für Wisente genauso wie für einen Bären im Wildpark oder ein nach einigen Wochen im Wald fast ausgewildertes Galloway-Rind. Furcht hat er nicht vor seinen wilden Schützlingen. „Angst ist Feigheit, Mut ist Dummheit. Man muss nur den Respekt vor dem Tier bewahren“, lautet sein Leitspruch.

Die Betäubung verabreicht Krannich den Tieren mit einem Gewehr, das die Pfeile mit Luftdruck abschießt. Dabei ist äußerste Präzision gefragt, denn obwohl die Pfeile aus Plastik sind, kann ein Tier von einem falsch platzierten Schuss schwere oder gar tödliche Verletzungen davon tragen.

Bei dem kleinsten Tier, dass er bisher betäubt und eingefangen hat, einer Gelbstirnamazone, die zu den Papageien gehört und nur etwa 35 Zentimeter klein ist, war das schon eine gewisse Herausforderung. Neben dem Schuss ist die Dosierung des Narkosemittels eine sensible Angelegenheit. Nicht nur das Körpergewicht eines Tieres ist dafür ausschlaggebend, wie viel eines Medikamentes er einsetzen muss, sondern vor allem, wie „wild“ das Tier ist. Bei etwa gleichem Körpergewicht muss er für ein Wisent, dass praktisch in freier Wildbahn lebt, ein Vielfaches der Menge einsetzen, die etwa für ein ständig im Stall angebundenes Rind berechnet wird. Bei verwilderten Tieren verlässt sich Krannich deshalb auf sein Gefühl und jahrelange Erfahrung in der Narkotisierung von Wildtieren. „Wisente sind einfach zu wild, die reagieren ganz anders als zum Beispiel eine Schwarzbunte“, sagt Krannich.

Das Image des Großwildjägers lehnt der Zahrenholzer ab. Dennoch verlange eine Pirsch wie die auf den vor einiger Zeit im Osnabrücker Zoo ausgebrochenen Wolf „Roy“ eine große Portion Jagdinstinkt. „Da muss man quasi auf Neandertaler umschalten können, da ist man nur noch Jäger“, so der Wildtierexperte. Zur Seite stand ihm dabei oft der Labradorrüde „Watson“, der Fährten auch unter widrigsten Bedingungen verfolgte. Er starb allerdings im letzten Jahr im Alter von 18 Jahren.

Zu seinem ungewöhnlichen Beruf ist der 51-jährige gelernte Forstwirt über die Arbeit als Obertierpfleger in einem großen Tierpark in Norddeutschland gekommen. Doch auf Dauer war ihm das zu wenig spannend, so dass er sich mit seinem speziellen Transportservice selbstständig machte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare