Immer neue Konzepte schreiben zu müssen, sorgt für Ärger

Schulleiter: Personaler, Anwalt und bald auch Banker?

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Auf ihre Aufgabe, Unterricht zu geben, können sich Lehrer immer weniger konzentrieren. Viele „überflüssige“ Tätigkeiten müssen mitübernommen werden.

Wesendorf/Hankensbüttel/Rühen. „Ich bin Personaler, Architekt, Bauplaner, Anwalt, Notar und bald auch noch Banker. “In wenigen Worten umreißt Cornelia Röhrkasten, kommissarische Schulleiterin des Gymnasiums Hankensbüttel, ihr Tätigkeitsfeld – neben ihrem eigentlichen Beruf als Lehrerin.

 „Die Schullandschaft hat sich in den letzten zehn Jahren gewandelt. Es sind deutlich mehr Verwaltungsaufgaben dazu gekommen“, ergänzt die Pädagogin.

Keine zusätzliche Zeit gegeben

Worte, die Karin Kraschewski, kommissarische Rektorin der Johannes-Gutenberg-Hauptschule in Rühen, und Jörg Bratz so oder in ähnlicher Form bestätigen. „Die Dokumentation ist immer mehr geworden. Das nimmt Zeit in Anspruch. Aber es ist uns keine zusätzliche Zeit gegeben. Der Umfang beim Unterricht bleibt schließlich gleich“, sagt der Schulleiter der Grundschule am Lerchenberg in Wesendorf, der wie Röhrkasten und Kraschewski jetzt an einer Umfrage des Kultusministeriums Niedersachsen teilnimmt.

90 000 Pädagogen im Land erhielten die Möglichkeiten, online und anonym ihre Meinung über ihr Tätigkeitsfeld zu äußern. Ministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) möchte laut eines Berichts des NDR wissen, welche zeitintensiven Aufgaben die Lehrer von ihrer eigentlichen Aufgabe, dem Unterrichten, abhalten. Weitere Bereiche der Umfrage seien der Stand der Inklusion und wie Unterrichtsabläufe besser organisiert werden könnten.

Entrümpelung der überflüssigen Aufgaben?

Kritik an dem Fragebogen gab es bereits im Vorfeld. Der Philologenverband monierte: „Der Fragebogen werde in seiner jetzigen Form in keiner Weise den Forderungen der Lehrerschaft gerecht, ihre Arbeitsbelastung konkret zu erfassen.“ Damit werde das Versprechen, eine „Entrümpelung“ der Schule von überflüssigen außerunterrichtlichen Aufgaben einzuleiten, gebrochen, heißt es in einer Mitteilung des Verbandes.

Und außerunterrichtliche Aufgaben gibt es genügend. Die Hauptschule in Rühen verwaltet selbst das Schulkonto. Der Eingang der Leihgebühren für Schulbücher muss von der Schulleitung kontrolliert werden. „Das ist ein Riesen-Zeitaufwand“, so Kraschewski. Für die Besetzung der Stellen an Bildungsanstalten wären, so Bratz, anstelle der Schulbehörde mittlerweile die Schulleitungen verantwortlich.

„Das Rad immer wieder erfinden“

Ein Ärgernis aus Sicht von Röhrkasten und Kraschewski ist es zudem, dass „die Konzepte selbst geschrieben und jedes Jahr angepasst werden müssen.“ Früher, so Hankensbüttels kommissarische Schulleiterin, wären die Vorgaben vom Kultusministerium gekommen. „Jetzt müssen die Schulen das erarbeiten und das Rad immer wieder selbst erfinden“, verdeutlicht Röhrkasten, wie sehr Aufgaben der „eigenverantwortlichen Schule“ aufgedrückt wurden. Gespräche, Teamsitzungen und Fortbildungen würden auf den Nachmittag oder das Wochenende verlagert. „Das ist ein erhebliches Maß an Mehrarbeit“, so Röhrkasten. Lohnend sei dies nicht. „Bevor wir ein Konzept ausprobieren können, ist es schon Schnee von gestern. Die curricularen Vorgaben haben nur noch eine kurze Halbwertszeit.“

Verwaltungsangestellte an Schulen schicken?

Um Lehrer zu entlasten, sei es sinnvoll, Verwaltungsfachangestellte einzustellen. Allerdings nicht in fernen Behörden. Kraschewski spricht sich dafür aus, Tätigkeiten, die unabdingbar mit der Schule zu tun haben, auch dort zu belassen. Anstatt Aufgaben zurückzugeben, „hätte ich lieber eine Kraft mehr. Die Schulsekretärin leistet enorm viel Arbeit“, sagt Rühens kommissarische Rektorin.

Die Umstellung der Kontoführung steht auch am Gymnasium Hankensbüttel bevor. Bald auch noch das Geld einzusammeln, sei dann doch zuviel, verdeutlicht Röhrkasten. „Man kann nicht noch einen Vollzeitjob oben drauf legen“, erklärt die kommissarische Schulleiterin, die sich mit viel Engagement vielen Aufgaben widmet. Aber gelernt, so Röhrkasten, habe sie die übrigen Tätigkeiten alle nicht. Ursprünglich ist sie eigentlich Lehrerin.

Von Matthias Jansen

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