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Zahrenholzer Heinrich Müller: „1975 war es noch eine wohlige Wärme“

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Von: Pascal Patrick Pfaff

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Beregnung der Apfelbäume, ein Apfel mit Sonnenbrand.
Kein Lichteffekt, sondern ein Sonnenbrand: Dieser Apfel hat den hohen Temperaturen und der Trockenheit nicht mehr standhalten können. Er fault geradezu weg. © Daniel Bockwoldt

Zahrenholz – Heinrich Müller ist eine Koryphäe auf dem Gebiet der Phänologie. 52 Jahre Erfahrung sprechen für sich. Seit 1970 beobachtet und erfasst er für den Deutschen Wetterdienst ehrenamtlich, wie sich das Wetter im Jahreszeitverlauf entwickelt und wie dies auf die Pflanzenwelt wirkt. Müller weiß entsprechend auch viel über die Veränderungsprozesse im Nordkreis. Vor allem in Bezug auf die gegenwärtige Trockenheit.

Früchte bekommen einen Sonnenbrand

„Ich war zuletzt wegen der Hitze und auch aus Vorsicht vor Corona nicht viel draußen. Aber was ich von meinem Neffen weiß: Es sieht nicht gut aus. Im Heiligen Hain zum Beispiel wird die Heide dieses Jahr nicht blühen.“ Zu vertrocknet seien die Pflanzen und Blüten. Er sehe auch keine Hoffnung, dass Gewitter kurzfristig helfen könnten: „Wenn es mal zwei Tage regnet, dann reicht das vorne und hinten nicht. Wir bräuchten mal mindestens 20 Millimeter, um einen Erfolg zu sehen.“ Derzeit gebe es aber einfach gar nichts, wie er von seinem Neffen in Erfahrung gebracht hat.

Müller – seines Zeichens auch Kultur- und Landschaftsführer zwischen der Lüneburger Heide, Celle und dem Nordkreis – war selbst zuletzt 2019 im Heiligen Hain: „In jenem und den Sommern davor habe ich den Gästen immer gesagt, dass sie genügend Getränke dabei haben sollen. So heiß, wie es da schon war.“ Auch andere Heideflächen seien zu trocken. So stehe der Wietzer Berg bei Hermannsburg derzeit unter Beregnung, wie der Phänologe weiß.

Müller sieht hierbei eine unheilvolle Entwicklung, die eine Vorgeschichte hat: „Zwar gab es im letzten Jahr einen ausgeglichenen Wasserhaushalt, doch 2019 und 2020 konnte sich der Boden wegen der Hitze nicht richtig erholen.“ Das mache es für die Pflanzen noch heute sehr schwer, zumal es laut Müller im Winter kaum Schnee gab, der als Schmelzwasser den Grundstock besser hätte auffüllen können.

„Äpfel, Pflaumen, Gurken – sie alle bekommen einen Sonnenbrand, haben Flecken und faulen. Geht es so weiter mit der Trockenheit, dann gehen auch die Bäume reihenweise ein“, sieht Müller schwarz bei den derzeitigen Sommern. Der Mensch selber könne kurzfristig nur sein Obst und Gemüse retten, indem er es beregnet. So sieht der Zahrenholzer seit mindestens zehn Jahren den Trend, dass die Früchte in immer größeren Gewächshäusern reifen, in denen alles reguliert werden kann: „Hier ist das Wasser da. Und die Räume können auch abgedunkelt werden.“

Manch eine Pflanze wie der Wacholder oder die Eiche kämen vergleichsweise gut mit der Trockenheit zurecht, wie Müller sagt. „Letztere ist ein Tiefwurzler, greift also weiter in den Boden ein. Die Fichte als Flachwurzler ist dagegen schlechter dran, weil sie die Wasservorräte in den tieferen Erdschichten nicht so einfach erschließen kann.“ Und was die Tierwelt anbelangt, so beobachtet der Phänologe, dass sich das Wild an die Bachläufe zurückzieht, um überhaupt noch an ein bisschen Wasser zu gelangen. „Die Tiere leiden enorm“, so seine Einschätzung.

Heute Saharahitze statt zentralrussischem Hoch

Auch weil es mancherorts bis zu 40 Grad heiß wird, wie Müller glaubt. „Diese Temperaturen kommen aus Afrika rüber. Eine Saharahitze, wie wir sie alle nicht vertragen.“ Die gegenwärtigen Sommer seien nicht vergleichbar mit denen vor Jahrzehnten, etwa den extremen von 1975 oder 1976. „Die Großwetterlage war eine andere. Damals erstreckte sich das ‘zentralrussische Hoch’ von Russland bis in den Südwesten von Frankreich. Die Temperaturen hatten nie mehr als 25 Grad.“ Bei 25 bis 30 Prozent Luftfeuchtigkeit habe es ständige Ostströmungen gegeben, die einen ganz anderen Eindruck entstehen ließen als heute: „Es war eine wohlige Wärme“, erinnert sich Müller. „Und: 1975 und 1976 gab es mehr Feuchtigkeit im Untergrund.“

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