Als die Neutempler in Zahrenholz waren

Einmalig in Norddeutschland: die nochgut erhaltene Wallanlage Wickelohl. Fotos: Ohse

Zahrenholz. „Hier wird nicht richtig aufgepasst!“ Beinahe fassungslos steht Heiner Müller in der Nähe des Königssees an der einzigen erhaltenen Wallanlage im Landkreis Gifhorn und der wohl am besten erhaltenen ihrer Art in Norddeutschland.

In der dreigliedrigen Wallanlage Wickeloh vergnügen sich Mountainbiker, fahren sogar Autos, werden Bäume abgeholzt, so dass die Überreste der jahrhundertealten Anlage mehr und mehr verwischen.

Dabei ist die Anlage auf interessante Weise mit der jüngeren Geschichte verbunden. Neue Erkenntnisse über diese bedeutende archäologische Fundstätte kommen jetzt aus Sigmaringen. Walther Paape, dessen Interesse sich auf die Geschichte des Neutemplerordens richtet, knüpfte Verbindungen aus seiner Heimat in den Nordkreis. „Der Neutemplerorden wurde 1900 in Wien von Lanz von Liebenfels gegründet, der nach seinen Worten eine göttliche Eingebung hatte, einen neuen Orden nach altem Muster des Templerordens, der Jahrhunderte zuvor unterging, zu gründen. Unter anderem aus den Schriften von Lanz zog Hitler seine Vorstellungen für seinen Rassenwahn“, erklärt Paape. 1922 kauft Georg Hauenstein, damals Novize der Neutempler, ein landwirtschaftliches Anwesen in Groß Oesingen vom Schwiegervater von Hartwig Müller, das aber bald seinen Ansprüchen nicht mehr genügt. Er tauscht das Haus kurze Zeit später mit einem Gebäude in Zahrenholz, ohne landwirtschaftliche Fläche.

An Georg Hauerstein hat Hartwig Müller, der älteste Bürger von Zahrenholz, noch viele Erinnerungen. Sein Vater, damals Bürgermeister, musste einst dafür sorgen, dass Hauerstein in das Landeskrankenhaus Lüneburg eingewiesen wurde, erzählt Hartwig Müller. „Vom Ordensleben bekam man nicht viel mit im Dorf“, sagt der 90-Jährige. Denn das Haus in Zahrenholz ist in den Folgejahren wohl Treffpunkt der Neutempler, in der alten Wallanlage Wickeloh werden Zeltlager auch noch bis in die Zeit des Dritten Reiches veranstaltet. Das alles wird aber von der Dorfbevölkerung nicht weiter beachtet. Mitglieder in dem Neutemplerorden sind vornehmlich Adlige und vermögende Leute. „Die Neutempler waren rassistisch, antisemitisch und antifeministisch eingestellt“, klärt Paape auf. Und sie sind nicht immer einig.

Hauerstein gründet einen weiteren Standort an der Ostsee, der damalige Erzprior des Ordens, Graf Hochberg, macht eine alte Burganlage bei Sigmaringen mit einer Höhlenkapelle zum Hauptsitz des Ordens. Wickeloh, von Hochberg 1925 gekauft, eignet sich aus „astrologischen Gründen“ nicht zum Sitz Nummer Eins, auch wenn Hochberg zunächst eine Schule samt Unterkünften dort vorschwebte. Als die Nationalsozialisten an die Macht gelangen, überträgt der Ordenschef die Besitztümer dem Ordensbruder Paul Weitbrecht. „Vermutlich, weil man Angst hatte, dass der Adel enteignet werden sollte“, sagt Paape. Am 30. Mai 2000 verkauft dann der pensionierte Förster Jörg Weitbrecht die Anlage an die Gemeinde Groß Oesingen. Für einen Verkauf musste er nicht gebeten werden, er war gleich dazu bereit, erinnert sich Heiner Müller. Er sei zu dem 7500 Quadratmeter großen Areal durch das Erbe seines Vaters gekommen, erklärt Weitbrecht damals knapp. Wie das Gebiet an einen Forstmann aus Süddeutschland geraten ist, rätselt man.

Über die Geschichte um Wickeloh schweigt Weitbrecht. Durch Paape kam Licht ins Dunkel. Die beiden Häuser, die im Besitz der Neutempler waren, gehören längst Privatpersonen. „Alles ist juristisch einwandfrei abgelaufen“, betont Paape, offensichtlich sei Weitbrecht froh gewesen, Wickeloh los zu werden. Die Anlage in Sigmaringen wurde vor einigen Jahren der Bergwacht übertragen. Dort ist Paape Mitglied, sein geschichtliches Interesse führte ihn so von den Neutemplern auch nach Zahrenholz und Wickeloh. Im Jahr 2000 gründet sich der neue Neutemplerorden, macht aber nur durch abstruse Ideen auf sich aufmerksam. Doch aus seiner Sicht ist Zahrenholz uninteressant. Nur von 1920 bis 1928 war Wickeloh in die Ordensgeschichte eingebunden. Geblieben ist die uralte Wallanlage, die besser geschützt werden sollte, meint Heiner Müller.

Von Burkhard Ohse

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