Sophie Schuhose aus Wahrenholz berichtet von ihren Erlebnissen in Südafrika

Ein Jahr in Kapstadt

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Sophie arbeitet in einem Heim für vernachlässigte oder ausgesetzte Kinder.

Kapstadt/Wahrenholz. Sechs Monate bin ich nun schon in Südafrika – und weitere sechs stehen mir noch bevor. Hi, ich bin Sophie, 19 Jahre alt und freie Mitarbeiterin des Isenhagener Kreisblattes.

Seit August 2016 befinde ich mich in Kapstadt, um meinen zwölfmonatigen Freiwilligendienst im Baitul Ansaar Child Care Center in einem Vorort abzuleisten.

Die Vorbereitungen

Es ergaben sich auch Gelegenheiten für Höhlenerkundungen oder Trailrunning. 

Diese Möglichkeit gaben mir die Organisation ICJA (Internationaler Christlicher Jugend Austausch) und das Förder-Programm weltwärts, das 75 Prozent der Kosten für meinen Aufenthalt und den Flug übernimmt. Auf der Internetseite des ICJA beworben habe ich mich schon im Herbst 2015, erhielt eine Einladung zum Info-Seminar und im Dezember auch endlich die Platzzusage für – leider keines meiner angegebenen Wunschländer, sondern Südafrika. Ich muss ehrlich sagen, dass ich zu Anfang ein wenig enttäuscht war... und nun umso begeisterter von meinem Gastland. Monate voller Aufregung und auch Stress, in denen ich mich um meinen Förderkreis (über dessen Spenden die restlichen 25 Prozent zusammengetragen werden müssen) und mein Visum kümmern musste, mündeten in das zehntägige Vorbereitungsseminar des ICJA. Dort wurden Themen wie Rassismus, Privilegien und Kolonialismus und dessen Folgen ausführlich behandelt und alle Freiwilligen der Ausreise Sommer 2016 lernten einander kennen.

Kriminalität in Kapstadt

Die Wochenenden nutzt Sophie Schuhose, um besonders die Natur Südafrikas kennen zu lernen.

Fünf Tage später ging es für die Südafrika-Freiwilligen auch schon los ins Abenteuer... Ich hatte keine Ahnung, was mich erwartet. Von Südafrika hört man nicht besonders viel in den Nachrichten, da es hier keinen Krieg gibt und das Land mittlerweile als Schwellenland eingestuft wird. Auch ist es nicht wegen extremer Armut oder Terrorismus in den Schlagzeilen. Natürlich habe ich mich ein wenig über mein Zuhause für das nächste Jahr informiert und wusste: Kapstadt hat ein riesiges Drogen- und Kriminalitätsproblem. Insbesondere in den Vororten (wo wir wohnen und arbeiten würden) hat die Stadt mit Gangs zu kämpfen, die teilweise ganze Viertel kontrollieren. Dementsprechend ängstlich und nervös war ich, als ich hier ankam. Als Weiße würde ich im Vorort Mitchell’s Plain, in dem vor allem Coloreds (die Bezeichnungen, die in der Apartheid üblich waren, sind noch immer geläufig) wohnen, natürlich extrem auffallen. Jetzt kann ich sagen: Alles halb so wild. Ich will die hohe Kriminalitätsrate und die Gefahr eines Überfalls nicht leugnen – mir selbst ist aber bisher nichts passiert. Ich will allerdings nicht verschweigen, dass versucht wurde, bei meiner Gastfamilie einzubrechen. Da die Häuser hier aber gesichert sind wie Hochsicherheitsgefängnisse, hat das nicht geklappt. Besonders betonen will ich an dieser Stelle die Offenheit und Gastfreundschaft aller Südafrikaner, die ich bisher kennenlernen durfte!

Das Projekt

Nach einem fünftägigen Camp mit unseren hiesigen Organisationsleitern kamen wir in unsere Gastfamilien und begannen die Arbeit in unseren Projekten. Meine Gastfamilie, in der ich mit einer anderen Freiwilligen wohne, ist unglaublich lieb, fürsorglich und stets um uns bemüht. Von meinem Projekt bin ich genauso begeistert: Es handelt sich um ein Heim, das vernachlässigte, misshandelte und ausgesetzte Kinder oder auch Waisen im Alter von bis zu elf Jahren aufnimmt und sich um deren Weitervermittlung kümmert – zu Verwandten, anderen Heimen oder, wenn es gut läuft, zurück zu den Eltern. Für die Kinder im Alter von zwei bis fünf Jahren, mit denen ich die vergangenen Monate gearbeitet habe, gibt es ein kindergartenähnliches Programm.

Für die Kinder ist das Heim in ihren familiären Situationen vermutlich das beste, was ihnen passieren kann, sie werden mit Liebe und Zuneigung behandelt! Dennoch merke ich, dass jedes Kind seine eigenen Bezugspersonen wie die Eltern braucht, um sich richtig und gesund entwickeln zu können. Denn bei 13 Kleinkindern kann für individuelle schlechte Laune oder einen Wutanfall schlechter Platz und Zeit gefunden werden. Es wird anders damit umgegangen: So wird ein Kind schneller verbal oder mit einem Schlag auf die Finger gemaßregelt, anstatt ihm die schlechte Laune durchgehen zu lassen. Insgesamt wird mehr Gehorsam verlangt, weil sich die Kinder liebend gerne mit Unfug anstecken und dann versinkt alles ziemlich schnell im Chaos aus heulenden, schlagenden und streitenden Dreijährigen. Auch ist sehr auffällig, dass sich fehlende Mutter- und Vaterliebe negativ auf jedes Kind auswirkt, egal, wie viel Liebe man ihnen als „Auntie“ zuteil werden lässt.

Natürlich sind bei uns ohnehin viele Kinder, die in ihren jungen Jahren schon mehr furchtbare Dinge erlebt haben, als man sie in einem ganzen Leben durchmachen sollte. Dass sich dies auf das Verhalten und die soziale Kompetenz auswirkt, ist kaum verwunderlich. Trotzdem wird versucht, den Kindern das Leben so angenehm wie möglich zu machen: Oft kommen lokale Freiwillige, die entweder Essen, Spielzeug oder etwas von ihrer Zeit spenden, und wir machen Ausflüge in den Park, ins Schwimmbad, in Zoos...

Freizeit

Bei der Arbeit verbringe ich aber nur fünf Tage in der Woche – es gibt ja noch das Wochenende, das wir Freiwilligen nutzen, um Kapstadt und Umgebung zu erkunden. Gleich zu Beginn sind wir natürlich auf den Tafelberg gewandert. Im Laufe der Zeit haben wir auch den Lion’s Head und den Signal Hill erklommen – weniger bekannte Berge, zu dessen Füßen Kapstadt liegt und die das Panorama perfekt machen. Die Innenstadt und die Waterfront gehörten selbstverständlich auch zu unseren ersten Zielen. Mittlerweile kamen das Kap der Guten Hoffnung und die Elephant’s Eye Cave sowie die Pinguin-Kolonie in Simon’s Town, der West Coast National Park und diverse Strände (darunter Muizenberg, bekannt als Surfer-Spot), Stadtviertel und natürlich die dazugehörigen Food-Markets und so einige Restaurants hinzu. Ich verbringe außerdem viel Zeit in der wundervollen Natur um die Berge herum, um einem Hobby zu frönen, das perfekt hierher passt: Trailrunning – Laufen abseits von asphaltierten Straßen auf Bergpfaden und unebenem Gelände.

Die letzten sechs Monate sind wie im Flug vergangen, trotzdem vermisse ich Deutschland und meine Familie, meinen Freund und meine Freunde natürlich. Was mir ebenfalls sehr fehlt, ist das Essen, an das ich gewöhnt bin – als Vegetarierin oder Veganerin hat man es in der selbsternannten „Braai“-Nation (das südafrikanische Wort für Barbecue) nämlich eher schwer...

Von Sophie Schuhose

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