Groß Oesingen: Direkt neben Wohngebiet und Radweg wird gejagt und geschossen / Anwohner haben Angst

„Ich fühle mich nicht mehr sicher“

Der Radweg läuft entlang des Jagdgebietes. Rechts befindet sich der Ansitz des Jägers, der allerdings nicht den ganzen Radweg einsehen kann. Radfahrer könnten plötzlich aus dem Nichts auftauchen.

Groß Oesingen. „Ich fühle mich nicht mehr sicher“, sagt Friedhelm Mohring aus Groß Oesingen. Er ist Pächter einer Wiese, die von Jägern als Jagdgebiet genutzt wird. „Die Schüsse gehen immer in Richtung unseres Wohngebietes“, schildert er.

Ein Wohngebiet befindet sich direkt angrenzend an das Jagdgebiet in Groß Oesingen. Die Hausbesitzer fühlen sich nicht mehr sicher. Auch Schafe grasen nebenan. Fotos: Scholz

Mohring und seine Ehefrau Anke sowie die Nachbarn Ingo und Helga Labenski fühlen sich deswegen unwohl, wenn sie raus in den Garten oder auch einfach nur spazieren gehen. „Ein Weg, den viele Spaziergänger benutzen, führt genau an dem Gebiet vorbei. Außerdem führt zusätzlich noch ein Radweg dort entlang“, erklärt der Groß Oesinger, der bereits seit 1989 offiziell einen Pachtvertrag besitzt. Das sei gefährlich. Der Jäger, so Mohring, habe von seinem Ansitz aus keine Einsicht auf Teile des Radweges und ebenfalls nicht auf die Häuserreihen. „Gerade abends mag ich nicht mehr rausgehen“, sagt Anke Mohring. Gerade jetzt, wo die Bockjagd beginne.

Bedenklich sei auch, dass nicht zu erkennen sei, wann und ob gejagt werde. Seit 2004 werde dort stärker gejagt. Diesen Eindruck haben die Hausbewohner. „2008 war ich mit dem Hund spazieren und direkt vor mir wurde ein Fuchs erschossen. Der Schuss hätte vielleicht auch meinen Hund oder mich treffen können“, spekuliert Anke Mohring. Trotz der empfundenen Bedrohung möchte das Ehepaar und auch die Nachbarn ihr Zuhause natürlich nicht aufgeben. Mit dieser Angst weiterleben wollen sie aber auch nicht.

Friedhelm Mohring ist Pächter dieser Wiese. Im hintersten Teil steht der Ansitz der Jäger.

Ralf-Dieter Utta von der Jagdbehörde des Landkreises Gifhorn hat keine Bedenken. „Ich sehe da momentan keinen Bedarf und auch keine Möglichkeit. Eingreifen kann ich nur, wenn im Vorfeld etwas vorliegt“, erklärt er auf IK-Anfrage. Jeder Naturnutzer – sei es der Jäger, Radfahrer oder Spaziergänger – müsse auf den anderen Rücksicht nehmen. „Das gilt natürlich besonders für den Jäger, der seine Wege und sein Wild immer im Auge haben muss“, sagt Utta. Dafür gebe es aber den Jagdschein und die Ausbildung. Das Gebiet in einen befriedeten Bezirk umzuwandeln, so wie es die Groß Oesinger Paare gerne sehen würden, hält er momentan für nicht umsetzbar. Es gibt natürlich die Möglichkeit, solch einen Bezirk umzuwandeln, aber dafür müssen die Voraussetzungen passen. Hier denkt Utta zum Beispiel an ein durchgängig eingezäuntes oder ein eingeschlossenes Gebiet innerhalb einer Siedlung. Das sei in Groß Oesingen jedoch nicht gegeben. „Es gibt also Sonderfälle, die dann umgewandelt werden, nachdem eine Ortsbegehung stattgefunden hat“, erklärt er. Einem Jäger könne man aber nicht einfach verbieten, in freier Landschaft die Jagd auszuüben, denn das sei zulässig. „Aber er muss eben die Sicherheitsbestimmungen beachten“, gibt Utta zu bedenken.

Dem stimmen auch Kreisjägermeister Jürgen-Hinrich Kohrs und Jürgen Dierks vom Hegering Groß Oesingen zu: „Schützen haben sicherzustellen, dass die Sicherheit anderer gewährleistet ist, denn jeder Schütze ist für einen Schuss selbst verantwortlich“, erklären die beiden. Dann müsse man sich auf die Zuverlässigkeit des Jägers verlassen, denn es gebe keine Regelung, wie weit entfernt ein Jagdgebiet von Wohngebieten entfernt liegen muss.

Wie weit eine Kugel fliege und wie laut der Schuss ertöne, hänge von vielen Faktoren ab. „Letzlich beruht das Ganze auf einem subjektiven Empfinden der Anwohner“, meint Jürgen Dierks.

Zu einem guten Miteinander könne beitragen, dass der Jäger mit den direkt betroffenen Anwohnern kurz Absprache hält, wann er im Gebiet ist. „Gerade im Mai ist die Rehbockjagd aufgegangen“, informiert Kohrs. Dies könne man kommunizieren und dann können sich alle Beteiligten darauf einstellen. Kohrs bietet sich auch gerne als Vermittler an, falls es zwischen den Groß Oesinger Hausbesitzern und dem Jäger keine Einigung geben sollte.

Letztlich, so sind sich Kohrs und Dierks einig, muss jeder Jäger das Risiko abschätzen. Das hat er bei der Prüfung für seinen Jagdschein gelernt. Jäger seien darauf sensibilisiert, Sorgfalt walten zu lassen, bekräftigt Dierks.

Von Maike Scholz

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