Michael Schadwinkel aus Gifhorn-Kästorf und seine Condor A 580 von 1949

Das Eisenschwein

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Michael Schadwinkel aus Kästorf nennt seine Condor A 580 von 1949 liebevoll „Eisenschwein“. Mit seinem 20-PS-Motor schafft das Motorrad Geschwindigkeiten bis zu 100 Stundenkilometern.

Kästorf. „Eisenschwein“, nennt Michael Schadwinkel (63) aus Kästorf seine Schweizer Condor A 580. Es hat so gar nichts mit dem Raubvogel der Anden gemein, wirkt eher wie ein massiger Wasserbüffel. „Eisenschwein habe ich immer meine großen Motorräder genannt.“

Hier passt es besonders gut. Schadwinkel ist ein Automensch, er ist sogar in der Autohandlung seines Vaters geboren, statt Zuhause oder im Krankenhaus. Aufgewachsen mit Pkws und Motorrädern aller Art und Größenklassen, wurde er nach einer Elektrikerlehre selbst Autohändler. Dabei hat er viel rares Blech gesehen und viele seltene Fahrzeuge gehabt. Aber dieses Motorrad von 1949 stellt alles in den Schatten.

Schadwinkel bekam die Condor angeboten, als er eigentlich nur Autoteile kaufen wollte. „Auf dem ersten Blick dachte ich, es sei ein altes Russen-Motorrad. War es aber nicht!“ Die Maschine machte ihn neugierig, zudem gefiel sie ihm. Er nahm sie mit. Dann begannen die Recherchen und Probleme. „Ich hatte keinen Zündschlüssel dafür“, sagt Schadwinkel. „Über Umwege konnte ich mir einen Schlüssel von jemandem leihen, der eine Condor-Zivilmaschine besaß. Zum Glück passte der Schlüssel!“

Die Schweizer hatten es sich einfach gemacht. Auch dachten sie weiter, denn die Condor besitzt gleich zwei Zündschlösser; eines für die normale Batteriezündung, und eines unter der Lampe. „Dort sitzt ein Umschalter, der den Strom von der Lichtmaschine direkt auf die Zündung leitet.“ Schadwinkel kennt sein Eisenschwein nach all den Jahren ganz genau. Informationen über das seltene Modell hat er sich mühsam und weltweit einholen müssen.

Die Condor ist ein Motorrad für einen Krieg, der nie kam. Eine Tarnlampe ist am vorderen Kotflügel angebracht, bietet jedoch eine eher spärliche Lichtausbeute. Ein Seil zum Bergen oder Abschleppen war ebenso Standard im Militär wie die hochgezogenen End-rohre des Auspuffs oder der Sozius. Durchgängig mit Steckgewinde verschraubt, reichen drei Schlüsselgrößen, um das Motorrad zu zerlegen. Vorder- und Hinterrad sind untereinander austauschbar.

Für die Armee musste es für den „Ernstfall“ einfach sein. Und stabil. Im Starrahmen sitzt ein seitengesteuerter Boxer-Motor mit 20 PS. Das Getriebe mit acht Gängen (vier für den Straßenbetrieb und weitere vier für Geländefahrten) überträgt mittels Kardanwelle die Kraft nach hinten. Damit dürfte die gut 200 Kilogramm schwere Condor in der Motorradwelt sicher einmalig sein. Typisch für Schweizer Modelle sind der rechts angebrachte Schalthebel und die linkseitige Bremse.

Die vordere Alubremstrommel mit 270 Millimeter Durchmesser ist zwischen Rad und Gabel rechts montiert und mit drei Bolzen mit dem Rad verschraubt. Die Bremstrommel am Hinterrad ist genauso groß. Auf der linken Seite ist auch das Tellerrad des Kardanantriebs befestigt und wirkt als kombinierte Brems-Antriebseinheit. Die Auspuffanlage besteht aus jeweils einem Rohr pro Zylinder, das zum Schalldämpferkasten neben dem Hinterrad geführt wird. Dünne Endrohre entlassen die Abgase nach außen. Die Zylinder sind kürzer als etwa bei BMW-Boxermotoren und so ist eine größere Schräglage möglich. Dennoch fährt man lieber geradeaus. Schadwinkel weiß: „Aus Kurven ist die Karre wegen ihrer Parallelogramm-Gabel kaum wieder herauszubekommen!“ Keine Maschine also für anspruchsvolle Zivilisten oder große Leute. Auch Schadwinkel hat seine Mühen. „Früher waren die Leute wohl kleiner“, vermutet er.

In schöner Regelmäßigkeit veräußerte das Schweizer Militär in Thun ausgediente Motorräder, deren „Instandstellung“ nicht mehr lohnte oder weil sie einfach zu alt waren. In diesen Zusammenhang hat sicher auch Schadwinkels Maschine den Weg in zivile Hände gefunden. Nach Jahren und Strapazen von Eskorten-Fahrten, Fahrschulstunden oder Übungstouren durch das Bergland, steht die Condor mit der großen Nummer 85779 auf dem 14-Liter-Tank, entsprechend gezeichnet vor der Garage. Die sehr seltene A 580 ist ein Brocken und wirkt in ihrem grauen Streichlack unzerstörbar wie ein Felsen. Die Schweizer Armee hatte bis 2001 alle Condor-Motorräder ausgemustert und fährt seitdem wieder ausländische Maschinen. Condor beendete 1978 mit dem Modell A 350 die Motorradproduktion.

Von Tobias Tantius

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