Jens Winter präsentiert bei Bromer Mühlenplauderei 95 Jahre alte Pflanzen

Blumenstrauß von der Ostfront

Heimat- und Museumsvereinsvorsitzender Jens Winter zeigt die Blumen, die der Soldat Max Pötschick vor seinem Schützengraben für seine Flamme vor genau 95 Jahren gepflückt hatte. Foto: Heide

Brome. Millionen Tote, Gasangriffe, Verdun – der Erste Weltkrieg brachte großes Leid. Doch es ist nur schwer nachvollziehbar, was die Soldaten erlebten, wenn man nicht selbst den Krieg kennt und lediglich blanke Zahlen und Fakten vorgesetzt bekommt.

Anhand von Einzelschicksalen wird dieses Bild schon etwas verständlicher – zum Beispiel mit Feldpostbriefen und Tagebüchern.

Bei der Mühlenplauderei des Museums- und Heimatvereins Brome am Donnerstag stellte der Vereinsvorsitzende Jens Winter von fünf Männern Briefe und Tagebucheinträge vor, die neben den Schilderungen der Kriegsereignisse auch etwas über die Menschen hinter der Feder Preis gaben.

Der Soldat Max Pötschick aus Lübben im Spreewald kämpfte an der Ostfront und offenbarte in seinen Schreiben an seine „Liebe, treue Mathilde“, nicht nur dass er sein Herz an die Dame verloren hatte. Er zeigte sich auch in Sachen Rechtschreibung sehr kreativ. Er schrieb, wie er sprach. „S-c-h-b-l-i-t-e-r“, buchstabierte Jens Winter und gab zu: „Bei dem Wort habe ich länger gerätselt.“

Pötschick sorgte mit seiner Korrespondenz noch für eine weitere Überraschung. Am 3. September 1916 – also vor genau 95 Jahren – schickte er Mathilde einen kleinen Blumenstrauß, den er vor seinem Schützengraben in Russland gepflückt hatte. Dieser blieb erhalten und wurde von Jens Winter den knapp 30 Gästen gezeigt.

Bei der Plauderei las der Vereinsvorsitzende außerdem aus den Tagebüchern vom Brechtorfer Wilhelm Hillendahl vor, der auch Verbindungen in die Bromer Ecke hatte. Der Eisenbahn-Ingenieur, dessen Tochter am Donnerstag zum Publikum in der Refeldtschen Mühle gehörte, sah viele Kriegsschauplätze und schrieb viele Zahlen in seinen Aufzeichnungen nieder. „Ein Geschoss kostet 300 Mark. 2000 Stück sind gelagert. Munition im Wert von 600 000 Mark“, lautet eine kleine Passage seiner Texte. Neben den Zahlen gab es aber auch Platz für Scherze. „Die Weinverhältnisse sind glänzend“, notierte er. „Man muss Angst haben mit einer Weinnase nachhause zu kommen“, schreibt Hillendahl am Anfang des Krieges in sein Tagebuch.

Die Aufzeichnungen von Oskar Volkmann aus Halle an der Saale enthalten seine Erlebnisse von der Revolution am 9. November 1918, die er in Berlin als Offizier bei der Landaufnahme erlebte. Noch am Morgen des geschichtsträchtigen Tages hält er fest, dass alles ruhig sei. Doch bei einem Spaziergang zum Tiergarten wehen bereits „rote Lappen an den Autos“ und wenig später verkündet die Vossische Zeitung die Abdankung des Kaisers. „So stürzt des Deutschen Reiches Herrlichkeit“, kommentiert Oskar Volkmann wehmütig die Ereignisse in seinem Tagebuch.

Von Marco Heide

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