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Weihnachten am Bahnhof feiern

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Die jungen Instrumentalisten auf einem Blick. © Kayser

Isenhagen. „Achtung an Gleis drei, der Zug aus Emmen fährt ein. Vorsicht an der Bahnsteigkante!“, schallt es aus dem Lautsprecher. Bremsen quietschen. Stahl reibt sich. Fahrgäste springen aus dem Zug. Andere schleppen schwere Koffer, tragen Rucksäcke.

Eine richtige Bahnhofskulisse mit Signalen, einer Uhr, Lautsprecher und viel Hektik umgibt die Ankommenden. Dreimal das gleiche Spiel… Am Samstagabend in der Klosterkirche Isenhagen.

Denn die Züge kommen auch aus Hankensbüttel und Obernholz und sie halten eine knappe Stunde. Solange, wie die traditionellen Advents- und Weihnachtslieder, die in das Geschehen szenisch eingebettet wurden, in der Klosterkirche erklingen werden.

Zug für Zug rollt ein: „Herzlich willkommen am Bahnhof Isenhagen! Wir begrüßen Sie zum lebendigen Adventskalender vom 10. Dezember 2011 und beginnen, wie in jedem Jahr, mit dem Lied ‘Trag in die Welt nun ein Licht’.“

Gespannt verfolgen die Zuhörer das Getümmel auf dem Bahnhof, dessen Hektik von besinnlichen Weihnachtsliedern unterbrochen wird. Von „Vom Himmel hoch“ bis „Maria durch ein Dornwald ging“ und „O du fröhliche.“ Claudia Kasprzyck, Dirigentin, Instrumentalistin und Schaffner in Uniform, lenkt die weihnachtliche Story, die auf einem Bahnhof an Heiligabend genauso passieren könnte, gefühlvoll und sicher bis zum Finale.

Ein Obdachloser betritt die Szenerie, er stellt drei Stühle nebeneinander, die er in seinem Wagen mitgeführt und sagt spöttisch: „Das ist meine Dreizimmer-Wohnung hier!“ Der Bahnhof, der vielen Reisenden ansonsten das stete Gefühl von Abschied und Wiederkehr – Ankunft gibt – ist jetzt sein zu Hause. Wird auch er, der Obdachlose, einmal ankommen?

Nach dem instrumentalen Vorspiel setzt der große Chor klangrein ein: „Vom Himmel hoch…“ Der Arbeitslose seufzt: „Vom Himmel, ich komme nicht aus dem Himmel, sondern direkt aus dem Obdachlosenheim, da sind wegen der lausigen Kälte im Land so viele Leute, dass ich es einfach nicht mehr ausgehalten habe. Ich glaube, ich bin der einzige, der Weihnachten seine Ruhe haben möchte. Doch gestern habe ich diese CD aus dem Müll gezogen mit den schönsten Weihnachtsliedern. Nagelneu? Keine Kratzer! Warum die jemand wohl weggeworfen hat? – Ich mag Musik. Früher habe ich Geige gespielt und im Schulchor gesungen. Aber seit ich meine Arbeit verloren habe und über Nacht auf der Straße stand, war mir nicht mehr zum Singen zumute.“

Der Obdachlose, der den Leuten auf dem Bahnhof die schönen Weihnachtslieder vorspielen möchte, spricht einen Vorübereilenden an und fragt: „Sagen Sie mal, singen Sie gerne?“ Die Antwort kommt prompt: „Ach, gehen Sie weg, lassen Sie mich doch in Ruhe …“ Keine Zeit für Musik? Keinen Mut zum Singen? - Und mal ehrlich: Möchten Sie Weihnachten auf einem Bahnhof verbringen?

Später macht die Hauptperson im Stück (Jürgen Brates) mit einem verständnisvollen Polizisten Bekanntschaft, die Weihnachten Weihnachten sein lassen, und er staunt über junge Leute, die singen, die mit ihm sprechen, die nicht nur an sich denken. Er lernt aber auch eine alte Frau (Elsa Burghard) kennen, die weiß, wie einsam man sich Weihnachten fühlen kann.

Nachdenklich, besinnlich, unterhaltsam Gedankenanstöße zu geben – das wollten der Cantate-Chor, die Cantate-Teens, die Instrumentalisten des Musikhauses Kasprzyck und Solistin Johanna Eggers mit ihrer Aufführung „Weihnachten am Bahnhof?“ erreichen. Sie erfüllten die Klosterkirche mit Musik, Spiel und Gesang und erhielten langanhaltenden Applaus . Am 26. Dezember um 11 Uhr in der St. Katharinenkirche in Knesebeck treten die Hankensbütteler Akteure noch einmal auf.

Von Jürgen Kayser

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