Nachweis einer Gerberei aus 12. Jahrhundert 

Steinhorst „ein paar Jahre älter gemacht“

Die Ausgrabungen in Steinhorst auf dem Gelände des ehemaligen Gasthauses Heine.
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Bevor die Edeka-Filiale an der Steinhoster Marktstraße gebaut werden kann, war die Gifhorner Kreisarchäologie am Werk.
  • VonBurkhard Ohse
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Steinhorst – Es stinkt nach 800 Jahren immer noch an einer bestimmten Stelle in Steinhorst. Denn dort, wo einst das altehrwürdige Gasthaus Heine stand, das bekanntlich wegen des geplanten Baus eines Edeka-Marktes abgerissen wurde, fand die Kreisarchäologie gemeinsam mit der archäologischen Arbeitsgruppe im Juli 2020 Reste einer Gerberei, wie Kreisarchäologe Dr. Ingo Eichfeld jetzt bei seinem Online-Jahresrückblick den 100 Teilnehmern berichtete.

Schon vorher war das Areal von einer Archäologie-Firma untersucht worden, aber, „wie es in der Archäologie manchmal so ist“, beim fünften Grababschnitt und an der Grenze fand man dann „spannende Ergebnisse“. Einen Lohkasten mit Tierhäute-Resten, Eicheln und eben dem typischen Gestank einer Gerberei.

Am ehemaligen Marktplatz stand das Gasthaus mutmaßlich seit 1615, sagte Eichfeld. Eine erwähnte Krügerei und Bierschenke war schriftlich allerdings nicht mit Adresse hinterlegt. Auf jeden Fall sei das Gasthaus Heine ab etwa 1770 verbürgt.

Jahrhunderte vorher stand auf dem Areal dagegen die Loh- oder Rotgerberei, eine spezialisierte Form der Gerberei, die Rinderhäute zu strapazierfähigen, kräftigen Ledern verarbeitete, beispielsweise für Schuhsohlen, Stiefel, Sättel oder Ranzen. „Der Standort hatte alles, was eine Gerberei brauchte, vor allem viel Wasser, weil er an der Lachte gelegen ist“, so Eichfeld. Auf einer Karte von 1873 ist am Gerbereistandort noch eine frühere Bebauung zu sehen. Zuletzt war dort für Jahrzehnte Gartenland, so Eichfeld. Auch Stallungen standen in dem Bereich, wie Dungeinträge und entsprechende Humusschichten belegen.

Zudem fand man noch Teile der Gebäude, eine Felssteinpackung und eine hölzerne Rinne im Boden sowie Tierbestattungen, so von Hunden und Schafen oder Ziegen, dazu Schlachtabfälle. Am vorletzten Tag gelang dann der interessanteste Fund, der 1x1,30 Meter große Holzkasten, der auch viele Keramik-Scherben aus dem 12. Jahrhundert beinhaltete. Das Alter passte zum festgestellten Alter des Kastens, der um das Jahr 1170 datiert werden konnte. „Damit haben wir Steinhorst gleich ein paar Jahre älter gemacht“, bemerkte Eichfeld. Denn die urkundliche Ersterwähnung ist im Jahre 1244.

Der „bestialische Gestank“, der damals in der Gerberei herrschte, habe sich bis heute erhalten. Die Mitarbeiter hätten den Geruch tagelang noch an ihren Händen gehabt. Damals wurden die Tierhäute mit Kalk und Schabern behandelt, bis zu eineinhalb Jahre bearbeitet, um Fett- und Fleischreste zu entfernen, und gelagert, bevor sie gebrauchsfähig waren, erklärte Eichfeld. Wegen der extremen Geruchsbelästigung waren Gerbereien damals oft an den Ortsrändern zu verorten.

Aufgrund der Funde habe man in die Baugenehmigung gleich hineingeschrieben, dass zusätzliche Grabungen durchgeführt werden, sofern sie nötig sind, gab Eichfeld bekannt. Der künftige Betreiber sei demgegenüber aufgeschlossen.

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