KVN will nach Schilderungen eines Hankensbüttelers Abläufe und Schnittstellen überprüfen

Odyssee nach Augenverletzung

Der Hankensbütteler Stefan Heinrichs durchlebte jetzt nach einer Augenverletzung eine medizinische Odyssee. Die Kassenärztliche Vereinigung nimmt seine Schilderungen zum Anlass für eine Überprüfung der Abläufe.
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Der Hankensbütteler Stefan Heinrichs durchlebte jetzt nach einer Augenverletzung eine medizinische Odyssee. Die Kassenärztliche Vereinigung nimmt seine Schilderungen zum Anlass für eine Überprüfung der Abläufe.
  • Paul Gerlach
    vonPaul Gerlach
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Hankensbüttel/Braunschweig – Eine medizinische Odyssee erlebte der Hankensbütteler Stefan Heinrichs nach einer bei der Gartenarbeit erlittenen Augenverletzung.

Heinrichs’ Fall zeigt auf, unter welchen teils schwierigen Bedingungen Behandlungen in Corona-Zeiten derzeit vorgenommen werden müssen – was sowohl für die Patienten als auch für das medizinische Personal Herausforderungen mit sich bringt.

Heinrichs hatte sich am Donnerstag, 26. November, verletzt. Nach erster Besserung ging es ihm ab Samstagmittag schlechter. Zum Hintergrund: Seine Frau und er befanden sich seit dem 20. November bis zum 4. Dezember in Kontakt-Quarantäne, da ihr Sohn positiv getestet worden war. „Wir wurden aber nicht getestet, da keiner von uns Symptome zeigte“, so der 38-Jährige. Das habe er bei jedem Anruf – etwa beim Versuch, über den Patientenservice unter 116117 einen Arzt/Praxis/Klinik genannt zu bekommen – erwähnt. Auch, dass ein zweiter Test beim Sohn negativ war.

Heinrichs scheiterte zunächst an zwei abgebrochenen Telefonaten. Bei einem weiteren Versuch wurde er an den augenärztlichen Bereitschaftsdienst in Braunschweig verwiesen, der durch die Kassenärztliche Vereinigung (KVN) betrieben wird und im Städtischen Klinikum Salzdahlumer Straße untergebracht ist. Nach einem Anruf in der Praxis wurde ihm mitgeteilt, dass der Arzt bereits Feierabend habe und er sich am nächsten Tag melden soll, da ihm dort keiner mehr helfen könne.

„Eine Augenverletzung am Donnerstag hätte vermutlich zunächst in die Regelversorgung eines Augenarztes am Freitag während der Sprechstundenzeiten gehört“, sagt der Geschäftsbereichsleiter „Vertragsärztliche Versorgung“ bei der KVN-Bezirksstelle Braunschweig, Ulrich Brunke, auf IK-Anfrage. Trotz der Quarantäne wäre zumindest eine telefonische Abklärung über den weiteren Fortgang möglich gewesen.

Fahrt umsonst

Nach einem erneuten Anruf am Sonntag um 8 Uhr wurde Heinrichs auf die Öffnungszeit von 10 bis 16 Uhr verwiesen, er solle sich um 10 Uhr melden (laut Brunke war die Dienstzeit am Vortag im gleichen Zeitraum gewesen). Heinrichs machte sich aufgrund der langen Strecke von Hankensbüttel nach Braunschweig schon vorher auf den Weg, seine Frau fuhr ihn. „Bei meinem ersten Anruf von dort stand ich bereits vor der Klinik, da wurde ich wegen der Quarantäne direkt abgewiesen und auf den Rettungsdienst 112 verwiesen. Ich solle mich mit einem Krankenwagen einliefern lassen, so könne man nichts machen.“ Auch sein Hinweis, dass er schon vor der Klinik stehe, habe nichts geholfen. So machte er sich erstmal wieder auf dem Heimweg.

„Der Verweis auf den Rettungsdienst und eine stationäre Behandlung kann tatsächlich nicht nachvollzogen werden. Dies war nicht angezeigt und wird intern aufzuarbeiten sein, damit sich so etwas nicht wiederholt“, sagt Brunke dazu.

Wieder zu Hause angekommen, rief Heinrichs zunächst die 116117 an. Die diensthabende Ärztin sagte, dass sie gerne kommen könne, aber ohne die passenden Geräte nichts machen könne. Das sei etwas für einen Facharzt. Letztlich rief Heinrichs die 112 an. Der Fahrer des Rettungswagens habe nicht verstehen können, warum dieser ihn transportieren solle, da er auch die Möglichkeit gehabt hätte, sich fahren zu lassen und er somit den Krankenwagen nicht Anspruch nehmen müsse. Der Rettungssanitäter habe mit dem Bereitschaftsarzt in der Augenklinik Braunschweig eine Begutachtung/Behandlung durch den Arzt vereinbart – aus dem Auto heraus auf dem Parkplatz. Dazu sollte sich Heinrichs um 15.45 Uhr dort am Haupteingang – im Auto sitzend – einfinden und telefonisch seine Anwesenheit anmelden. „So standen wir nun da, und auf einmal kam eine Angestellte in Schutzkleidung heraus und hat mir aus anderthalb Metern Entfernung ins Auge geschaut – ohne jedes Instrument – und übergab mir eine Salbe.“ Wenn es nicht besser werde, solle sich Heinrichs am Montag nochmals telefonisch melden und zu 22 Uhr kommen beziehungsweise telefonisch beraten werden. Mehr könne man nicht für ihn tun.

Schnelltest negativ

Da aber das Auge nicht besser wurde, wurde am Montag weiter telefoniert. Stefan Heinrichs und seine Frau Christine wurden fast drei Stunden lang von einer Nummer zur nächsten verwiesen, schlussendlich wählte Heinrichs erneut die 112. Es wurde ein Schnelltest vereinbart, der negativ war. Die Voraussetzung dafür, dass Heinrichs in die Klinik gefahren werden durfte. „Was bei einem positiven Test passiert wäre, möchte ich lieber nicht wissen“, sagte er. Er sei ganz normal in das Wartezimmer zwischen die anderen Patienten gesetzt worden. Es seien keine Extra-Schutzmaßnahmen getroffen worden. Es stellte sich heraus, dass der 38-Jährige eine Verletzung der Netzhaut erlitten habe, die beobachtet werden sollte und eine Nachbehandlung durch einen Augenarzt benötigt. Da die Schnelltests nur zu etwa 50 Prozent sicher sind, blieb seine Quarantäne bis 4. Dezember bestehen. „Wir fühlen uns vom Gesundheitssystem im Stich gelassen“, moniert seine Ehefrau Christine.

„Sehr bedauerlich“

„Die Odyssee des Herrn Heinrichs ist sehr bedauerlich“, hält Brunke fest. Heinrichs’ Schilderungen und Erlebnisse seien die Veranlassung dafür, dass die KVN die Abläufe und insbesondere die Schnittstellen der ambulanten und stationären Notfallversorgung überprüfe. „Wo es Verbesserungsbedarf gibt, wird dieser im Rahmen des Möglichen umgesetzt werden“, betont Brunke. Dass bei Heinrichs vor der Untersuchung kein Test gemacht wurde, sei nachvollziehbar. Ein regulärer Nasen-/Rachenabstrich mit anschließender Laborauswertung erfordere Zeit, die hier nicht zur Verfügung gestanden habe. Die Schnelltests seien bisher nur für bestimmte Einsatzbereiche und nicht vor jeder ambulanten ärztlichen Untersuchung vorgesehen. Das sei nicht darstellbar.

Gestern war Heinrichs noch mal beim Augenarzt: Inzwischen ist glücklicherweise wieder alles in Ordnung mit dem Auge.

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