Nach Funden: Erste Vermutungen zu Herkunft

90 Stahlhelme, Panzerfäuste, Granaten: Nicht nur Bokel rätselt über Hinterlassenschaften

In Bokel an der Straße Zur Günne waren auf dem Baugrundstück von Johannes Plieth in der vergangenen Woche 90 Stahlhelme, Panzerfäuste, Maschinengewehre mit etwa 200 Schuss Munition, 14 Granaten und etliche Gasmasken gefunden worden. Deren Herkunft ist immer noch unklar. FotOs: Morrison
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In Bokel an der Straße Zur Günne waren auf dem Baugrundstück von Johannes Plieth in der vergangenen Woche 90 Stahlhelme, Panzerfäuste, Maschinengewehre mit etwa 200 Schuss Munition, 14 Granaten und etliche Gasmasken gefunden worden. Deren Herkunft ist immer noch unklar. FotOs: Morrison

Bokel – Erst der Waffenfund in Bokel an Silvester, dann die Kampfmittelbergung in der vergangenen Woche (das IK berichtete): An der sonst beschaulichen Straße Zur Günne war in den vergangenen anderthalb Wochen eine Menge los.

Die Funde stoßen auch bei Archäologen und Historikern auf Interesse.

Mutmaßlich handelt es sich um Wehrmachtsfunde.

Der Kampfmittelbeseitigungsdienst hatte nach und nach letztlich rund 90 Stahlhelme, aufmunitionierte Panzerfäuste, Maschinengewehre mit etwa 200 Schuss Munition, 14 Granaten und etliche Gasmasken aus dem Boden geholt. „Die Sachen lagen in einem Meter Tiefe unter dem Mutterboden und waren auf einer größeren Fläche verstreut“, berichtete Johannes Plieth über die mutmaßlichen Wehrmachtsfunde, die inzwischen vom Kampfmittelbeseitigungsdienst nach Munster gebracht wurden. Die ersten drei Helme grub Plieth, der auf dem Grundstück gerade baut, noch selber aus. Als dann aber eine Panzerfaust zum Vorschein kam, hatte er sofort die Polizei alarmiert, die wiederum die Bergungsexperten benachrichtigte.

„So einiges entsorgt“

Zunächst hatten einige Bürger im Ort gemutmaßt, dass es sich um Feuerwehrhelme handeln könnte. Nach den Funden der Panzerfäuste war aber klar, dass es sich eher um militärische Helme handeln müsste. Uniformen und andere vergänglichere Teile waren nicht zu finden, lediglich einige stark zerfressene Lederlappen, sagte Plieth. Auch Schaulustige kamen nach dem Bekanntwerden der Vorgänge vorbei, um sich den Ort näher anzuschauen.

Der Obergefreite Hans Hahn und RAD-Mann Werner Schmetjen wurden auf dem Bokeler Friedhof bestattet.

Die genaue Herkunft der Fundstücke indes ist noch ungeklärt. „Ich habe im Dorf herumgefragt, aber keine erhellenden Aussagen bekommen“, sagte Plieth. Weder wusste jemand von den älteren Bürgern im Ort etwas über Soldaten damals im Ort noch, dass etwas auf dem Grundstück vergraben wurde. Allenfalls eine entfernte Verwandte könnte etwas gewusst haben, so Plieth. Doch die starb im letzten Jahr hoch betagt. In der Gemeinde ist so ein Fund bisher einmalig. Auch Sprakensehls Bürgermeisterin Christiane Fromhagen kann sich nicht erinnern, dass es jemals etwas Ähnliches in der Gemeinde gegeben hat. Auch sie hat keine Hinweise auf die Herkunft der gefundenen Gegenstände. „Die letzten, die etwas dazu sagen könnten, zwei Brüder, sind leider die letzten beiden Jahre verstorben“, bedauert sie. Normalerweise sei es üblich, dass die Gemeinde darauf achtet, dass bei neu ausgewiesenen Baugrundstücken keine Altlasten im Boden sind. „Da auch noch andere Gegenstände gefunden wurden, war das eventuell nach dem Krieg noch ein mooriges Gelände, wo man wohl so einiges entsorgt hat“, mutmaßte sie.

Dass niemand von den Gegenständen im Boden wusste, zeigt auch die Tatsache, dass bis vor 30 Jahren auf dem Grundstück eine Flüchtlingsbaracke stand, sagte Plieth. Die wurde dann von der Feuerwehr zu Übungszwecken kontrolliert abgebrannt. Angesichts der scharfen Munition im Boden hätte die Ortswehr damals wohl einen anderen Übungsplatz gesucht, sofern es Kenntnis davon gegeben hätte. Auch Plieth ist froh, dass der Bauplatz nun geräumt ist – ohne Schäden an Leib und Leben. Nichtsdestotrotz gab’s durch den Vorfall schon eine Verzögerung des Bauvorhabens.

• Heimatforscher Hendrik Altmann bezeichnete die Funde in Bokel als „hochspannende Geschichte“. Seine Vermutung ist, dass eine Einheit aufgelöst worden ist und sich die deutschen Soldaten daher in Bokel abgerüstet haben – wahrscheinlich an den letzten Kriegstagen.

Altmann erläuterte, dass die Alliierten große Angst vor Waffen im Hinterland hatten – und auch vor den so genannten „Werwölfen“, die sich zusammenrotten, um Partisanenangriffe zu starten. „Waffen und Radios wurden daher entmilitarisiert“, so Altmann. Dadurch, dass die Waffen in Bokel vergraben wurden, entgingen sie demnach dem Unschädlichmachen oder dem Abtransport durch die britischen Soldaten.

Die Fundumstände – soweit sie Altmann bekannt sind – sprechen also aus seiner Sicht dafür, dass die Waffen/Ausrüstungsgegenstände „entsorgt“ wurden. Dies könne entweder kurz vor Eintreffen der Briten passiert sein oder aber nachträglich.

Die britischen Truppen hatten am 12. April Celle befreit und befanden sich im Vormarsch auf Uelzen. Eine Stellung auf der Linie Unterlüß-Weyhausen konnte nicht gehalten werden. Nordöstlich der heutigen B 4 sammelten sich damals deutsche Verbände, die teilweise der neuen 45. Panzerdivision zugeteilt waren und auch solche, die aus versprengten Resten zurückweichender anderer Truppenteile bestanden. Darunter befanden sich auch Reste der 84. Infanteriedivision sowie Teile der neu aufgestellten RAD-Infanteriedivision „Schlageter“. Für die Anwesenheit von RAD-Einheiten (Reichsarbeitsdienst) spricht nach Angaben von Altmann unter anderem, dass einer der beiden am 14. April 1945 in Bokel Gefallenen den Dienstgrad eines RAD-Mannes aufwies.

Britische Militärberichte halten für jenen Tag fest, dass bei Bokel 170 Kriegsgefangene gemacht wurden. Im Bericht heißt es, dass die deutschen Soldaten offenbar vom Eintreffen der Briten völlig überrascht worden sind. Gegen Nachmittag formierten sich Infanterie und Panzer dieser Einheit bei Sprakensehl neu und gingen nordöstlich auf Bokel vor. Ohne auf Widerstand zu stoßen, heißt es laut Bericht weiter, „there a number of Germans surrendered without a fight“. Die britischen Truppen gingen im Anschluss weiter nördlich nach Nienwohlde vor – bei Nettelkamp/Stadensen kam es in der Nacht vom 14. zum 15. April zu einem schweren Nachtgefecht mit Truppen, die der 45. Panzerdivision Clausewitz unterstanden. Möglich wäre es laut Altmann, dass die aufgefundenen Gegenstände von Gefechten bei Nettelkamp/Stadensen auf Umwegen nach Bokel gelangt sind.

In der Bokeler Ortschronik gab Irene Plieth an, dass bereits vor dem 14. April 1945 deutsche Soldaten mit Lkw aus Richtung Behren nach Bokel kamen, wo sie mit Nahrungsmitteln versorgt wurden. Die anrückenden britischen Einheiten eröffneten das Feuer auf diese Gruppe, wobei zwei deutsche Soldaten tödlich verwundet wurden. Es handelte sich um den Obergefreiten Hans Hahn, geboren am 15. August 1902, und den RAD-Mann Werner Schmetjen, geboren am 24. September 1927 – also gerade einmal 18 Jahre alt. Beide sind auf dem Bokeler Friedhof bestattet worden. Die Kriegsgefangenen wurden über Nacht in einer Scheune in Bokel eingesperrt und tags darauf abtransportiert. (VON BURKHARD OHSE UND PAUL GERLACH)

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