Industrie und Arbeit 4.0: Uwe Grebe aus Emmen über Herausforderungen in der künftigen Arbeitswelt

„Mensch als entscheidender Faktor“

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Experte Uwe Grebe aus Emmen hält den Menschen in der Industrie 4.0 für den immer noch „entscheidenden Faktor“ – neben der Maschine und der Informationstechnologie. Die Digitalisierung bringe viel Nutzen, dürfe aber nicht über dem Menschen stehen.

Emmen. Diplom-Ingenieur Uwe Grebe aus Emmen war 25 Jahre lang mit Führungs- und Managementaufgaben in der Lebensmittelindustrie betraut. Er ist heute im Management- und Consultingbereich im großen Themenkomplex Arbeit 4.0 und der zukünftigen Entwicklung der Ernährungswirtschaft tätig.

Grebe hält fest: „Unsere gesellschaftlichen Strukturen werden sich nicht so schnell mitverändern.“ 

IK-Redakteur Paul Gerlach sprach mit dem 55-Jährigen über die Vor- und Nachteile der Digitalisierung sowie die Herausforderungen, die eine sich verändernde Arbeitswelt an den Einzelnen stellt.

IK: Stichwort Arbeit 4.0 – inwiefern kann unsere Gesellschaft, jeder Einzelne von uns, von der Digitalisierung profitieren?

Uwe Grebe: Die Digitalisierung ist heute natürlich notwendig in der Komplexität der Unternehmen. Sie gibt jedem Einzelnen enorme Möglichkeiten, denken wir nur an das Smartphone. In der Lebensmittelindustrie, aus der ich komme, gibt es, anders als die Werbung zeigt, einen hohen Automatisierungsgrad. Dabei müssen Arbeitsprozesse digital abgebildet werden. Wir kommen also um die Digitalisierung in unseren heutigen Produktions- und Geschäftsprozessen nicht herum. Aber wir müssen natürlich auch immer erkennen, dass die Digitalisierung ein Tool des Prozesses ist. Anders als wir immer meinen, bringt uns nicht die Digitalisierung den Unternehmenserfolg. Nein, dieser wird nach wie vor von der Organisation und den Menschen generiert. Es ist das Unternehmen im Vorteil, das seine Organisation – mit der Digitalisierung – im Griff hat und in dem die Beschäftigten loyal zu ihrem Unternehmen stehen.

IK: Wie funktioniert das Abbilden der Arbeitsprozesse?

Grebe: Wir haben in der modernen Industrie Zwillinge: einmal die digitale Produktion und dann, wenn diese läuft, die Umsetzung in Echtproduktion. Das heißt, es wird zuerst digital im Computer simuliert. Wir müssen die Digitalisierung vernünftig gestalten: Das bedeutet, wir müssen ihr die nötige Wertigkeit geben. Sie bringt uns viel Nutzen: Sie darf aber nicht über dem Menschen stehen. Der Mensch in der Industrie 4.0 ist, neben der Maschine und der Informationstechnologie, immer noch der entscheidende Faktor.

IK: Wo liegt die Herausforderung darin, die Digitalisierung vernünftig zu gestalten?

Grebe: Die Digitalisierung wird in allen Bereichen Einzug halten. Aber Computerprogramme führen keine Menschen. Ein Logarithmus aus Nullen und Einsen wird keine Motivation und Loyalität zum Unternehmen bewirken. Die Herausforderungen liegen im Umgang mit den Beschäftigten. Es werden sehr viele Arbeitsplätze durch die Digitalisierung verloren gehen, es werden aber auch neue, ganz andere Arbeitsplätze entstehen. Entscheidend ist, dass man die Menschen auf den Weg der Digitalisierung mitnimmt. Man muss den Beschäftigten verdeutlichen, dass diese Veränderungen nötig sind, damit der Mensch sie mitgehen kann und will. Dazu muss man auf ihn eingehen – und das wird bei der Arbeit 4.0 ein entscheidender Faktor werden.

IK: Was gehört noch alles dazu?

Grebe: In der Zukunft werden in den Unternehmen mehr Flexibilität, Vernetzung und Menschlichkeit gefragt sein. Die Beschäftigten bekommen neue, weitere Entfaltungsmöglichkeiten. Zusätzliche Anforderungen werden auf sie zukommen. Sie erhalten in den Unternehmen eine enorme Digitalisierungs- und Systemverfügbarkeit. Wichtiger werden für sie mehr eigenverantwortliches vernetztes Handeln und kommunikative Kompetenz. Dafür müssen sie sich permanent weiterqualifizieren. Der Beschäftigte erlangt im Unternehmen aber auch einen wertschätzenden Expertenstatus. Er wird individueller Experte für den Bereich, in dem er arbeitet. Früher wusste der Chef am meisten, heute hat der Mitarbeiter ein spezifisches Fachwissen, das er dem Unternehmen zur Verfügung stellt. Dieses zu heben, erfordert einen persönlichen, wertschätzenden und vertrauensvollen Umgang, der Orientierung, Halt und Sicherheit gibt.

IK: Welche Anforderungen stellt das an den Beschäftigten?

Grebe: Im IT-Bereich werden die jüngeren Mitarbeiter erst einmal leichter mit den gesteigerten Anforderungen zurechtkommen, da sie damit aufgewachsen sind. Gerade in puncto Selbstorganisation, vernetztes Handeln und Kommunikation muss man sich fragen: Kann das jeder erlernen und wie geht man mit Leuten um, die sich damit schwertun? Es gibt zum Beispiel Menschen, die arbeiten gerne im Team, und Teamarbeit wird wichtiger. Aber es gibt auch Menschen, die gerne für sich allein arbeiten und damit den optimalen Erfolg für das Unternehmen erzielen. In einer Zeit des Fach- und Führungskräftemangels bekommen diese Einbindungstools für Mitarbeiter immer größere Bedeutung.

IK: Über die Vorteile der Digitalisierung haben wir gesprochen. Wo sehen Sie Gefahren?

Grebe: Es wird viele Themen geben, die als unangenehm empfunden werden. So wird das Wochenende durch die Flexibilisierung immer mehr zu einem normalen Bestandteil der Arbeitswoche. Das wird natürlich von vielen als Nachteil empfunden. Die IT-gestützten flexiblen Industrieanlagen können am Wochenende nicht einfach abgeschaltet werden – sie laufen durch. Schon heute gibt es flexible Schichtmodelle von 15 bis 21 Schichten pro Woche, die je nach Auftragslage kurzfristig angesetzt werden. Das wird die Arbeitswelt zukünftig stärker noch als heute verändern. Aber unsere gesellschaftlichen Strukturen werden sich nicht so schnell mitverändern: So werden wir zum Beispiel das Schulsystem nicht so anpassen können, das es in den Arbeitsablauf der Eltern passen wird.

IK: Wie kann man es schaffen, die Menschen auf diesem Weg mitzunehmen?

Grebe: Man muss als Erstes die Führungskräfte mitnehmen und sie als Multiplikatoren dahin bringen, sich selbst, aber auch ihre Beschäftigten zu reflektieren. Sie müssen auf diese zugehen, in sie hineinhorchen und ihre persönlichen Motivstrukturen erfassen können. Der Vorgesetzte wird sensibler und empathischer werden und sich den vorhandenen Optimierungspotentialen in der Führung stellen müssen. Führen wird zum Coachen.

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