„Schwarzer Tod“ und mittelalterliche Klostergeschichte

Kloster Isenhagen und die Pest: Kirche im Wandel der Zeit

Gewölbter Kreuzgang mit Gewölbekonsolen aus Kalkstein mit figürlichen Reliefs und Schlusssteinen im Kreuzgratgewölbe.
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Gewölbter Kreuzgang mit Gewölbekonsolen aus Kalkstein mit figürlichen Reliefs und Schlusssteinen im Kreuzgratgewölbe.

Isenhagen – Heineke Kopper, Bauer aus Wentorf, schenkte am 29. Oktober 1350 dem Kloster in Isenhagen eine Wiese. Mit den zu erwartenden Erträgen spendete er diesem ein ewiges Licht für alle Tage.

Wörtlich heißt es im Urkundenbuch des Klosters u. a.: „to eneme ewighen lichte alle dhage. . . “ und „dhe wile dat dat godeshus besteyt, - -“. Damit war eindeutig der Nachweis erbracht, dass zu diesem Zeitpunkt eine neue Klosteranlage etwas außerhalb des Ortes Hankensbüttel existierte.

Es war der dritte Standort nach Alt-Isenhagen, hier noch ein ab 1243/45 mit Zisterziensermönchen belegtes Kloster, ab 1265 mit Nonnen gleichen Ordens. Den zweiten Standort fanden die Nonnen dann in Hankensbüttel 1326/27, den sie aber nach Brand und Störung ihrer Ruhe an dieser zentralen Wegkreuzung des Ortes mit Erlaubnis des Hildesheimer Bischofs wieder verlassen durften.

Die Barbara-Antoni-Kapelle von außen.

Nach Kauf des für ein Kloster notwendigen Geländes im Jahre 1345 in der Nähe eines Baches und einer neu erbauten Mühle begannen sofort die Arbeiten an einer neuen Klosteranlage, deren Kirche der Jungfrau Maria gewidmet wurde. Es werden Spezialisten und Werkleute gewesen sein, die mit einer sogenannten Bauhütte von Baustelle zu Baustelle zogen und ihre Aufträge erledigten, wie auch hier im jetzt benannten Ort Neu-Isenhagen. Vermutlich eine Ziegelhütte, die den tonigen Lehm aus der Umgebung des Klosters nutzte, sorgte für die für den Bau erforderliche Ziegelproduktion.

Dann stoppten schlagartig in der Zeit um 1349/50 die Bauarbeiten an den zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollendeten Gebäuden. Der Grund: Die Ausdehnung der sich über ganz Europa ausbreitenden Pest, dem Schwarzen Tod. Er verschonte auch die Menschen im niedersächsischen Raum nicht. Die Insassen der Klöster waren durch ihr enges Beieinanderwohnen besonders gefährdet. Welche Auswirkungen eine grassierende Pest im Raum Hankensbüttel, eingeschlossen das dicht dabei liegende Klosterarreal, haben konnte, belegen Zahlen eines Pestereignisses in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Im Kirchspiel Hankensbüttel fielen 354 Menschen dieser Seuche zum Opfer. In drei Schichten übereinander mussten die Pesttoten auf dem die Kirche umgebenden Friedhof bestattet werden.

Was das Neu-Isenhagener Klostergebäude mit Kirche und Kreuzgang in der von großer Not betroffenen Pestzeit von 1347-1351 betraf, so konnte es unter den gegebenen Umständen nicht mehr vollständig ausgebaut werden. Es fehlten in diesen Gebäudeteilen noch die geplanten steinernen Gewölbe. Ein solches hatte nur die an die Kirche angebaute und mit einem Altar ausgestattete Sakristei.

Nördlicher Kreuzgang-Flügel mit Balkendecke.

Ersatzweise erhielt die Kirche eine wie ein Sargdeckel gebogene Holzkonstruktion, die kurz nach der Reformation, und zwar in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, abgehängt und durch eine flache Balkendecke ersetzt wurde. Der Kreuzgang erhielt vorerst ebenfalls eine solche.

Erst kurz vor der Reformation um das Jahr 1518 ließ der letzte Propst Burdian ein Gewölbe in den Ostflügel des Kreuzganges einsetzen. So erzielten die aus der Entstehungszeit des Klosters erhaltenen Gewölbekonsolen aus Kalkstein mit ihren figürlichen Reliefs für den Betrachter eine besonders große Aufmerksamkeit. Zu weiteren Maßnahmen, den Kreuzgang betreffend, kam er nicht. Er musste vor dem Celler Herzog, der auch in diesem Kloster die Reformation durchsetzte, fliehen.

Leider ist uns aufgrund der Quellenlage für das Kloster Isenhagen nicht bekannt, welche Auswirkungen die Pestepedemie auf das alltägliche Leben in der Region um das Kloster hatte. Ein Vergleich aber mit den Gegebenheiten im nicht sehr weit gelegenen Kloster Wienhausen in dieser Pestzeit kann uns einen ungefähren Einblick darüber geben, was sich auch im Bereich des Isenhagener Klosters zugetragen haben könnte.

In der Wienhausener Chronik heißt es zum Pestgeschehen: „Zu ihrer Zeit (1348 bis 1365 Regentschaft der Äbtissin Luthgardis) ist eine große hefftige Pest gewesen in dem Kloster Wienhusen und auff den umbligenden Dörffern, so stark, daß die leute plötzlich dahin sturben ohn empfahung der H. Sacramenta. Kein Kind hat innerhalb ¾ Jahr können getaufft werden von Ostern bis Weinachten, welche straffe zweiffels frey die Menschen mit ihren sünden über sich gezogen. Offte wurden gantze Tage von Morgen bis in den späten Abend mit bestellung und beerdigung der Leichen zugebracht“. Die Äbtissin und die Jungfrauen des Klosters beschlossen, zu Ehren Gottes und zweier Heiligen zum Gedächtnis eine Kapelle zu bauen. So glaubten sie mit ihren Fürbitten vom Übel der Pest befreit zu werden. Im Folgenden heißt es dann mit Bezug auf weitere positive Entwicklungen: „… so bald der erste Stein dazu geleget, die Seuche nachgelaßen“ hat. Jetzt konnten die ungetauften Kinder zur Taufe gebracht werden. Ein großes Frohlocken herrschte, als das erste neugeborene Kind in einer Prozession mit Preisung Gottes, Kreuz und Fähnlein zur Taufe getragen werden konnte.

Nach der Stiftung der Kapelle sind, so heißt es in dem Chronikbericht, nicht über sieben Jungfern mehr aus dem Kloster an der Pest gestorben.

Der Pestepedemie zufolge starb zwischen 1347 und 1351 rund ein Drittel der Einwohner Europas.

Als Pestärzte verkleidete Schauspieler.

Die amerikanische Historikerin Barbara Tuchman hat in ihrem Buch „Der ferne Spiegel“ aus dem Jahre 1978 sehr drastisch geschildert, wie furchtbar die Pest wütete, wenn sie unter den ungeschützten Menschen zuschlagen konnte. Zuerst waren es die Seeleute, die bei Ansteckung unter fremdartigen, hühnereigroßen Schwellungen in den Achselhöhlen und in den Leisten litten. Blut und Eiter produzierten diese nässenden Schwellungen. Darauf folgten Geschwüre und schwarze Flecken, die den gesamten Körper bedeckten. Unter schweren Schmerzen starben die Erkrankten innerhalb von fünf Tagen nach den ersten Anzeichen. Mit der Ausbreitung der Seuche traten andere Symptome auf wie Blutspucken und hohes Fieber. Hinzukommender Husten und schweres Schwitzen hatten zur Folge, dass die Erkrankten jetzt schon nach drei Tagen verstarben, machmal sogar schon innerhalb von 24 Stunden. Die Körperausscheidungen wie Atem, Schweiß, Blut aus den Lungen, Urin und blutschwarze Exkremente hatten einen stark fauligen Geruch. Der todkranke Mensch litt nicht nur aufgrund der physischen Symptome, sondern war auch verzweifelt und hoffnungslos.

Es handelte sich in der Pest-epedemie Mitte des 14. Jahrhunderts um die Beulenpest, die in zwei Varianten auftrat: die eine betraf die Blutbahnen, die infiziert wurden, die zweite betraf die Lunge, die sich nicht gegen eine Ansteckung wehren konnte. Bei der ersten Variante erfolgte eine Übertragung von Mensch zu Mensch über einen einfachen Körperkontakt, bei der zweiten erfolgte die Ansteckung über die Atmung.

Die hohe Sterblichkeit ergab sich vor allem dadurch, dass beide Varianten sich gleichzeitig und mit hoher Geschwindigkeit in der Bevölkerung ausbreiteten. Tuchman schreibt: „Die Krankheit war so lebensgefährlich, dass man von Leuten hörte, die gesund zu Bett gingen und starben, bevor sie aufwachten. Es soll Fälle von Ärzten gegeben haben, die sich am Krankenbett ansteckten und vor dem Patienten starben.“ Vorbeugung gegen den „Schwarzen Tod“beziehungsweise ein Mittel gegen ihn war Ärzten und Pflegenden nicht bekannt, schon gar nicht den Opfern selbst.

Da ist es nachvollziehbar, dass die Männer der Bauhütte beim Kloster in Neu-Isenhagen 1350 unter solch gegebenen oder vielleicht nur drohenden Gegebenheiten das Weite suchten und dadurch einen weiteren Ausbau des Klosters in einigen Baubereichen verhinderten oder aber zeitlich weit hinaus verzögerten. Die bereits bautechnisch vorbereiteten Gewölbeeinbauten in Kirche und Kreuzgang unterblieben deshalb. Die jedoch mit einem Gewölbe ausgestattete Sakristei fiel in späterer Zeit in Schutt und Asche und verlor damit auch ihre Gewölbe-Deckenkonstruktion. In den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde sie als ein Kleinod wieder aufgebaut, jetzt als Barbara Antoni Kapelle und als ein Raum für Andachten.

Forschungen vor ca. 60 Jahren hatten ergeben, dass sie in einer der ersten Bauphasen des Klosters entstanden sein musste. Jetzt aber hat auch sie leider nur eine Holzdecke, weil es nicht möglich war, das ursprüngliche Gewölbe zu rekonstruieren.

Menschliche Belastbarkeit und Toleranz standen in der mittelalterlichen Welt auf dem Prüfstand, wenn Pestseuchen das Leben der Menschen dominierten. Gefahr und Todesangst erzeugten panikartige Reaktionen. Das konnten die kulturellen Bereiche wie Tradition, Kunst, Erziehung und Religion nur selten verhindern.

Sollte der Mensch heute angesichts der weltumspannenden – und uns alle betreffenden – Corona-Krise nur einen ungläubigen und befremdlichen Blick in den fernen Spiegel werfen?

VON DR. GÜNTER DICKMANN

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