Bewegte Zeiten, aktuelle Herausforderungen

In 90 Jahren hat das Hankensbütteler Waldbad viel erlebt – so etwas wie Corona noch nicht

Zwischenbilanz im Corona-Sommer im Hankensbütteler Waldbad: DRLG-Aufsichtsperson Daniel Weise (v.l.), Auszubildender Tim Hallmann, Samtgemeindebürgermeister Andreas Taebel und Schwimmmeister Richard Mathis.
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Zwischenbilanz im Corona-Sommer im Hankensbütteler Waldbad: DRLG-Aufsichtsperson Daniel Weise (v.l.), Auszubildender Tim Hallmann, Samtgemeindebürgermeister Andreas Taebel und Schwimmmeister Richard Mathis.

Hankensbüttel – 90 Jahre alt wurde das Hankensbütteler Waldbad in diesem Sommer: Als es am 23. Juni 1930 eröffnet wurde, war weder ein Wald noch ein Bad auf den ersten Blick zu erkennen.

Auf einem Feld wurde Wasser, das dem Emmer Bach entnommen wurde, in angelegten Teichen gestaut und ein Brettersteg drum herum errichtet. Heizung, Chlorung oder Duschen gab es nicht. Dafür aber eine Badehaubenpflicht. Die Wassertemperatur stieg im Sommer selten über die Marke von 21 Grad.

Im Zuge der Vorbereitungen auf die Olympischen Sommerspiele 1936 in Berlin hielt die schwedische Nationalmannschaft der Wasserballer ein Trainingslager in Hankensbüttel ab.

Heizung, Chlorung oder Duschen gab es damals noch nicht. Das Waldbad wurde am 23. Juni 1930 eröffnet. Über die Jahrzehnte wurde das Bad mehrmals umgebaut.

Bei einem weiteren Ausbau in 1964 wurden die Badeteiche zu Badebecken aus Beton und ein Gebäude zur Nutzung als Umkleide, Dusche und Toilette wurde errichtet. Ab 1969 drückte der legendäre Schwimmmeister Horst Mankow der Anlage seinen Stempel auf. Von dessen Schaffen profitiere das Waldbad noch heute, ist zu hören.

Zur bewegten Geschichte der Einrichtung gehören neben den mehrmaligen Umbauten aber auch viele Rückschlägen, Streitigkeiten und Uneinigkeiten über das Grundstück.

In den späten 60ern wurde es DDR-Bürgern nach Vorlegen eines Ausweises ermöglicht, kostenlos das Bad zu besuchen. Schon sehr früh wurde mit der Einführung von sogenannten Familienkarten der soziale Aspekt des Bades getroffen. Diese wurden dann auch überprüft und es wurden mehrere Familien angeschrieben, die unrechtmäßig in den Besitz einer solchen Karte gelangten. Denn sie galt nur für kinderreiche Eltern und deren unverheiratete Kinder. Oft aber wurden auch verheiratete Töchter auf der Karte vermerkt gefunden.

Kreisverkehr im Becken

Die Regelung mit den drei Kreisverkehren im Becken kommt bei den Besuchern gut an, heißt es aus dem Bad.

Vor 50 oder 60 Jahren war also mit ähnlichen Schwierigkeiten umzugehen wie heute. Nur, dass es eine Herausforderung wie durch die Corona-Pandemie noch nie vorher gegeben hat – oder auch etwas nur annähernd Vergleichbares. Zur aktuellen Situation betont Samtgemeindebürgermeister Andreas Taebel, dass sich die Besucher diszipliniert verhalten. Dabei helfen auch die geschaffenen Strukturen und Sicherheitsmaßnahmen: So ist das Schwimmerbecken in einen Leistungs-, Durchschnitts- und Gemütlichkeitsbereich unterteilt – also Sportschwimmen (mit Kraulschwimmen, schnellem Brustschwimmen und Delfinschwimmen), aktives Schwimmen (mit allen Schwimmstilen im normalen Tempo) und langsames Klönschnack-Schwimmen.

In den jeweils zwei Bahnen wird im Kreisverkehr gegen den Uhrzeigersinn geschwommen, es wird sich dabei stets rechts gehalten – um niemanden zu behindern. „So ist das Abstandhalten möglich“, erläutert Schwimmmeister Richard Mathis im IK-Gespräch. Diese Regelung sei positiv aufgenommen worden, vielleicht werde sie also in der Nach-Corona-Zeit beibehalten. „Es ist eine klare Einordnung, das kommt der Leistungsklasse entgegen.“ Die Folge sei ein entspanntes Schwimmen ohne Gedränge, es gebe keine Unstimmigkeiten. Jeder sehe das positiv.

Taebel berichtete, dass es durchaus auch Kritik von Bürgerseite an den Lockerungen durch die Samtgemeinde gegeben habe. „Wir waren in der Region mit die Letzten.“ Das hatte laut dem Rathaus-Chef aber gewichtige Gründe. „Wir wollten es durchdenken und kein Corona-Hotspot werden.“ Aus seiner Sicht habe man daher alles richtig gemacht. Mit einer Zählmaschine am Eingang werde aufgepasst. „Wir brauchen kein Chaos.“

Vor den seit Anfang dieses Monats verlängerten Öffnungszeiten im Waldbad (das IK berichtete) und der damit verbundenen Aufhebung der zeitlichen Blöcke beim Besuch lag die Besucherzahl zwischen 50 und 250 am Tag – bei allen vier Zeitblöcken zusammen gerechnet. Lediglich an einem Tag lag die Gesamtzahl bei 308 (die Menschen waren natürlich nicht alle gleichzeitig im Wasser, sondern verteilten sich über das Gelände). „An den sonstigen Öffnungstagen waren wir immer mindestens zweistellig“, sagt Taebel. An siebeneinhalb Tagen konnte das Bad bekanntlich wegen der Pumpenhavarie nicht öffnen.

Bis zum vergangenen (sehr gut besuchten) Samstag waren über 6400 Menschen das Bad – eine Zahl weitab von den Statistiken aus vergangenen Jahren. Dies ist laut Mathis aber keineswegs nur im Zusammenhang mit den Auswirkungen der Corona-Pandemie zu sehen, sondern auch mit einem wettertechnisch durchschnittlichen Sommer. Aktuell herrscht gutes Badewetter, die Temperaturen gehen nach oben – daher hofft man in Hankensbüttel nun, auch mit Blick auf die Ferienzeit, auf ansteigende Besucherzahlen.

Die Disziplin und das Verständnis für die Situation waren bei den Waldbad-Besuchern in den vergangenen Wochen teils so weit ausgeprägt, dass sie vorher anriefen und nachfragten, ob sie kommen können. „Das wurde innerhalb der Blockzeiten möglich gemacht“, so Taebel. Mathis berichtet, dass viel mit den Gästen kommuniziert worden sei, insbesondere, um die Regeln zu erläutern.

„Die Schwimmmeister werden respektiert, sie sind Autoritätspersonen“, betont Taebel, der dem gesamten Team und allen Beteiligten ein großes Dankeschön aussprach: für ihr Engagement, das – auch wegen der Hygiene- und Desinfektionsmaßnahmen – weit über das normale Maß hinausging.

Betreiber Helmut Jahns und das Bistro-Team hatten ebenfalls eine schwere Zeit und hoffen nun, dass es auch im gastromischen Bereich wieder anzieht, der auch noch geöffnet hat, wenn die Bad-Öffnungszeiten vorbei sind. „Langsam wird es mehr“, sagt Jahns. Die Abstandsregeln würden selbstverständlich eingehalten.

Alle Waldbad-Freunde hoffen jetzt auf zwei, drei Wochen Sommerhitze. VON PAUL GERLACH

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