Kleinode im Isenhagener Land

Die bewegte Geschichte der Mühlen in Bokel, Groß Oesingen und Darrigsdorf

Die Mühle in Darrigsdorf auf einem alten Foto kurz nach ihrem Wiederaufbau.
+
Die Mühle kurz nach dem Wiederaufbau in Darrigsdorf.
  • Paul Gerlach
    vonPaul Gerlach
    schließen

(Vergessene) Mühlen im Gifhorner Nordkreis: Kultur- und Landschaftsführer Karsten Hildebrandt aus Emmen zeichnet in einer IK-Serie in loser Reihenfolge ihre Geschichte nach. Nun sind die Bokeler Wassermühle, die Mühle von Groß Oesingen und die Darrigsdorfer Mühlen – alle längst stillgelegt – an der Reihe. Zudem geht es um einige weitere mögliche Mühlen im Isenhagener Land.

Wassermühle von Bokel

Spätestens seit 1489 gab es in Bokel eine von der Aue (Bokeler Bach) angetriebene kleine Wassermühle mit einem Mahlgang. Den Zehnt musste der Müller an das Kloster Isenhagen bezahlen, die Abgaben für seine Landwirtschaft gingen an das Amt in Gifhorn. Nachdem die Familie Elvers die Mühle ab 1700 für ein ganzes Jahrhundert betrieb und im Amt als Halbhöfner bezeichnet wurde, ging die Mühle 1845 mit dem Halbhöfner Lauenstein in Konkurs. Ab 1851 gehörte die Mühle dann Ernst Winkelmann, danach ab 1903 Friedrich Pesel, der zum Antrieb der Mühle noch eine Dampfmaschine einbauen ließ. Zu der Zeit besaß die Mühle einen Schrot- und einen Mahlgang. Vorher waren auch ein Ölgang und eine Walkemühlen-Einrichtung vorhanden. Der Landwirt Robert Plieth verkaufte 1958 an Emil Liedtke, der die nicht mehr genutzte Mühle abriss. Heute wird das Gebäude von Enkeltochter Natalie Engel bewohnt. Der Mühlenteich liegt trocken und der Bokeler Bach führt an der Stelle kaum noch Wasser. Nur die Straßenbezeichnung Mühlenweg erinnert an die alte Wassermühle in Bokel.

Mühle von Groß Oesingen.

Mühle von Groß Oesingen

Die ehemalige Wassermühle von Groß Oesingen befand sich etwas außerhalb der Ortschaft, südwestlich gelegen und angetrieben von dem Flüsschen Wiehe. Die Wiehe fließt in der Nähe von Langlingen in das Schwarzwasser. Die Mühle wird erstmals 1489 im Hankensbütteler Erbregister erwähnt und gehörte dem Halbhöfner Müller. Die Heimatforscherin Ilse Grimm-Müller hat mit Hilfe alter Kirchenbücher herausgefunden, dass fast alle Familien mit dem Namen Müller in Groß Oesingen und Zahrenholz von dieser Familie abstammen.

Es ist laut Hildebrandt wohl sicher, dass der heutige nicht der erste Standort war, sondern das auch in Mahrenholz noch eine Mühle war, zumindestens lässt das ein Schriftverkehr des Herzogs von Braunschweig um 1480 vermuten. Lehnsherr waren die Herren von Mahrenholt, ein altes Adelsgeschlecht aus dem Südkreis Gifhorn. Den Lehnsbrief hat Heinrich der Mittlere ausgestellt, Vater des späteren Herzogs Franz, der von 1539 bis 1549 in Gifhorn residierte.

Angetrieben wurde die Mühle viele Jahrhunderte von einem unterschlächtigen Wasserrad. Nach dem 30-jährigen Krieg wurden von dem Müller 45 Morgen Ackerland bewirtschaftet, das war für diese Zeit eine sehr große Fläche. Auch der gemeldete Viehbestand von 17 Stück Rindvieh, 7 Schweinen und 160 Schafen spricht eigentlich für einen Vollhöfner. Um 1860 gehörte der Müllerfamilie, die über viele Jahrhunderte auch Müller hieß, außerdem noch eine Windmühle.

1889 kam es zu einem Neubau der Wassermühle, die dann auch gleich mit einer Turbine ausgestattet wurde, die sich direkt unter der Mühle befand. Sie war mit zwei Mahlgängen und einem Walzenstuhl ausgerüstet. Um die Jahrhundertwende wurden ein Gasmotor und später ein Elektromotor als zusätzlicher Antrieb verwendet. Die ungefähr 300 Meter entfernte Windmühle wurde nicht mehr benötigt und verfiel. Wahrscheinlich hatten sich die Besitzer bei den Baukosten für die neue Mühle verschätzt. 1906 oder 1911 wurden die Mühle und 750 Morgen Ackerland verkauft. Die Mühle und die Landwirtschaft wurden getrennt. Die Landwirtschaft wurde von der Familie Hagemann betrieben, die lange Zeit in der alten Mühle wohnte.

Die Mühle wurde an den Müllermeister Heinrich Hiestermann aus Oldendorf verkauft, seine Frau Anna stammte aus Zahrenholz. Ein schwerer Start für die Familie: Der Müllermeister musste 1914 in den Krieg ziehen und von den fünf geborenen Kindern verstarben zwei sehr früh. Sein Sohn Friedrich Hiestermann übernahm nach der Heirat mit Wilhelmine Claus die Mühle. Auch er musste mit 27 Jahren, als Vater von drei Kindern, 1939 in den Krieg ziehen. Er verstarb 1947 in Gefangenschaft an Entkräftung.

Seine Frau heiratete später den elf Jahre jüngeren Bruder ihres Mannes. Seit 1954 ruhen die Mühlensteine in Groß Oesingen: Die Mühle wurde außer Betrieb genommen und in den 1960er Jahren wurde das alte Mühlengebäude abgerissen. Die Mühlenrechte wurde aufgehoben und später wurde auch der Mühlenteich zugeschoben.

Windmühlen von Darrigsdorf

Ein Müllergeselle, der zuvor in einer Stöckener Mühle seinen Dienst getan hatte, kaufte 1891 in Darrigsdorf ein Grundstück, auf dem er ein Jahr später eine „gebrauchte“ Bockwindmühle aufbaute und sie dann auch in Betrieb nahm. Ein Jahr später verkaufte er sie an den Müller Kerstens.

Die Bockwindmühle, die – bevor sie in Darrigsdorf stand – in Halberstadt ihren Dienst tat, hat eine ganz besondere Geschichte. Der letzte Müller und Besitzer der Mühle, Heinrich Kerstens, berichtete Hildebrandt, dass ihm sein Großvater – dieser hatte die Bockwindmühle gekauft – dazu eine besondere Geschichte erzählt hat. Der preußische König Friedrich II., auch der „Alte Fritz genannt“ (1712 bis 1786), soll während eines Kriegszuges in Halberstadt an der Mühle Rast gemacht haben und dabei auch den „Steert“ der Mühle berührt haben.

Kerstens wiederum ließ die Mühle nach fünf Jahren abbauen und kaufte 1897 eine Holländermühle, die vorher in Schweimke ihren Dienst getan hatte. Diese Erdholländermühle war im Gegensatz zu den meisten anderen dieser Art komplett aus Holz gebaut. Für den Verkauf der Bockwindmühle und den Kauf der Holländermühle liegen der Familie alle Rechnungen im Original vor.

1933 übernahm der Sohn Heinrich Kerstens die Mühle. Zu diesem Zeitpunkt besaß sie drei Mahlgänge, einen Roggen-, einen Weizen- und einen Schrotmahlgang. Ebenfalls wurden ein Verbrennungsmotor und später auch noch ein Elektromotor eingebaut. Mitte der 1950er Jahre wurde auch bei dieser Mühle der Betrieb eingestellt.

Die Kappe mit dem Oberkammrad und der mächtigen Flügelwelle befindet sich heute im Mühlenmuseum in Gifhorn. Dort kann man heute noch die Mächtigkeit der Mechanik, vor allem Flügelwelle und Kammrad, gut erkennen. Dennoch gibt es seit 2001 in Darrigsdorf wieder Mühlen, die die Kraft des Windes nutzen. So kann man bereits von weiten die drei Windgeneratoren erkennen, die das Erscheinungsbild des Ortes prägen. Der vorherige Standort der Mühle in Schweimke war nach Auskunft älterer Einwohner auf einer Anhöhe Richtung Gosemühle auf der linken Seite.

Weitere mögliche Mühlen im Isenhagener Land

In einem Beitrag für den Kreiskalender von 1963 schreibt Friedrich Barenscheer sehr ausführlich über die Geschichte der Mühlen im Amt Gifhorn. Dabei werden auch drei mögliche Standorte im ehemaligen Amt Isenhagen erwähnt.

Erster möglicher Standort ist Allersehl, für den Standort am Kainbach wurde am 23. März 1728 bei der Regierung in Hannover ein Antrag zum Bau einer kleinen Wassermühle gestellt. Die auffindbare Dokumentation dazu endet mit dem nicht ganz klaren Hinweis: „Es kann alles beim Alten bleiben.“ Hildebrandt hat den gesamten Kainbach abgelaufen, aber keine Hinweise auf die Mühle mehr gefunden.

Wo lag die in einem alten Schatzregister von 1450 erwähnte Maneckenmühle? Nach einer Sage sollen bei dem Dammbau an dem Manecken-Deich die Bauern von Rumstorf ertrunken sein. Irgendwo zwischen Wittingen, Kakerbeck und Eutzen?

In Wierstorf kannte man im 17. Jahrhundert eine „Möhlenwische“ und ein „Möhlenfeld“. Wenn man Wierstorf Richtung Schweimker Holz verlässt, kommt man über den Bottendorfer Bach. Dort wurden bei Erdarbeiten in den 1970er Jahren auch Holzreste von einem Mühlenwehr gefunden.

Hildebrandt will bei geführten Radtouren in diesem Frühjahr sämtliche der in der Serie vorgestellten Mühlen mit den Teilnehmern abfahren.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare