Corona ist für die Menschen in Butiru eine nachrangige Sorge

Interview mit Elisabeth Mwaka: „Afrika stirbt am Hunger, nicht am Virus“

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In den Dörfern um Butiru betreiben Teams Aufklärung rund um Corona – die meisten Menschen haben aber ganz andere Sorgen.

Butiru/Hankensbüttel – Ist Afrika der nächste Hotspot der Corona-Krise? Pessimisten fürchten eine humanitäre Katastrophe, weil der Kontinent mit seiner medizinischen Infrastruktur nicht für die Bekämpfung der Pandemie gerüstet sein dürfte.

Optimisten verweisen unterdessen auf das schnelle Handeln einiger afrikanischer Regierungen und die Erfahrungen mit früheren Seuchen wie Ebola.

Elisabeth Mwaka, Entwicklungshelferin.

Wie ist die Lage in Butiru, wo die ehemalige Wierstorferin Elisabeth Mwaka seit 30 Jahren, unterstützt vom Hankensbütteler Freundeskreis, Entwicklungshilfe auf christlichem Fundament betreibt? Im IK-Interview (per E-Mail Ende letzter Woche geführt) spricht sie über Hygieneregeln, über wirtschaftliche Folgen – und über ein drängendes Problem, das weit älter ist als Corona: Hunger. Die Fragen stellte IK-Lokalchef Holger Boden.

Frau Mwaka, wie ist vor dem Hintergrund der Corona-Krise die Stimmung in Butiru?

Es ist in den letzten Wochen sehr still, wir sind inzwischen in der fünften Woche der Ausgangssperre. Anfangs herrschte viel Angst vor einer Ausbreitung des Virus, mittlerweile ist es die zunehmende wirtschaftliche Krise, die bei den Menschen Angst und auch mehr und mehr Unwillen hervorruft. So, wie wir es derzeit sehen, wird Afrika nicht am Virus sterben, sondern an Hunger und fehlenden Malariamedikamenten.

Erkennen die Menschen den Ernst der Lage?

Ich denke schon. In Ländern südlich der Sahara sind ja Infektionskrankheiten immer wieder ein Thema, im Moment kämpft zum Beispiel unser Nachbar Kongo wieder mit neuen Ebola-Fällen. Ich möchte aber gern eine Gegenfrage stellen.

Bitte, gern.

Erkennt die Erste Welt den Ernst der Tatsache, dass bisher jeden Tag 25 000 Menschen – vor allem Kinder – an Hunger sterben, und sich diese Zahl voraussichtlich durch den Corona-Lockdown verdoppeln wird? Dass jeden Tag im subsaharischen Afrika etwa 3000 Kinder an Malaria sterben? Und dass sich auch diese Zahl durch Corona verdoppeln wird, weil einfach keine Medikamente mehr vorhanden sind beziehungsweise die Menschen sich keine Behandlung mehr leisten können? Wir bekommen hier BBC, Deutsche Welle und auch Al-Jazeera – und es ist nicht zu fassen, wie den ganzen Tag nur ein Thema behandelt wird: Corona.

Die Medien haben eine große Macht – wenn sie sich einmal entschließen würden, den Welthunger täglich dermaßen zu thematisieren, dann wäre das Problem wahrscheinlich schon gelöst. Ein Großteil unserer Leute existiert wirklich sozusagen von der Hand in den Mund, vom Kleinhandel und von kleinen Dienstleistungen, und diese Einnahmen fehlen jetzt bereits seit fünf Wochen.

Gibt es schon Corona-Tote im Ort oder Umkreis?

Mit heutigem Stand hat Uganda offiziell 74 Menschen positiv auf das Virus getestet, 46 davon sind bereits genesen und wieder zu Hause. Keine Todesfälle. Die meisten Fälle wurden direkt am Flughafen in Quarantäne genommen, einige wenige neue Fälle kommen jetzt durch Lkw-Fahrer an den Grenzen nach Kenia und Tansania dazu. Sie sind hauptsächlich asymptomatisch, werden dann durch das Screening erkannt.

Stehen Masken und Desinfektionsmittel zur Verfügung?

Wir haben harsche blaue Stangenseife und überall Wasserkanister zum Händewaschen. Dank Hilfe des Freundeskreises konnten wir da in den ersten beiden Wochen auch in über 90 Dörfern unserer südlichen Region um den Mount Elgon Aufklärung in der einheimischen Sprache vorantreiben und insgesamt 350 dieser Waschstellen mit Seife versorgen. Ob es daran liegt …? Jedenfalls wurden in unserer Gegend, trotz der Nähe zur ungesicherten kenianischen Grenze, bisher keine Fälle bekannt.

Wie gehen Sie mit Verdachtsfällen um?

Für hustende Patienten haben wir einen Isolierbereich im Hospital. Dann stellt unsere Schulschneiderei auch Gesichtsmasken für unser Hospitalpersonal, für die Barfußdoktoren in den Dörfern und generell für hustende Menschen her. Davon konnten wir auch jedem Bürgermeister einen Stapel für hustende Menschen im Dorf geben.

Halten die Menschen Abstand?

Auf jeden Fall mehr als vorher. Gerade, wo jetzt alle Dorfmärkte geschlossen sind und die Menschen abends nicht mehr auf den Dorfplätzen zusammen kommen.

Können Hygieneregeln befolgt werden, oder fehlt es da den meisten Menschen an Infrastruktur und Ausrüstung?

Da die Regierung keine Unterstützung hierbei gibt, und da auch zum Beispiel in Mbale alles an Masken und Desinfektionsmitteln ausverkauft ist, beschränken wir uns – mittlerweile auch im Hospital – hauptsächlich auf Händewaschen und die selbst genähten Gesichtsmasken. Im Hospital achten wir zudem auf Abstand zwischen den wartenden ambulanten Patienten, sie sitzen nicht mehr auf der Veranda, sondern verteilt unter den Bäumen.

Neben der eventuellen Verhütung einer Corona-Ausbreitung sehen wir derzeit auch weniger Typhusfälle und bisher noch keinen Choleraausbruch – sonst sehr verbreitet in den Regenzeiten. Wir führen das auf vermehrtes Händewaschen in unserer Umgebung zurück und freuen uns. Das möchten wir auch für die Zukunft weiter mit unseren Dorfgesundheitsarbeitern verfolgen und dazu ermutigen.

Ist das Krankenhaus noch arbeitsfähig?

Mit Corona ist es nicht überlastet, ansonsten sehen wir den üblichen Anstieg von Regenzeit-Patienten, es gibt genug Arbeit. Moskitos brüten vermehrt, und wir haben viele Malariafälle. Auch Tuberkulose bricht in diesen kalten Zeiten vermehrt aus, etwa bei den HIV-Patienten. Ein großes Problem ist derzeit, dass fast keiner der Patienten mehr zu den Behandlungsgebühren beitragen kann, und wir können sie ja nicht wegschicken.

Dank dem Freundeskreis konnten wir hier gleich zu Beginn der Sperre die Hospitalapotheke gut auffüllen, wissen aber im Moment gerade nicht, woher die April-Gehälter kommen sollen. Da werden wir erheblich kürzen müssen und auch etliche entlassen, wenn die Sperre noch weitergehen sollte.

Reagieren die meisten Menschen rational auf die Krise?

Es gibt etliche Spekulationen, die hier herumgehen. Auch zunehmenden Argwohn gegenüber chinesischen Menschen, die zum Beispiel ungehindert mit ihren Baufirmen an Straßenbauprojekten weiterarbeiten dürfen.

Wie schützen Sie sich selbst und Ihre Familie?

So, wie wir uns all die Jahre auch schon gegen Typhus, Cholera, Ebola und so weiter geschützt haben. Infektionskrankheiten machen bei uns 70 Prozent aller Fälle aus – da ist Selbstschutz schon immer wichtig gewesen.

Welche Hilfe aus Deutschland wäre jetzt willkommen?

Malariamedikamente. Und Milchpulver und generell alle Lebensmittel, denn Unterernährung und Hunger sind besonders für Kleinkinder schlimm und führen sehr oft zu Spätfolgen. Beihilfe zu Lohnkosten, um diesen Lockdown überstehen zu können, bräuchten wir ebenfalls – die Regierung hilft nicht. Falls die Zahl der Corona-Fälle doch noch weiter ansteigen sollte, müssten wir auch mit Aufklärung und Verteilung von Seife, Wasserkanistern und Gesichtsmasken in den Dörfern weitermachen.

Wer helfen will, findet weitere Informationen unter www.butiru-freundeskreis. net.

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