Laura Nitsch über Corona-Auswirkungen

Hankensbütteler Hochrisiko-Patientin: „Alles wurde viel zu früh gelockert“

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Hochrisikopatientin Laura Nitsch aus Hankensbüttel sieht die Corona-Lockerungen als verfrüht an.

Hankensbüttel – In der ganzen Republik beschließen Bund und Länder weitere Corona-Lockerungen. Gleichzeitig gibt es Millionen Risikopatienten in Deutschland. Laura Nitsch aus Hankensbüttel ist eine von ihnen.

Die 31-Jährige gehört zur Hochrisikogruppe und sagt klipp und klar: „Ich finde, dass alles viel zu früh gelockert wurde.“

Seltene Krankheit

Nitsch leidet an einer seltenen Krankheit: dem VACTERL-Syndrom. Dabei handelt es sich um eine Kombination von verschiedenen Fehlbildungen von Darm, Blase, Nieren und den Gliedmaßen. Seit März 2010 wird sie dreimal die Woche an die Dialyse angeschlossen (Anfang Mai absolvierte sie die 1459. Dialyse). Seit März 2014 steht sie auf der Spenderliste für eine neue Niere. Bis ein passendes Organ gefunden ist, werden noch viele Jahre vergehen, sagt die junge Frau mit dem Kämpferherz.

Die 31-Jährige hatte durch die Corona-Pandemie fast sieben Wochen Zwangspause und darf seit knapp zwei Wochen wieder zur Physiotherapie. „Wir haben in Hankensbüttel einen großen Garten, ich kann raus, wann immer ich möchte. Aber was ist mit den Alleinstehenden, zum Beispiel meiner Oma?“, macht sich Nitsch Gedanken um ihre Mitmenschen. Niemand dürfe sie besuchen, sie fühle sich ganz oft allein und einsam.

Nitsch hat den Eindruck, dass sie durch die Zwangspause in der Behandlung weit zurückgeworfen wurde. „Ohja, ich hab richtig viele Rückschritte gemacht“, sagt sie. Zum Schluss ist ihr das Laufen richtig schwer gefallen, ebenso das Stehen. Die Muskeln waren steif wie Bretter. „Ja, ich war schon traurig, dass ich nicht mehr zur Therapie durfte, aber die Physiotherapeutin hat gesagt, dass es für mich besser ist, bevor ich mich anstecke“, erläutert sie.

Zweite Welle?

Ohnehin ist sich Nitsch sicher, dass da noch mal eine zweite Welle Corona anrollt. Sie selbst hat anfangs der Corona-Krise die Zeichen der Zeit früh erkannt und sofort reagiert. „Ich hab mich gleich, als es mit Corona losging, isoliert. Meine beste Freundin treffe ich ab und zu am Gartenzaun. Getroffen oder weggegangen sind wir schon ewig nicht mehr.“ Was Nitsch fehlt, ist das Zwischenmenschliche. „Also mal eine Umarmung oder so“, sagt sie.

Um über die neuesten Entwicklungen in Sachen Corona informiert zu sein, hört Nitsch viel Radio, ansonsten liest sie viel in den Sozialen Netzwerken. „Meine Ärztin hält uns Dialysepatienten auch immer auf dem Laufenden.“

Hunde geben Kraft

Ihre tägliche Motivation zieht Nitsch aus ihren zwei Hunden. „Sie holen mich nach draußen. Was ich ohne sie machen würde, weiß ich nicht.“ Auf jeden Fall freue sie sich auch schon darauf, irgendwann wieder auf Konzerte zu gehen, Freunde zu treffen, abzuschalten.

Ein Traum von Nitsch nach über zehn Jahren Verzicht: „Ich möchte endlich wieder essen und trinken, wann ich will, wie viel und was ich will.“ Sie bedankt sich bei allen, die sie in dem Jahrzehnt an der Dialyse begleiten und unterstützen.

Weitere Informationen über die Hankensbüttelerin und ihren langen Weg in ein neues Leben finden sich unter www.facebook.com/kaempferherzlaura.

VON PAUL GERLACH

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