Der Hankensbütteler Gerhard Czichos erinnert sich

Gänsebraten nach dem Luftangriff – Fronturlaub im Dezember 1944

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Das undatierte Foto aus dem Jahr 1945 zeigt die Ruinen des Nikolai-Viertels in Berlin. Gerhard Czichos kam schon im Dezember 1944 durch eine in weiten Teilen zerstörte Hauptstadt.

oll Hankensbüttel. Es waren bewegende Momente für den damals 24 Jahre jungen Frontsoldaten und Ordonnanzoffizier Gerhard Czichos, als er von seinem Vorgesetzten im Stab einer Kavallerie-Division im russischen Witbsk den Urlaubschein in die Hand bekam und zu Weihnachten 1944 für eine Woche zu seinen Eltern nach Schöningen reisen durfte.

Ein ganzer Zug voller Soldaten, der aus der Frontlinie herausgelöst wurde, sollte die Weihnachtstage in der Heimat verbringen.

Für viele Kameraden war es die letzte Reise in die Heimat, weil sie nach der Rückkehr an die Ostfront fielen, in Gefangenschaft gerieten und in manchen Fällen dort auch starben. Das berichtet der heute 98-jährige Gerhard Czichos, ehemaliger Verwaltungschef in Hankensbüttel.

„Der Zug fuhr mit uns über Polen nach Ostpreußen hinein und hielt erstmals auf dem Bahnhof in Insterburg. Dort mussten wir alle den Zug verlassen und wurden mit den sogenannten Goldfasanen, den absolut Hitlertreuen der Partei, konfrontiert.“ Czichos erinnert sich genau. „Sie sollten uns scheinbar für den weiteren Kampf motivieren und überreichten uns das ‘Führerpaket’ für Zuhause.“

In diesem sogenannten Führerpaket befanden sich ein schlachtfertiges Geflügel, andere Lebensmittel und ein bisschen Schokolade. „Ich bekam eine Gans und entschloss mich, diese mit zu meiner Schwester Anni nach Berlin zu nehmen, die ich auf der Heimreise in Berlin-Neukölln besuchen wollte“ erzählt Czichos. In Berlin angekommen, stellte er fest, dass die Stadt zu 50 bis 60 Prozent zerbombt war. Das Haus seiner Schwester hatte auch zahlreiche Bombentreffer abbekommen, war jedoch bis zum zweiten Stock noch bewohnbar. Seine Schwester Anni, die mit ihrem zweijährigen Töchterchen in ihrer Mietwohnung lebte, verfügte noch über Heizung und Gas zum Kochen. „So konnten wir die Gans am Heiligen Abend zum Verzehr vorbereiten“, sagt Czichos.

Doch plötzlich heulten die Sirenen, und alle Bewohner mussten in die Luftschutzkeller. „Darin befanden sich nur der Luftschutzwart und viele junge und ältere Frauen mit kleinen Kindern, die zum Teil erheblich traumatisiert waren und vor den Fliegerangriffen fürchterliche Angst hatten“, berichtet Czichos. „Den Anblick werde ich nie vergessen, sie saßen da mit hängenden Köpfen und schlugen die Hände über den Köpfen zusammen.“ Die eigene Flugabwehr habe „aus allen Rohren“ geschossen.

„Der Gänsebraten musste zunächst allein gelassen werden, und ob wir ihn jemals an diesem Heiligen Abend wieder zu Gesicht bekommen sollten, war völlig offen. Als der Fliegeralarm jedoch beendet war, gingen wir in die Wohnung meiner Schwester zurück. Sie hatte außer den völlig zerborstenen Fensterscheiben, die den Druckwellen der Bombardierungen nicht standhielten, nichts weiter abbekommen. Schnell wurden die Fenster mit Decken und Tüchern zugehängt und der Gänsebraten fertig gebrutzelt.“ Den konnten sie dann in vollen Zügen genießen.

Am nächsten Morgen setzte Czichos seine Reise fort und stellte fest, dass die U-Bahn noch planmäßig lief und überwiegend von Frauen gesteuert wurde. In den U-Bahnschächten befanden sich viele Tote, die sich vor den Luftangriffen hatten retten wollen. Doch die gewaltigen Druckwellen der Bomben, so berichtet Czichos, wurden ihnen zum Verhängnis. „Ich werde diese Eindrücke nie vergessen“, sagt der heute 98-Jährige.

Über den Alexanderplatz setzte er damals die Fronturlaubsreise zu den Eltern nach Schöningen fort. „Dort gab es kaum Luftangriffe, sodass ich mich für ein paar Tage erholen konnte, bevor ich wieder an die Ostfront zurückkehren musste. Es war eines der traurigsten Kapitel meines Lebens, das mich für alle Zeiten geprägt hat“, sagt der ehemalige Frontsoldat.

Zum Ende des Krieges geriet er in Gefangenschaft und wurde nicht zu einem der zig Millionen Todesopfer des barbarischen Weltkrieges.

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