Erhaltungszucht im Hankensbütteler Otter-Zentrum: Kleine Säugetiere jagen Fische, Insekten und Vögel

Europäischer Nerz vor dem Aussterben

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Der europäische Nerz ist fast ausgestorben. Im Otter-Zentrum in Hankensbüttel wird er für die Nachwelt gezüchtet.

Hankensbüttel. Kaum beachtet, aber wahr: Der europäische Nerz (Mustela lutreola) steht vor dem Aussterben. Das Otter-Zentrum Hankensbüttel kümmert sich um die Erhaltung dieses kleinen Säugers. „Bereits vor hundert Jahren verschwand der Nerz aus Deutschland.

Sein Aussterben wurde hierzulande kaum registriert“, sagt Dr. Hans-Heinrich Krüger, der für die Erhaltungszucht im Otter-Zentrum verantwortlich ist.

Vorkommen in Deutschland

Auch Minke, die Vetter des Europäischen Nerzes, sind im Otter-Zentrum zu sehen. Sie sind größer und breiten sich in Europa rasend schnell aus.

Doch Nerze gibt es zu Tausenden in Deutschland. Das sind Minks (Neovison vison), der amerikanische Vetter. Diese entkamen in den letzten Jahrzehnten aus Pelztierfarmen, breiten sich beständig aus und verdrängen auch noch die Restbestände des kleineren europäischen Artgenossen. „Der Amerikanische Nerz besiedelt schon weite Teile Nordostdeutschlands und auch das östliche Bayern“, weiß Dr. Krüger. Das Verbreitungsgebiet des Europäischen Nerzes ist auf kleine Reliktvorkommen zusammengeschmolzen. Zum einen kommt er noch im Westen Europas im Grenzgebiet zwischen Frankreich und Spanien vor, zum anderen in Osteuropa im Donaudelta, in Weißrussland und in einigen Feuchtgebieten Russlands. Insgesamt, so schätzen Fachleute, sind nur noch einige zehntausend Nerze in freier Wildbahn zu finden.

Lebensumfeld und Nahrung

Mehrmals am Tag werden die Nerze und Minke in ihren weiträumigen Freilandgehegen gefüttert. Dann kommen die flinken Räuber aus ihren Verstecken vor.

Der „Sumpfotter“, wie der europäische Nerz auch genannt wird, bewohnt Gewässerufer und Feuchtgebiete. Er kann vorzüglich schwimmen und benutzt dabei seine mit Schwimmhäuten versehenen Füße zum Vortrieb. Ein dichtes Fell, ehemals als Pelzware hoch begehrt, und eine Schicht Unterhautfett schützen den Nerz vor Kälte und erlauben längere Tauchgänge. Dabei bevorzugt er schnell fließende Bäche und Flüsse mit reicher Uferstruktur, die ihm reichlich Nahrung und Verstecke bieten. Fische, Krebse, Insekten, Vögel und Kleinsäuger bilden seine Beute. Vegetarische Nahrung nimmt er nicht auf.

„Über das Sozialleben im Freiland wissen wir nur wenig. Vermutlich leben sie sehr einzelgängerisch und dulden in ihren Revieren keine Artgenossen“, sagt Dr. Krüger. Die Haltung in Gehegen wie im Otter-Zentrum, ist nicht leicht. „Erwachsene Tiere können nur einzeln gehalten werden. Auch die Verpaarung funktioniert nicht bei jedem Pärchen“, informierte Dr. Krüger.

Warum der Europäische Nerz so stark zurück gegangen ist, liegt bis heute weitgehend im Dunkeln. Denn sein Verschwinden im deutschen Bereich vor bereits hundert Jahren ist kaum zu erklären. „Die direkte Verfolgung, die bei Luchs, Wolf und Wildkatze am stärksten zu Bestandeseinbußen geführt hat, wird einen vitalen Nerzbestand schwerlich dezimiert haben können“, ist sich Dr. Krüger sicher.

Auch Lebensraumzerstörungen mit Bagger und Chemie, wie wir sie besonders stark aus der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts kennen, hatten zurzeit des Aussterbens noch nicht eingesetzt. Allerdings muss man berücksichtigen, dass der europäische Nerz ein ausgesprochener Lebensraumspezialist ist. Er ist auf intakte Uferzonen und Flachgewässer angewiesen. Diese mögen bereits vor hundert Jahren durch Trockenlegungen, Begradigungen und Beweidungen derart beeinträchtigt gewesen sein, dass der Nerzbestand hierdurch zumindest gelitten hat. Auch die Nahrungsgrundlage im Uferbereich mag bereits deutlichen Veränderungen unterlegen haben, denkt man an das Zusammenbrechen der Süßwasserkrebsbestände durch die „Krebspest“ am Ende des 19. Jahrhunderts. In neuerer Zeit kommt zu diesen Bedrohungen die Konkurrenz mit dem amerikanischen Mink. Die Minke sind dem Nerz von der Körpergröße her überlegen.

Population schrumpft weiter

Dr. Hans-Heinrich Krüger versucht, einen Nerz zu locken.

„An die Rettung des europäischen Nerzes im Freiland ist nicht zu denken. Im Gegenteil, es ist davon auszugehen, dass die letzten Vorkommen weiter schrumpfen werden. So bleibt uns als erste und wichtigste Maßnahme zunächst nur der Aufbau einer Gehegepopulation“, ist Dr. Krüger überzeugt. Es besteht bereits ein „Europäisches Erhaltungszuchtprogramm“ (EEP), an dem sich Zoos und andere Institutionen wie das Otter-Zentrum beteiligen. Ziel ist der Aufbau einer sich selbst erhaltenden Population, welche die Arterhaltung zumindest in der Gefangenschaft sichert.

Bereits dieser Schritt ist mit vielen Problemen behaftet. So gilt es, den genetischen Charakter der Freilandpopulation möglichst optimal zu „konservieren“, ohne zu sehr in eine „domestizierte“ Form abzugleiten. Dann kommt noch dazu, dass die Nerze einzeln gehalten werden müssen. Jedes Tier verlangt sein eigenes Gehege. Der Osnabrücker Verein „Euro-Nerz“, der sich ganz besonders um den Aufbau einer Zuchtgruppe und den Erhalt der Art verdient gemacht hat, versucht dieses Problem durch die zeitweise Vergabe von Muttertieren an Zoos zu umgehen.

Wiederansiedlung des Nerzes

Eine Wiederansiedlung des europäischen Nerzes in Deutschland sieht Dr. Krüger vorerst als Utopie an. „Hierzu sollten die Aussterbegründe möglichst erkannt und abgestellt sein. Das Abstellen der Aussterbegründe sollte dann vorzugsweise dort geschehen, wo noch freilebende Nerze vorkommen, um eine natürliche Ausbreitung zu fördern“, sagt Dr. Krüger.

Gleichzeitig plädierte der Tierforscher dafür, den Mink in vorgesehene Wiederansiedlungsgebiete zurückzudrängen oder ganz zu entfernen. Aber Wiederansiedlungen von seltenen Tierarten gilt immer noch als die „Krone des Naturschutzes“. Auch von Seiten der Behörden wird sehr schnell mit Wiederansiedlungsprojekten geliebäugelt, da man dann der Öffentlichkeit tatkräftige Aktionen vorzeigen kann. Über die Vielzahl der misslungenen Projekte wie bei den Rauhfußhühnern oder beim Auer- und Birkwild breitet sich dann Schweigen.

Ein besonders interessantes Wiederansiedlungsprojekt des Nerzes läuft seit einigen Jahren in Litauen. Dort wurde eine Ostsseeinsel als Auslassungsgebiet gewählt und diese Insel vor Beginn der Auslassungen „minkfrei“ gemacht. So wurde zumindest der Einfluss des Minks dauerhaft ausgeschlossen. In Deutschland laufen derzeit Wiederansiedlungsprojekte im Saarland und am Steinhuder Meer. Dr. Hans-Heinrich Krüger hofft, dass diese Projekte von Erfolg gekrönt sind. Wer den europäischen Nerz oder den Mink einmal in einem riesigen Gehege sehen möchte, der sollte dem Otter-Zentrum einen Besuch abstatten.

Von Rüdiger Lange

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