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„Eltern müssen es richtig vorleben“

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Alkoholismus ist eine Krankheit, die von den Betroffenen oft verschwiegen wird. Foto: picture-alliance/dpa

Hankensbüttel. Seit 60 Jahren leisten die Al-Anon-Familiengruppen erfolgreiche Hilfe zur Selbsthilfe für Angehörige von Alkoholkranken. Seit elf Jahren gibt es die Al-Anon-Gruppe in Hankensbüttel.

Kathrin ist seit fünf Jahren dabei, ist Repräsentantin für die Öffentlichkeitsarbeit der Gruppe und auch Ansprechpartnerin für neue Teilnehmer. Sie selbst war als Angehörige von Alkoholkranken von dieser Krankheit betroffen. Im IK-Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit der Alkoholkrankheit, die Arbeit von Al-Anon und wie wichtig Aufklärung über Alkoholkonsum ist.

IK: Kathrin, wie sind Sie zu Al Anon gekommen?

Kathrin: Durch eine private Freundin. Über die Jahre bekommt man einen Blick dafür, wer wegen der Alkoholkrankheit Probleme in der Familie hat. Und so sprach mich auch eine Freundin darauf an. Zu dem Zeitpunkt wusste ich noch nichts vom Alkoholismus in meiner Familie. Ich habe bemerkt, dass diese Krankheit einer anderen Person der Auslöser für meine eigenenen Beschwerden sein könnte.

IK: Sie haben unter einem alkoholkranken Menschen gelitten. Wie äußerte sich das bei Ihnen?

Kathrin: Ich war in einer psychosomatischen Kur, wo es auch ein Angebot von Al-Anon gab. Als ich wieder zuhause war, habe ich auch in Hankensbüttel die Gruppe besucht. Jeder neue in der Gruppe kann sich einen Sponsor suchen, der rund um die Uhr für einen da ist. Davor habe ich mit meiner Freundin schon vier Jahre lang Gespräche geführt. Dadurch habe ich erst gemerkt, wie lange das Alkoholproblem schon in meiner Familie verankert ist. Mittlerweile befinde ich mich auf dem Genesungsweg. Mein früheres trautes Heim war nicht so schön, wie ich immer glaubte. In Verbindung mit dem Alkohol gab es auch viel Gewalt.

IK: Alkoholprobleme werden in der Gesellschaft gern unter den Teppich gekehrt...

Kathrin: Es wird totgeschwiegen. Keiner will zugeben, dass er davon betroffen ist. Viele denken, es ist eine Schande. Dabei ist Alkoholabhängigkeit eine Krankheit, die man akzeptieren muss. Wenn man direkt mit einer alkoholkranken Person konfrontiert ist, vergisst man oft die Krankheit und entwickelt stattdessen Hass gegen den Menschen. Alkoholismus ist eine Lügenkrankheit, auf die man oft herein fällt. Wenn man von außen auf meine Stamm-Familie schaut, war ich immer die Fürsorgliche, die sich um alles gekümmert hat.

IK: Hat diese Fürsorglichkeit sich zu ihrem persönlichen Problem entwickelt?

Kathrin: Ja, ich habe ein regelrechtes Helfer-Syndrom bekommen. Man springt zum Schluss für alle. Ich bin nur auf Leute gestoßen, die mich ausgenutzt haben. Das hat mich krank und depressiv gemacht. Meine Geschwister und ich sind ohne Vater ausgewachsen. Als Älteste hatte ich viel Verantwortung, Schuldgefühle wurden mir aufgebrummt.

IK: Wie hilft Ihnen Al- Anon?

Kathrin: Die Gruppe ist ein Zufluchtsort, wo man seine Maske fallen lassen und sich mit anderen austauschen kann. Dadurch merkt man, dass es anderen genauso geht wie einem selbst. Schuldgefühle werden dem Teilnehmer genommen, Ordnung kommt in den Kopf. Jede Glaubensrichtung ist bei Al Anon willkommen. Durch das Al-Anon-Programm versteht man sich, verändert sich und findet Frieden, was sich auch auf die Familie auswirkt. Einmal im Monat gibt es ein Treffen mit Alkoholikern. Das Zuhören ist bei Al-Anon ganz wichtig. Niemand wird bedrängt. Es gibt auch Gruppen, in Gifhorn, Uelzen und Celle.

IK: Wie leiden Kinder unter Alkoholismus in der Familie?

Kathrin: Kinder haben große Angst. Für sie gibt es zurzeit nur alle zwei Wochen samstags in Hannover eine Gruppe. Bei Bedarf würden wir in Hankensbüttel eine Alateen-Gruppe anbieten. Gerade bei Jugendlichen gibt es Hemmschellen, sich einer Gruppe anzuvertrauen. Al-Anon geht auch in Schulen, um zu informieren.

IK: Haben Sie Informationen darüber, welche Rolle der Alkohol bei Jugendlichen spielt?

Kathrin: Es ist auffällig in letzter Zeit, dass der Beginn der Alkoholkrankheit immer früher verläuft, derzeit schon mit 13 Jahren. In Hannover gibt es oft Fälle, wo Kinder ab elf Jahren wegen Alkohol im Krankenhaus landen. Viele Ex-Alkoholiker, die heute trocken sind, haben schon mit 13 Jahren in etwa mit dem Trinken begonnen. Viele Jugendliche, die uns ansprechen, haben beispielsweise einen trinkenden Schulkameraden. Wir haben Fragebögen für Kinder und Jugendliche, was sie über Alkohol wissen – das ist oft erschreckend wenig. Man kann allerdings nur schwer dagegen wirken.

IK: Aufklärung ist also das Wichtigste.

Kathrin: Richtig. Wir gehen auf Jugendförderungen oder Präventionsräte zu. Bei vielen Betroffenen stoßen wir aber auf verschlossene Türen, da sie es nicht zugeben und verheimlichen wollen. Aufklärung beginnt aber schon Zuhause. Eltern müssen es ihren Kindern richtig vorleben.

Von Sabine Peter

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