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BSV Hankensbüttel: Tosender Applaus für Geschichts-Revue

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Von: Burkhard Ohse

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Das Theaterstück zum 100-jährigen Bestehen des Bühnenspielvereins im Jahr 2020 ging nun auf dem Wiethorn über die Bühne.
Das Theaterstück zum 100-jährigen Bestehen des Bühnenspielvereins im Jahr 2020 ging nun auf dem Wiethorn über die Bühne. © Ohse, Burkhard

Hankensbüttel – „Gigantisch“, „Hammer“ – viele Zuschauer waren nach den Aufführungen des Bühnenspielvereins am Wochenende vom 7. bis 9. Oktober überwältigt. Das lag nicht nur an den fünfeinhalbstündigen Vorstellungen, inklusive zweier 20-Minuten-Pausen, sondern auch an Inhalt und Darstellern. Rund 80 Akteure standen in etwa 150 Rollen auf der Bühne am Wiethorn und zeigten die Geschichte der letzten 77 Jahre, viele Mitglieder halfen zudem im Hintergrund.

Bei dem Stück ging es immer auch um die Weltgeschichte, die bis in den Ort hineinstrahlte. Das Musical „Früher war alles besser. Oder?“, für dessen Inhalt sich Autor und Regisseur Andreas Kahrens in der Samtgemeinde umgehört hatte, Erinnerungen aufgriff und diese anonymisiert einbaute, war zum 100-jährigen Bestehen des Bühnenspielvereins im Jahr 2020 geschrieben worden.

Die Handlung begann im April 1945. Da saßen einige im Ort noch in der Kneipe und schwadronierten über den „Endsieg“, als amerikanische Soldaten in Hankensbüttel einmarschierten. Es folgten weitere Meilensteine der großen Geschichte, die immer auch die Menschen in Hankensbüttel bewegte. Von den Vertriebenen, deretwegen in der Schule nicht mehr „Platt gesnackt“ werden durfte, über den Gewinn der Fußball-WM, die Gastarbeiter, Wirtschaftswunder, Mauerbau. Mondlandung, Hippiezeit, RAF-Terrorismus und Wiedervereinigung, bis hin zu den neuen Mitbürgern aus der ehemaligen Sowjetunion, die nicht bei allen willkommen waren.

Auch die Einführung des Euro kam auf die Bühne genauso wie das ganz normale Leben – die Ehefrau etwa, die sich in den 50ern zu Hause bei Stress mit „Frauengold“ aufheiterte, der Ehemann, der von der Arbeit kam und der Herr im Hause war. Viele Ältere erinnerten sich amüsiert, Jüngeren im Publikum musste diese Welt unwirklich vorgekommen sein. Zudem wurden Generationskonflikte gezeigt, als Studentenbewegung, Umweltprobleme oder Waldbrandkatastrophe auch den Nordkreis bewegten und bewegen.

Lokale Ereignisse wie der Streit, als der Elbe-Seiten-Kanal gebaut wurde, der kurz nach Fertigstellung in Ebstorf zerbrach, der Wochenmarkt im Ort, der schnell wieder eingestellt wurde, weil die Kundschaft fehlte, die Partnerschaft mit Le Mesnil, die Ortsjubiläen und die Bildung der Samtgemeinde fanden auf der Bühne statt, garniert mit den Stimmen und Meinungen der jeweiligen Zeit. Bilder, Filme und Zeitungsausschnitte aus der großen Welt und dem Ort weckten Erinnerungen an Veränderungen.

So ging ein Raunen durch das Publikum, als berichtet wurde, wie das ehemalige „feuchte Dreieck“ verschwand, das Deutsche Haus abgerissen wurde, Firmen sich ansiedelten und wieder verschwanden oder die Kaserne in Dedelstorf geschlossen wurde. Für viele Jüngere gab es interessante Einblicke über die „schwarze Stadt“, in der nach dem Krieg Vertriebene untergebracht wurden.

Auch mit Humor wurde nicht gespart, hatten doch viele Ereignisse zwei Seiten. Der neue Kanal etwa könnte bedeuten, dass die Schwiegermutter aus Wittingen seltener zu Besuch kommt. Ach nein, es gab ja Brücken und Unterführungen...

Die Protagonisten auf der Bühne sangen, tanzten, spielten und bekamen mehrfach kräftigen Applaus. Das Publikum stimmte immer singend ein, wenn ein bis heute bekannter Gassenhauer gespielt wurde. Authentische Uniformen, ein ebenso geniales wie praktisches Bühnenbild, bei dem als Hintergrund die Seiten eines riesigen Buches jeweils umgeblättert wurden, zauberten ein realistisches Ambiente.

Auch die Frage des Musical-Titels, ob früher alles besser war, wurde am Ende beantwortet, natürlich musikalisch. „Die schönste Zeit ist heut. Ergreif den Augenblick, man ist nie mehr so jung wie heut.“ Und das galt schon immer. Stehende Ovationen gab es beim großen Finale.

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