Neue Debatte um Straßen

Befleckte Namen in Gifhorn: Ex-Kreischef war NSDAP-Mitglied

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Das Ackmann-Stadion in Hankensbüttel: Der Namensgeber hatte einst einen NSDAP-Ausweis.

Gifhorn/Hankensbüttel – Ein Forscher ist bei seinen Recherchen auf die Namen ehemaliger hochrangiger Personen aus dem Landkreis Gifhorn gestoßen, die eine zweifelhafte Vergangenheit haben.

Der einstige Oberkreisdirektor Dr. Friedrich Ackmann, nach dem das Fußballstadion am Hankensbütteler Gymnasium benannt ist, ist solch ein Fall.

Ältere Menschen im Landkreis kennen Dr. Friedrich Ackmann noch als Oberkreisdirektor, der von 1951 bis 1968 die Geschicke des Landkreises lenkte und von 1935 bis 1937 Landrat im damaligen Landkreis Flatow war. Den Fußballfreunden ist der Name präsent, wenn sie im Hankensbütteler Friedrich-Ackmann-Stadion spielen – dort treiben auch die Gymnasiasten Sport. Und wer einen pflegebedürftigen Angehörigen hat, bringt ihn vielleicht im Friedrich-Ackmann-Haus des DRK in Gifhorn unter. Der ehemalige Chef der Kreisverwaltung hat eine bisher unbekannte Vergangenheit, die jetzt ans Tageslicht geholt wurde.

Über Dr. Friedrich Ackmann gibt es erhellende Informationen im Bundesarchiv.

So trat Ackmann mit der Mitgliedsnummer 75 241 am 1. Mai 1933 in die NSDAP ein, und hat, wie Dr. Manfred Grieger, Historiker und Professor an der Göttinger Universität, jetzt in einem Vortrag im Gifhorner Rathaus sagte, „früh auf diese Karte gesetzt“. Zudem war er als SS-Untersturmführer in der Funktion eines Gebietskommissars und Leiters der Hauptabteilung 1 beim Generalkommissar in Kiew eingesetzt. „Was er dort genau gemacht hat, ist noch zu untersuchen. Aber er war kein kleiner Fisch“, sagte Grieger.

Ackmann ist nicht der einzige, der eine zweifelhafte Vergangenheit aufweist. Auch der ehemalige Stadt-Schulrat Dr. Ulrich Roshop oder Gifhorns langjähriger Bürgermeister und Ehrenbürger Herbert Trautmann, jahrelang auch Vize-Landrat, sind dabei. So war Trautmann seit 1934 in der NSDAP, wie Grieger anhand eines Ausweises zeigte, dessen Bild Trautmann in SA-Uniform zeigt. „Das war nicht nötig. Er wollte wohl zeigen, dass er dazu gehört“, mutmaßte Grieger. Roshop war sogar bereits seit dem 1. Dezember 1931 in der Partei, lange vor der „Machtergreifung“.

Insgesamt hat Grieger die Namen von 63 Straßen und Wegen in der Kreisstadt unter die Lupe genommen, die nach Personen benannt wurden, die während des Dritten Reiches lebten. 13 der 63 Personen hatten eine NSDAP-Parteimitgliedschaft vorzuweisen, darunter auch der langjährige Gifhorner Bürgermeister (1925 bis 1946) und Stadtdirektor (1946 bis 1949) Ludwig Kratz, ebenfalls Ehrenbürger der Stadt, und Wilhelm Thomas, einziger SPD-Bürgermeister in Gifhorn (1956 bis 1961), zuvor Gifhorner Landrat und am 16. April von den Amerikanern als Polizeichef eingesetzt. Beide traten am 1. Mai 1937 in die NSDAP ein. Noch heute verleiht die SPD in Gifhorn den Wilhelm-Thomas-Preis an engagierte Bürger. Über Kratz hatte Grieger bereits 2018 gesagt, dass er sich als Bürgermeister selber ermächtigt hatte, Entscheidungen gegen Juden zu treffen, als diese Entscheidungen „noch nicht nötig waren“.

Exemplarisch beschrieb Grieger die nachvollziehbaren Lebenswege von Trautmann, Roshop und Ackmann. Etliches ist nicht mehr genau eruierbar, doch das, was die Akten hergaben, ist nun bekannt. Ins Rollen gebracht wurde der Auftrag des Gifhorner Fachbereichs Kultur an Grieger, nachdem Schüler des Freiherr-vom-Stein-Gymnasiums in der westfälischen Stadt Bünde die Geschichte von Dr. Dr. Gotthard Rattay recherchiert hatten. Der war vor dem Krieg Bürgermeister in Bünde, nach dem Krieg dann langjähriger Gifhorner Stadtdirektor (1950 bis 1967). Heraus kam, dass er jüdische Bürger übervorteilt hatte. Als Konsequenz wurde die Dr. Dr. Gotthard Rattay-Straße in Gifhorn umbenannt, die Ehrenplakette posthum entzogen.

Konsequenzen wie Namensumbenennungen sind auch weiterhin nicht ausgeschlossen. Immerhin gibt es in der Kreisstadt auch einen Friedrich-Ackmann-Weg. Die Fraktionsspitzen des Gifhorner Stadtrates sprechen sich insgesamt für Umbenennungen aus, wollen „im Einzelfall entscheiden“ (Thomas Reuter/CDU), „ein Zeichen setzen“ (Nicole Wockenfuß/Grüne), sich „dem Thema zeitnah stellen“ (Ulrich Stenzel/SPD), „differenzieren“ (Jürgen Völke/ULG, Dr. Stefan Armbrecht/FDP) und „die Bürger vorab befragen“ (Stefan Marzischewski-Drewes/AfD).

VON BURKHARD OHSE

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