Arbeit an komplexen Problemen im Entwicklungssektor

Ex-Emmer hilft in Krisenregionen dieser Welt

Arno Bratz, aufgewachsen in Emmen, bei der Arbeit für die Hilfsorganisation Mercy Corps im Herbst 2018 im Kongo inmitten einer Gruppe Menschen vor einem Geländewagen.
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Arno Bratz, aufgewachsen in Emmen, bei der Arbeit für die Hilfsorganisation Mercy Corps im Herbst 2018 im Kongo.
  • Paul Gerlach
    vonPaul Gerlach
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Emmen/Kampala – Arno Bratz, aufgewachsen in Emmen, arbeitet nun für die Hilfsorganisation Mercy Corps in Uganda. Für Bratz ist das ostafrikanische Land aber bereits die zweite Station auf dem Kontinent. Und auch zuvor ist er durch seine Arbeit schon weit in der Welt herumgekommen: Er war in Jordanien, im Libanon, im Nordirak oder auch in Nordost-Syren in Hilfsprogrammen tätig gewesen.

Bei Mercy Corps ist Bratz „Monitoring, Evaluation and Learning Director”. Er bewertet, wie effektiv seine Organisation humanitäre Interventionen entwickelt und umsetzt, er berät Unternehmensleiter, um Verbesserungen voranzutreiben. Dabei leitet Bratz ein Team von Spezialisten an, baut Datensysteme, setzt qualitative und quantitative Studien um und verbessert Entscheidungsprozesse. „Internationale Entwicklung ist massiv unterfinanziert – und es ist mein Job, Mercy Corps zu helfen, das Beste aus unseren begrenzten Resourcen zu machen“, erklärt er im IK-Gespräch. Dabei konzentriert er sich auf große Programme, die systemische Entwicklung für hunderttausende Menschen in einer gesamten Region erreichen wollen.

Ein typischer Arbeitstag besteht für ihn aus „Überstunden im Büro und literweise Kaffee“. Zu seinen Aufgaben zählen Management, Programmier- und Analysearbeit, Studienentwicklung, Verhandlungen mit Geldgebern und Treffen mit Entscheidungsträgern, um die Qualität und Effektivität zu verbessern. „Mir gefällt die Vielfalt meiner Arbeit.“ Sie sei eine Kombination aus Sozialwissenschaft, Qualitätsmanagement, Analyse und Strategieberatung, die es außerhalb des Entwicklungssektors so nicht gebe.

Die menschliche Motivation treibt Bratz an. „Ich möchte zum einen im Rahmen meiner Fähigkeiten das Bestmögliche leisten, um menschliches Wohlergehen zu verbessern. Zum anderen knacke ich gerne komplexe Probleme, und davon gibt es im Entwicklungssektor jede Menge.“ Wenn er manchmal bis nachts um 5 Uhr schuften muss, treibe ihn nicht nur das Ergebnis, sondern auch der Genuss an der Arbeit selbst an.

Nach einigen Jahren im Journalismus (unter anderem als freier Mitarbeiter beim IK), der Politikberatung und der Politikwissenschaft orientierte Bratz sich beruflich um und studierte im Master Nachkriegswiederaufbau. Im Studium war Bratz in Heidelberg, in York (England) und für kürzere Studien im Kosovo und in Jordanien. Innerhalb Deutschlands war er in Heidelberg, Stuttgart, Frankfurt und Berlin tätig. Er gewann Mercy Corps‘ Aufmerksamkeit, während er eine Studie zu humanitärem Schutz erstellte, und wurde dann 2017 in Jordanien eingestellt.

Seit Oktober 2020 lebt Bratz in Kampala und arbeitet in Karamoja im Nordosten Ugandas. In Jordanien und im Libanon arbeitete er 2017 an Datenerhebungen und wissenschaftlichen Forschungsprojekten für psychosoziale Hilfsprogramme. Im Nordirak und in Nordost-Syrien arbeitete er 2018 im Monitoring und der Evaluierung sowie als Programm-Manager, um psychosoziale Unterstützung und Ausbildungsprogramme für Jugendliche und junge Erwachsene aufzubauen. Es ging darum, in den ehemals von Daesh (IS) besetzten Gebieten Trauma und Stress zu behandeln, und Menschen die Chance zu geben, Wiederaufbau voranzutreiben und erneuter Gewalt vorzubeugen. „Es war mit Abstand die härteste Erfahrung meines Lebens“, sagt er heute.

Im Kongo arbeitete Bratz zwischen 2018 und 2020. „Professionell war es meine größte Herausforderung, aber unsere Ergebnisse waren phänomenal.“ 210 000 Menschen sei dabei geholfen worden, aus extremer Armut und Unterernährung zu entkommen – durch wirtschaftliche Entwicklung, Infrastruktur, Wasser- und Gesundheitsversorgung, Konfliktmanagement und lokale Regierungsplanung. Dort entwickelte datenwissenschaftliche Lösungen setzt Mercy Corps nun weltweit um.

Alle diese Erfahrungen waren für Bratz wertvoll. Humanitäre Hilfe und Entwicklungszusammenarbeit erfordern gleichermaßen Herz und Kopf, ist seine Quintessenz. „Es ist nicht genug, Gutes zu tun. Wir müssen es besser machen.“ 2017 seien zwei Billionen Dollar mehr aus Entwicklungsländern hinaus- als in sie hineingeflossen. „Wir sollten Lieferketten transparenter machen, die wahren Preise für Konsumgüter aus Entwicklungsländern bezahlen und mehr und effizienter in Entwicklungszusammenarbeit investieren“, hält Bratz fest. Internetseiten wie www.givewell.org geben einen Überblick über effektive Organisationen und können Privatpersonen helfen, effektiv zu spenden.

Seine Urlaubszeit teilt Bratz mit seiner Frau Kamila zwischen Mannheim, ihrer Heimat Usbekistan und Hankensbüttel auf. „Meine Familie sehe ich viel zu selten – ungefähr zweimal im Jahr.“ Lange Audio- und Videotelefonate gehören daher zu seinen Lieblingsbeschäftigungen.

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