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Wider das leere Gotteshaus: Kreis-Protestanten und -Katholiken kämpfen um Mitglieder

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Von: Pascal Patrick Pfaff

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Weniger Besucher in der Wittinger St. Stephanus-Kirche.
Damit Gotteshäuser wieder mehr mit Leben gefüllt werden – und nicht so spärlich gefüllt sind wie die Wittinger St. Stephanus-Kirche auf dem Foto –, brauchen Pfarrer und Pastoren neue Konzepte. © Privat

Landkreis Gifhorn – Dass die evangelische und auch die katholische Kirche im Landkreis Gifhorn und der Region mit Mitgliederschwund zu kämpfen haben, bestätigen Kirchenvertreter beider Konfessionen. Woran dies liegt und wie der Entwicklung entgegengetreten werden kann, erklären sie im IK.

„In den letzten Jahren haben wir durchschnittlich je zwischen 2 und 2,5 Prozent unserer Mitglieder verloren“, erklärt Christian Berndt, Superintendent des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen. „Nachfragen zu den Beweggründen liefern oft keine klaren Antworten – doch aus manchen Gesprächen weiß ich, dass manche Leute unter anderem deswegen austreten, weil sie die Kirche für zu politisch halten.“ Andere hielten die Institution dagegen für zu unpolitisch und seien deshalb ausgetreten. Berndt glaubt, an diesem Verhalten sehr subjektive Akte zu erkennen: „Die Leute bemessen ihre Entscheidungen daran, wie sie die Themen wahrnehmen.“

Es gehöre zum Kerngeschäft der evangelischen Kirchen des Kirchenkreises, sozialdiakonisch aktiv zu sein. Das umfasst die Hilfe für Geflohene etwa aus der Ukraine genauso wie die Seelsorge oder Lebensbegleitung an persönlichen Wendepunkten (Taufe, Hochzeit, Trauerfeiern). Alles traditionelle Tätigkeiten der Kirche, wie Berndt sagt – und in Kombination mit einer strukturellen Neujustierung womöglich die Grundlage dafür, dem Mitgliederschwund entgegenzuwirken.

Kirchen in einer Transformationsphase

„Wir befinden uns in einem Transformationsprozess, was auch an dem neu gegründeten Pfarramt Nordwest zu sehen ist. Dort sind jetzt die Kirchengemeinden Hankensbüttel, Sprakensehl, Groß Oesingen und Steinhorst pfarramtlich miteinander verbunden.“ Die Eigenständigkeit der Gemeinden bleibe gewahrt, doch der Austausch werde untereinander noch intensiver. Etwa durch die regelmäßige Pastoren-Rochade zwischen den einzelnen Orten.

Ob dies ein Patentrezept ist, die Leute wieder näher an die Kirche zu bringen? Berndt weiß es nicht. „In Wittingen sind die Pfarrer in der Corona-Zeit übers Land gefahren und haben Freiluftgottesdienste veranstaltet“, sagt er. Es sei vielleicht eine Möglichkeit, die Menschen zurückzuholen. Dass es schwierig wird, ist ihm aber bewusst: „Die Menschen suchen nicht mehr nur in der Kirche Orientierung. Und: Begegnungen sind wichtig. Gerade in puncto Seelsorge. Doch in der Corona-Zeit ist das nicht möglich gewesen.“ Die Menschen seien auch jetzt nicht mehr so zahlreich in der Kirche wie noch vor Pandemie-Beginn.

Ein Phänomen, das auch Miesczyslaw Kamionka aufgefallen ist. Der Pfarrer, zuständig für die katholische Pfarrgemeinde St. Marien in Wittingen und die Wesendorfer Filialkirche Mariä Himmelfahrt, hat dies vor allem 2021 gemerkt. „Auch wenn ich keine Zahlen dazu habe, so kann ich von einem Besucherrückgang in dieser Zeit sprechen.“

Junge bleiben den Gottesdiensten fern

Dieser sei besonders bei den 70- bis 80-jährigen Personen spürbar gewesen. „Aus Angst, dass sie Corona nach Hause bringen“, so Kamionka. Die jüngere Generation fühle sich indes gar nicht erst verbunden mit der Kirche. „Sie ist da nicht reingewachsen durch die Familie.“ Dass die unzureichende Aufarbeitung sexueller Gewalt in der katholischen Kirche etwaige Austritte befördert haben könnte, glaubt der Pfarrer nicht: „Das Thema war aktuell. Aber ich habe nicht den Eindruck, dass deswegen die Massen ausgetreten sind.“

Die meisten Mitglieder kämen vor allem an Weihnachten und Ostern in die Kirche. 10 bis 15 Prozent, wie Kamionka sagt. Zwei Mal werde im Jahr erhoben, wie viele Personen durchschnittlich die Kirche aufsuchen. „Zuletzt waren es 4,7 und 5,1 Prozent. Der Rest zahlt die Kirchensteuer, bleibt aber zu Hause. Manch einer, der nur Italienisch oder Spanisch spricht, aber in Wittingen beziehungsweise Wesendorf wohnt, kommt auch nicht.“ Sie führen stattdessen nach Wolfsburg oder Braunschweig.

Laut Kamionka, der nach eigener Aussage „die Zeit der Volkskirchen“ für vorbei hält, muss stärker mit einzelnen Gruppen gesprochen werden. So rede er aktuell öfter mit jungen Menschen. Manche seien durch Medien animiert worden, andere wiederum „eher zufällig“ in die Kirche gekommen, wie es der Pfarrer formuliert. „Sie waren eigentlich bei einer Taufe, doch im Anschluss haben wir über Gott und die Welt diskutiert.“

Es sind Einzelfälle, merkt Kamionka an. Genauso wie die wenigen Personen, die nach ihrer Kirchenpause zurückkehren.

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