„Klimaschutzplan mit ehrgeizigen Zielen“

Wahl des Gifhorner Landrats: Der Meiner Dr. Arne Duncker tritt für die Grünen an

Dr. Arne Duncker kandidiert für die Grünen für das Amt des Gifhorner Landrats. Foto: boden
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Dr. Arne Duncker kandidiert für die Grünen für das Amt des Gifhorner Landrats.
  • Holger Boden
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Landkreis Gifhorn – Die Grünen im Landkreis Gifhorn haben zum zweiten Mal nach 2016 einen Kandidaten für das Amt des Landrates nominiert. Dr. Arne Duncker aus Meine gehört der aktuellen Kreistagsfraktion der Grünen an.

Als Vertreter der Ökopartei sieht er naturgemäß einen Handlungsschwerpunkt bei den Themen Klima und Umwelt, der Jurist hat aber auch für andere Bereiche Ziele, die er als Chef der Kreisverwaltung verwirklicht sehen will. Duncker traut sich zu, nach dem Urnengang am 12. September in einer Stichwahl am 26. September dabei zu sein. Das Gespräch führte IK-Lokalchef Holger Boden.

Herr Dr. Duncker, was ist das wichtigste Thema, das Sie als Landrat anpacken würden?

Die Mobilitätswende. Das ist ein Querschnittsthema, bei dem es um den Klimaschutz geht, aber auch um den Erhalt von Arbeitsplätzen. Ich sehe den Landkreis als Modellregion für die neue Mobilität – für die Erprobung in der Fläche, mit VW und den Zulieferern als Partner. Dazu müssen wir natürlich auch an der Ladestellen-Infrastruktur arbeiten. Der Landkreis braucht einen Mobilitätsmanager, das fordern wir Grünen schon seit Längerem.

Und was wird die größte Herausforderung der nächsten fünf Jahre?

Das Klimaproblem wird uns regelmäßig wieder einholen. Aufgabe der Politik und damit auch des Landkreises ist es, damit umzugehen und die Folgen erträglich zu gestalten.

„Damit umgehen“ – was heißt das für Sie konkret?

Ich will einen Klimaschutzplan mit ehrgeizigen Zielen. Dabei denke ich an zwei Meilensteine. Erstens möchte ich einen energetisch autarken Landkreis, in dem wir mehr saubere Energie erzeugen als Energie insgesamt verbrauchen. Das zweite Ziel ist Klimaneutralität, das erreichen wir unter anderem mit einem Mix aus Photovoltaik auf allen kreiseigenen Gebäuden, Solarthermie, Wärmepumpen und energetischer Sanierung. Ich habe zudem ein Herzensprojekt.

Das wäre?

„Der Gifhorner Weg“, angelehnt an den „Niedersächsischen Weg“. Das Ziel ist eine Biotop-Vernetzung im Kreisgebiet bis 2023. Durch Pflanzungen können wir – in Zusammenarbeit mit den Kommunen – an Wirtschaftswegen und Wasserläufen „Autobahnen“ für Tiere schaffen. Das ist Naturschutz, der im Alltag präsent ist.

Welche Verkehrs- und Infrastrukturpolitik passt in Ihre Pläne?

Die Gewichtung wird sich verändern: Bisher geben wir zwei Drittel des Budgets für Straßen aus und ein Drittel für Radwege – ich will, dass sich das künftig wenigstens die Waage hält. Das Fahrrad ist an vielen Punkten nicht gleichberechtigt, nehmen Sie Punkte wie Ampelschaltungen, Baustellen oder Winterdienst. Ich will diese Gleichberechtigung.

Was können Autofahrer erwarten?

Der Landkreis ist meines Erachtens bislang sehr restriktiv, wenn aus den Kommunen Wünsche nach Verkehrsberuhigung kommen. Ich will, dass solche Anträge der Gemeinden wohlwollend geprüft werden. Dass wir als Verkehrsbehörde Ermessensspielräume nutzen, und dass wir prüfen, wo Entschleunigung für mehr Sicherheit sorgt. Das wäre auch ein Thema für die ersten 100 Tage ...

Was soll sich in Sachen Bauen und Wohnen tun? Hadern die Grünen tatsächlich mit Bauland für Einfamilienhäuser?

Baugebiete soll und wird es auch weiterhin geben, für ein natürliches Wachstum der Orte. Ich sehe da aber nicht nur Einfamilienhäuser. Wir brauchen Innenentwicklung, Verdichtung, den Ausbau ungenutzter Dachgeschosse, mehr Nutzung bestehender Substanz. Grundsätzlich setze ich auf zusätzlichen bezahlbaren Wohnraum. Viele Fachkräfte finden bei uns Arbeit, aber keine Wohnung. Ich plane eine Wohnungsbaugenossenschaft, an der sich der Kreis und die Kommunen beteiligen, von unten nach oben organisiert, mit privatem Kapital.

Welche Impulse wollen Sie der Wirtschaft geben?

Neben dem Thema Mobilität ist die Digitalisierung das Wichtigste. Damit tragen wir der Veränderung der Arbeitswelt Rechnung und schaffen die Möglichkeit, CoWorking-Spaces zu etablieren. Bei den schwarzen Flecken sind wir beim Breitbandausbau auf einem guten Weg, wir müssen künftig auch die grauen Flecken – also die Anschlüsse mit weniger als 100 MBit pro Sekunde – in den Blick nehmen. Das haben wir bereits beantragt.

Wollen Sie dafür Geld des Landkreises in die Hand nehmen?

Ich denke an die Akquise von Förderung aus externen Quellen, aber zur Not müssen wir das auch aus eigenen Mitteln finanzieren. Wir sollten zudem in den größeren Orten prüfen, wo es noch Lücken beim Freifunk gibt und gegebenenfalls entsprechende Initiativen anstoßen.

Wie wollen Sie finanzielle Spielräume schaffen?

Die Situation des Landkreises ist besser, als man denkt. Wir verfügen über eine hohe Liquidität und erhebliche Rücklagen – die Gemeinden haben da größere Probleme, und ich sehe Spielräume, sie zu entlasten. Mein Ziel ist mittelfristig nicht die schwarze Null, sondern das Setzen von Impulsen mit Hebelwirkung. Dafür sollten wir Fördertöpfe ausschöpfen. Die Wirtschaftsförderung des Landkreises macht gute Arbeit, aber ich glaube, da geht noch mehr, wenn wir sie personell stärken.

Wie digital stellen Sie sich die Kreisverwaltung vor?

Dafür habe ich ein klares Konzept. Bis 2026 soll die Verwaltung unter meiner Ägide alle dann dafür zugelassenen Behördengänge und Formulare auch im Internet ermöglichen und zudem digitale Sprechstunden anbieten. Wer will, soll natürlich auch weiterhin persönlich vorbeikommen dürfen.

Für viele Mitarbeiter wird das eine Umstellung bedeuten.

Es wird auch Entlastung bringen. Ich will das Team auf diesem Weg mitnehmen. Ich setze auf Fortbildung und Überzeugungsarbeit, um zu einem Konsens zu finden. Das wäre allgemein meine Maxime bei der Führung der Kreisverwaltung, ich bin nicht der diktatorische Typ. Ich möchte aber noch auf eine Aufgabe des Landkreises hinweisen, die mir besonders wichtig ist.

Welche ist das?

Der Katastrophenschutz. Der Landkreis hat da eine leitende Funktion, und unvorhergesehene Ereignisse wird es immer wieder geben. Ich möchte uns vorbeugend dafür aufstellen, Szenarien entwickeln, analysieren, proben.

Kann der Landkreis den Tourismus ausbauen?

Beim Fahrradtourismus ist die Gemeinde Sassenburg vorbildlich aufgestellt, mit Wegen und Beschilderungen. Wenn man so etwas kreisweit umsetzen könnte, wäre schon viel gewonnen. Ich halte das Kreisgebiet auch für geeignet für Reittourismus, oder für Bootstourismus auf unseren Flüssen. Der Landkreis sollte zudem die Direktvermarktung regionaler Produkte stärken.

Welche Integrationspolitik wollen Sie?

Beim Thema Migration sollten wir auf dezentrale Unterbringung setzen, unabhängig von der Bleibeperspektive der betroffenen Menschen. Sie werden dann besser ins Leben vor Ort integriert. Auch das Sprachkurs-Angebot muss ausgeweitet werden, hier sollte ebenfalls die Bleibeperspektive keine Rolle spielen. Und: Ich will, dass der Kreis seinen Ermessensspielraum besser nutzt, wenn es darum geht, Geflüchteten eine Berufstätigkeit zu erlauben. Bei Thema Inklusion gibt es seit 2019 einen Aktionsplan – den müssen wir jetzt endlich mal umsetzen. Inklusion von Schülern sollte an Regelschulen stattfinden. Wenn Eltern es im Einzelfall wünschen, kann aber auch eine Förderschule das richtige Angebot sein.

Ihre Prognose für den 12. September?

Ich denke, es wird eine Stichwahl geben, da wäre ich gern dabei. Und die will ich dann, am 26. September, gewinnen.

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