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Vortragender im Gifhorner Lions Club: „Mit Putin kein Frieden“

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Von: Burkhard Ohse

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Philipp Oppermann, Präsident der Lions Südheide, begrüßte Generalleutnant a. D. Carsten Jacobson zum Clubabend in der Scheune des Deutschen Hauses in Gifhorn.
Philipp Oppermann (r.), Präsident der Lions Südheide, begrüßte Generalleutnant a. D. Carsten Jacobson zum Clubabend in der Scheune des Deutschen Hauses. © Freier Mitarbeiter

Gifhorn – Nach einem gemütlichen Essen gab es in der Scheune des Deutschen Hauses harte Fakten. Beim ersten Clubabend der Lions Gifhorn, mit den Lions Gifhorn-Südheide und Meine-Papenteich als Gäste, trat Generalleutnant a. D. Carsten Jacobson ans Rednerpult: „Zeitenwende für die Bundeswehr – Lehren aus den Kriegen in der Ukraine und in Afghanistan“ hieß sein Vortrag. Und er hatte unangenehme Wahrheiten mitgebracht.

Noch Anfang Februar 2022 habe er nicht an einen russischen Überfall auf die Ukraine geglaubt, räumte er ein. Was er dagegen seit Jahren festgestellt habe, sei, dass es in der Bundeswehr an allen Stellen mangelt: „Vor vier Jahren habe ich einiges berichtet, was mir Sorgen machte. Leider hat sich alles bewahrheitet.“

Als seinerzeit angekündigt wurde, dass zwei Prozent des BIP in die Verteidigung investiert werden sollen, habe er Hoffnung auf Besserung gehabt. Nun sei er da nicht mehr so sicher. „Es dauert in der Bundeswehr 15 Jahre von einer Planung bis zur Umstellung“, sagte Jacobson.

Knallende Korken im Kreml

Derweil habe sich Russland als bedrohliche Macht entwickelt, die als Nebeneffekt ihre „Folterwerkzeuge“ zeige wie Hyperschallwaffen oder thermale Bomben, als Zeichen an den Westen, dass man es könne. Zudem habe die Nato durch den Afghanistan-Einsatz einen erheblichen Verlust an Glaubwürdigkeit erlitten und gleichzeitig Putin zu viele roten Linien überschreiten lassen – in Georgien, Tschetschenien, Syrien, auf der Krim.

Zudem versuche der Kreml seit vielen Jahren, die Nato zu schädigen oder zu zerstückeln und die EU zu zerschlagen. „Beim Brexit haben im Kreml die Korken geknallt“, so Jacobson. Auf den jetzigen Konflikt sei Moskau seit 20 Jahren hinmarschiert, habe seine Armee aufgebaut und die militärischen Fähigkeiten erprobt, begleitet von Desinformation, Lügen und Wahlmanipulation vor allem in den USA und in Deutschland.

„Wir sind blank“, hatte der aktuelle Inspekteur des Heeres jüngst festgestellt, und das bestätigte Jacobson: Lediglich 25 Prozent des benötigten Materials sei in der Truppe vorhanden, Munition und Ersatzteile fehlten fast gänzlich“. „Totgespart“ und teils abgeschafft habe man ganze Bereiche wie die Fähigkeit, breite Flüsse zu überqueren, die alle 50 Kilometer in Europa vorhanden sind, die bodengestützte Luftabwehr, die Fähigkeit des Kampfes mit Minen, den logistischen Transportraum, Sanitätsversorgung im Kriegsfall, Lufttransport- und Instandsetzungskapazitäten.

Gerade Letzteres sei an private Firmen outgesourct worden. „Aber Firmen gehen nicht mit an die Front“, erklärte Jacobson. Bei Marine und Luftwaffe sehe es nicht besser aus. Ganz gravierend sei der Mangel an digitalen Kommunikationsoptionen. Und es fehle an Mitteln gegen Drohnen. „Das war in Afghanistan auch nicht nötig, aber bei einem Gegner wie Russland schon“, so Jacobson.

Auch die Heimatverteidigung fehle, und Russland würde im Kriegsfall das Leben in der Heimat so schwer wie möglich machen, warnte Jacobson. Kritische Infrastruktur sei ein Angriffsziel, wie man in der Ukraine sehe.

„Müssen in Europa massiv nachbessern“

Kurzfristig die Wehrpflicht wieder einzuführen, sei aussichtslos, denn die gesamte Infrastruktur dafür sei abgeschafft worden. Dabei werde man aufgrund der Bündnisverpflichtung im Ernstfall „was zu tun haben“ und dem Nato-Kommandeur unterstellt sein.

Immerhin: Den Generalleutnant hat das völlige Versagen der russischen Logistik, der russischen Führungsebene sowie der russischen Technik überrascht. „Jetzt stehen die Russen mit dem Rücken zur Wand“, meinte Jacobson, und da griffen sie zu „mittelalterlichen“ Methoden. Aushungern, Brunnen vergiften und Kälte sei derzeit die russische Taktik. „Putin setzt auf einen Abnutzungskrieg, und das geht auch nicht anders, sonst ist er weg“, prognostizierte der Referent.

Die Ukraine könne allerdings nur durchhalten, wenn der Westen weiter Waffen und Munition liefert. Und da müsse Europa den Amerikaner den Rücken freihalten, damit die weiter in einem möglichen Taiwankonflikt abschrecken könnten. „Wir müssen in Europa massiv nachbessern bei der Hardware und bei Maßnahmen, auch bei der Führung. Hier muss man üben, üben, üben“, forderte Jacobson.

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Print- oder E-Paper-Ausgabe des Isenhagener Kreisblatts vom 12. Januar 2023.

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