Kirche, Ärzte und Rechtsexperten diskutieren kontrovers zum Thema Sterbehilfe

Die Verunsicherung ist groß

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Beim Thema Sterbehilfe scheint es die eine gesellschaftliche Lösung eben nicht zu geben.

Gifhorn. „Wir sind sehr zufrieden, weil sehr viele gekommen sind“, freute sich Alexander Michel, Geschäftsführer der Hospizstiftung für den Landkreis, am Donnerstagabend über die sehr große Resonanz beim Vortragsabend über Sterbehilfe in Deutschland.

Persönlich Betroffene, Pflegekräfte, Ärzte, Bürger zeigten Interesse, etliche Organisationen waren angeschrieben worden für den Abend, der von der Hospiz-Stiftung, dem Palliativnetz und der Gifhorner Hospizarbeit organisiert wurde. Und auf der Bühne des Theatersaals der Stadthalle saßen die Experten aus Medizin, Rechtskunde und Kirche, die nicht immer einer Meinung waren.

Einig waren sie sich nur darüber, dass es bei der Sterbehilfe nicht für alle Fälle eine Lösung geben wird. Das Patientengesetz sei gut, aber es bleiben Fragen offen.

Die Rolle der Kirchen sah Gifhorns Pastoralreferent Martin Wrasmann eher begleitend. „Kirchen können Säulen aufwerfen, aber nicht alles bestimmen.“ Zu komplex ist das Thema zwischen aktiver, passiver Sterbehilfe oder dem ärztlich begleiteten Suizid, deren Unterschiede die Experten erläuterten. Dabei wurde der Ball zwischen Juristen und Medizinern hin- und hergespielt.

Die Diskussionsrunde in der Stadthalle Gifhorn.

Wolfgang Putz, Rechtsanwalt für Medizinrecht, kritisierte die Unerfahrenheit der Staatsanwälte bei der Behandlung solcher Fälle und warf auch Oberlandesgerichten „krasse Fehlurteile“ vor, die vom Bundesgerichtshof korrigiert worden seien. Auch bei den Ärzten sei die Verunsicherung darüber groß, was gesetzlich erlaubt sei. „Ärzte handeln aus Ängsten, Nichtwissen und Nichtnachdenken, gerade am Ende des Lebens“, kritisierte Dr. Michael de Ridder, Rettungsmediziner und Vorsitzender einer Palliativmedizin-Stiftung.

Prinzipiell sei in Deutschland alles sehr gut geregelt, bestätigte er. Doch klaffe eine große Lücke zwischen Theorie und Praxis, wie eine Zuhörerin anmerkte, vor allem auch bei der Betreuung oder gesetzlich angeordneten Betreuern. Auf Nachfrage hielt etwa die Hälfte der Zuhörer eine grüne Karte zum Zeichen hoch, dass sie eine Patientenverfügung abgeschlossen haben. Denn letztendlich ging es um die Frage, wie man in der letzten Lebensphase mit einem Menschen umgehen solle, wer den Patientenwillen kund tut, wenn es der Patient selber nicht mehr kann. Dass der Wille des Patienten und seine Autonomie und Selbstbestimmung im Vordergrund stehe, damit sich so etwas wie im Nationalsozialismus nicht wiederhole, auch darüber herrschte Einigkeit.

Theologisch wurde es vor allem, als es darum ging, inwieweit man Gottes Wille in die menschliche Hand nehmen dürfe. Die moderne Medizin mache da vieles möglich.

Von Burkhard Ohse

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