Das verdeckte Problem und: Ausmaß der Obdachlosigkeit schwer abschätzbar

Winterliche Kälte setzt Wohnungslosen im Kreis Gifhorn zu

Im Tagestreff Moin Moin können sich Obdachlose in Gifhorn für einige Stunden am Tag aufhalten.
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Im Tagestreff Moin Moin können sich Obdachlose in Gifhorn für einige Stunden am Tag aufhalten.

Landkreis Gifhorn. Wenn in den nächsten Tagen die Temperaturen wieder unter den Gefrierpunkt fallen, drehen viele Menschen in ihren Wohnzimmern die Heizung höher. Es gibt aber auch Bürger, die das nicht können. Obdachlose werden vom Winter meist eiskalt erwischt.

In Lebensgefahr wegen einer Unterkühlung geraten die Wohnungslosen im Landkreis Gifhorn aber eigentlich nicht. Im Wittinger Klinikum musste 2015 kein Obdachloser als Notfall behandelt werden, im Gifhorner Klinikum waren es zwei Wohnungslose im Dezember. Gifhorns Polizeisprecher Thomas Reuter konnte sich auf IK-Anfrage an keinen Fall in den letzten Jahren erinnern, bei dem ein Obdachloser nachts von den Ordnungshütern aufgegriffen werden musste. „Die nicht sesshaften Bürger haben im Landkreis einige Möglichkeiten, nachts unterzukommen“, sagt Reuter und lobt die „unproblematische und unbürokratische“ Hilfeleistung in den Kommunen.

Wie viele Menschen in Stadt und Landkreis Gifhorn ohne eigene Wohnung sind, kann Katharina Mai nicht sagen. Die Sozialarbeiterin der Diakonie glaubt aber an eine hohe Dunkelziffer. Vor allem wegen der „verdeckten Wohnungslosigkeit“. Ein Phänomen, das vor allem Frauen betrifft. „Die Obdachlosen kommen zeitweise mal bei dem einen oder dem anderen Bekannten unter“, sagt Mai.

Beim Tagestreff Moin Moin in Gifhorn, der die gesamte Woche bis zum frühen Nachmittag die Anlaufstelle für Obdachlose ist, gebe es pro Monat rund 1500 Kontakte, erklärt die Sozialarbeiterin. In der Braunschweiger Straße können die Wohnungslosen sich aufhalten und aufwärmen, sich austauschen und mittels Medien informieren sowie Wäsche waschen. Für einen geringen Beitrag gibt es auch ein Frühstück und ein täglich frisch gekochtes Mittagessen, sagt Mai.

Gegen 14 Uhr, am Wochenende sogar schon eine Stunde eher, müssen die Wohnungslosen dann wieder auf die Straße. Und in die Kälte. Nur ein Teil der Obdachlosen, die zuvor im Tagestreff Moin Moin waren, findet sich ab 17 Uhr auch im Kiebitzweg ein, um in der städtischen Übernachtungsstätte zu schlafen, sagt Mai. Viele Wohnungslose, befürchtet die Sozialarbeiterin, würden diese öffentlichen Unterkünfte – möglicherweise aus Schamgefühl – meiden, und lieber in Vorräumen von Banken campieren, wie Reuter berichtete. Wegen dieser verdeckten Wohnungslosigkeit sei die wirkliche Anzahl der Obdachlosen wahrscheinlich deutlich höher.

In der städtischen Übernachtungsstätte stehen sechs Frauen- und elf Männerbetten für Obdachlose zur Verfügung. 14 Doppel- und 25 Einzelzimmer können zudem per Nutzungsvertrag als provisorische Bleibe genutzt werden. Im Dezember fanden 113 Personen am Kiebitzweg – das Haus ist ganzjährig für Menschen ab 18 Jahren geöffnet – einen sicheren Schlafplatz.

Von Matthias Jansen

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