21-Jähriger in Hannover erschossen / Gifhorner Polizei warnt vor falschem Mut

Tödliche Zivilcourage

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Ermittler nahmen am Donnerstagabend vor dem Supermarkt in Hannover Zeugenaussagen auf.

Hannover/Landkreis Gifhorn. Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit ist in Deutschland am Donnerstagabend ein Mensch Opfer der eigenen Zivilcourage geworden.

In Hannover wurde ein 21-Jähriger erschossen, als er bei einem Überfall auf einen Supermarkt der Kassiererin zu Hilfe eilen wollte. Die Gifhorner Polizei rät: Bürgermut ja – aber wenn Waffen im Spiel sind, sollte man sich nicht selbst in Gefahr bringen.

Gegen 20 Uhr, kurz vor Ladenschluss, forderte der flüchtige Mann, der als zirka 40-jährig, korpulent und rotblond beschrieben wird, mit vorgehaltener Waffe Geld aus der Ladenkasse. Der 21-Jährige griff ein, dann kam es laut Polizei zu einem Handgemenge, bei dem sich ein Schuss löste. Am Eingang des NP-Marktes im Stadtteil Stöcken verletzte der Täter zudem einen 29-jährigen Passanten schwer, möglicherweise mit derselben Kugel.

Erst am 15. November war die junge Tugce A. in Offenbach nach einer Prügelattacke tödlich verletzt worden, als sie bei einer Pöbelei in einem Schnellrestaurant schlichten wollte. Für den Gifhorner Polizeisprecher Thomas Reuter sind das „leider zwei Beispiele, die dem widersprechen, was man sonst rät“. Und das ist: Zivilcourage zeigen, nicht wegschauen, bedrohten Mitmenschen zu Hilfe kommen.

Allerdings, so Reuter, gibt es für solchen Mut eine klare Grenze: „Wenn man erkannt hat, dass jemand im Besitz einer Waffe ist, sollte man nicht eingreifen. Das ist gut gemeint, aber man hat dann keine Chance.“

So sieht es auch Ulf Neumann, der bei der Gifhorner KVHS vor einigen Jahren ein Projekt zur Zivilcourage vorangetrieben hat: „Egal ob Pistole, Messer oder Baseballschläger – wenn eine Waffe im Spiel ist, besteht ein hoher Grad an Selbstgefährdung. Und man muss sich nicht selbst in Gefahr bringen.“

Ein Restrisiko bleibt freilich immer – im Fall von Tugce A. gab es keine Waffen, nur Worte und dann Fäuste. Ein Patentrezept für beherztes Eingreifen gibt es denn laut Reuter auch nicht. Zivilcourage bestehe schon darin, nicht wegzusehen, die Polizei einzuschalten, eventuell aus sicherer Entfernung die Verfolgung eines Täters aufzunehmen.

Und gegen fünf Mann, die eine andere Person traktieren, komme man als einzelner auch dann nicht an, wenn keine Waffen im Spiel sind. Reuter: „Am besten ist es, mit anderen gemeinsam einzugreifen. Und wichtig ist es, den Aggressor zu siezen – das vermittelt Umstehenden das Gefühl, dass es wirklich ernst ist.“

Von Holger Boden

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