„Nicht nur die Wahlperiode im Blick haben“

Dr. Detlef Eichner aus Gifhorner ist parteiloser Kandidat für das Amt des Landrats

Dr. Detlef Eichner will als parteiloser Kandidat an die Spitze der Kreisverwaltung. Foto: boden
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Dr. Detlef Eichner will als parteiloser Kandidat an die Spitze der Kreisverwaltung.
  • Holger Boden
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Landkreis Gifhorn – Als unabhängiger Kandidat tritt der Gifhorner Dr. Detlef Eichner am 12. September bei der Landratswahl an.

Der Rektor der Freiherr-vom-Stein-Schule hat als Soldat und Grundschullehrer einige Lebensstationen in Wesendorf absolviert, als Chef der Kreisverwaltung will er „mit anderen Menschen zusammen etwas Neues entwickeln und in die Tat umsetzen“. Eichner war früher einmal Vorsitzender der Jusos im SPD-Unterbezirk Gifhorn, in den Schröder-Jahren ging ihm die Identifikation mit der Partei („Champagner-Sozialisten“) verloren. Das Gespräch über Eichners Ziele für den Landkreis führte IK-Lokalchef Holger Boden.

Herr Dr. Eichner, welche Aufgabe würden Sie als Landrat zuerst in die Hand nehmen?

Ich würde dafür sorgen, dass die Kreisverwaltung leicht verständliche Schreiben verschickt. Mir ist klar, dass solche Briefe rechtssicher sein müssen, aber der Kern der Botschaft muss für jeden Bürger zu verstehen sein. Das ganze Amtsdeutsch kann man dann gern in einen Anhang packen. Mir sind als Schulleiter beispielsweise aus der Pandemie Scheiben der Verwaltung bekannt, deren Sinn viele Eltern und Schüler nicht erfassen konnten.

Haben Sie noch mehr Pläne für die Verwaltung?

Ich möchte ein niedrigschwelliges Qualitätsmanagement-System einführen, nach einem Konzept der EU. Ich will einen positiven Umgang mit Fehlern etablieren – denn man kann daraus lernen und Strukturen oder Abläufe etablieren. Mit dem Team will ich ein Miteinander auf Augenhöhe. Die Fachleute in der Kreisverwaltung haben Vertrauen verdient.

Sehen Sie sich als Gestalter oder Verwalter?

Eindeutig als Gestalter. Dabei will ich nicht nur die Wahlperiode im Blick haben, sondern auch die Zukunftsperspektiven. Wir müssen die Sorgen der nächsten Generation ernst nehmen.

Warum parteilos?

Parteipolitik ist legitim, aber wir müssen stets Kompromisse finden. Ich habe Freundschaften in allen politischen Lagern, und ich weiß, man findet überall kluge Köpfe. Für gute Lösungen sollten wir die Schwarmintelligenz nutzen. Dafür wiederum ist Transparenz ganz wichtig, das funktioniert nicht im Hinterzimmer.

Was wird die größte Herausforderung der nächsten Jahre?

Die konkreten Schritte zur Eindämmung der Folgen des Klimawandels. Auch wenn es in meinen Augen nur eine Brückentechnologie ist: Den Fuhrpark müssen wir auf E-Fahrzeuge umstellen. Auf die Gebäude, die dem Landkreis gehören, müssen Photovoltaikanlagen. Und wir müssen den Verkehr neu gestalten.

Im Flächenlandkreis eine Herausforderung.

Auf den Individualverkehr können wir nicht verzichten, und in die Entscheidungsfreiheit der Bürger kann und will ich nicht eingreifen. Aber der ÖPNV muss ihnen attraktive Optionen bieten. Dafür muss man sicher auch an der Preisgestaltung arbeiten. Darüber hinaus muss die Ungleichbehandlung von Pkw, Radfahrer und Fußgänger aufhören. Ganz wichtig ist es, die Alltagsradwege auszubauen, auf denen man zur Arbeit fahren kann. Das ganze Thema ist für mich auch mit der Wohnraumpolitik verknüpft, die ich für eins der wichtigsten Handlungsfelder der nächsten Jahre halte.

Inwiefern?

Eine sinnvolle Quartierplanung berücksichtigt Verkehrsfragen – zum Beispiel die ÖPNV-Anbindung – gleich mit. Solche Planungen sehe ich künftig in den Händen einer kreisweiten Wohnungsbaugesellschaft, die wir mit den Kommunen gründen sollten. Denn bezahlbarer Wohnraum wird im Kreisgebiet zum Problem. Das können wir uns nicht leisten, wenn wir Fachkräfte im Landkreis halten wollen.

Sehen Sie Grenzen für den Boom in den Baugebieten?

Jede Kommune soll wachsen dürfen. Aber Flächenversiegelung ist natürlich ein Riesenthema, und wir sehen, dass wir uns zunehmend auf Extremwetter einstellen müssen. Das setzt dem Straßen- und Wohnungsbau sicherlich Grenzen. Wir brauchen mitunter eine verdichtete Wohnbauweise, wenn auch freilich nicht in jedem Ort.

Der Landkreis könnte solche Prozesse in den Gemeinden kaum beeinflussen.

Nein, das ist nicht seine Aufgabe. Ich möchte gegenüber den Kommunen ja auch nichts anordnen, ich möchte lieber miteinander reden und Überzeugungsarbeit leisten. Alles andere sorgt für Verdruss. Die Rathauschefs sind keine Befehlsempfänger.

Welche Impulse wollen Sie für die Wirtschaft setzen?

Die IHK-Umfrage war aufschlussreich: Es fehlt an Fachkräften – und da kann, wie gesagt, der bezahlbare Wohnraum ein Baustein sein. Und die Unternehmen brauchen Breitband.

Welche Ziele verfolgen Sie beim Zukunftsthema Digitalisierung?

Für die Kreisverwaltung wäre es mein Ziel, ein E-Government einzurichten, das der Bürger rund um die Uhr nutzen kann. Dafür muss natürlich niemand nachts um 1 Uhr im Büro sitzen, aber wir werden einige Strukturen dafür ändern müssen. Irgendwann wird man dabei auch mit selbstlernenden Chatbots arbeiten können, die die Mitarbeiter entlasten.

Was hat der Landkreis aus Ihrer Sicht bei der Breitbandversorgung noch zu tun?

Wir wissen an meiner Schule noch immer nicht, wie wir letztlich ans Glasfasernetz angeschlossen werden. Die Stadt Gifhorn geht deshalb jetzt mit einem Provisorium für uns in Vorleistung. Dass da bisher nicht viel gelaufen ist, das sehen mehrere meiner Amtskollegen so. Es ist ähnlich wie bei den nicht erfolgten Maßnahmen gegen die Pandemie.

Sie meinen fehlende Luftfilter?

Ja. Nach eineinhalb Jahren Corona gibt es kein Konzept, wie die Schulen damit ausgestattet werden. Kurz vor den Ferien kam eine Förderrichtlinie von Bund und Land, aber keiner weiß, woher jetzt die Geräte kommen und welche. Der Kreistag hat bekanntlich lediglich beschlossen, dass das Ganze geprüft werden soll. Immerhin hat die Stadt Gifhorn auf einen Appell hin reagiert, jetzt soll es für Kitas und Schulen Geräte geben.

Einige Entscheidungsträger bezweifeln die Wirksamkeit von Luftfiltern und sehen das Lüften der Klassenräume als ausreichend an.

Ich möchte nach dem letzten Winter nicht noch einmal erleben müssen, dass die Kinder mit Mützen und mitgebrachten Wärmedecken auf ihren Plätzen sitzen.

Für welche Integrationspolitik stünde der Landrat Eichner?

Mit dem Thema bin ich gut vertraut, an meiner Schule werden 25 Sprachen gesprochen. Gesellschaft ist nicht statisch, und wir müssen uns die Frage stellen: Wie wollen wir integrieren, und wie entwickelt sich dabei unser Zusammenleben? Für mich bleiben dabei Demokratie und Rechtsstaatlichkeit die obersten Prämissen. Theokratischen oder autokratischen Ansätzen dürfen wir keinen Raum geben. Ich finde, durch ehrenamtliche Helfer und hervorragende Fachkräfte, etwa in der Stabsstelle Integration, sind wir im Landkreis hervorragend aufgestellt. Diesen Leuten sollten wir vertrauen und zuhören.

Kann sich der Landkreis in Sachen Tourismus noch entwickeln?

Ich sehe Perspektiven für unsere wunderschönen Flüsse Ise, Aller und Oker – dort könnte man das Wasserwandern ermöglichen. Entsprechende Konzepte könnte man mit Umweltverbänden, Angelvereinen und der Südheide GmbH erarbeiten.

Wie geht die Sache am 12. September aus?

Ich wage keine Prognose. Das wird richtig spannend – wahrscheinlich wird es eine Stichwahl geben.

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