Faszination „Dodge Charger“: Dennis Ehrlich behält auch nach einem Motorradunfall seine Leidenschaft fürs Fahren

Der Motor klingt wie ein Gewitter

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Dennis Ehrlich ist stolzer Besitzer eines Dodge Charger. Die Stilikone aus den USA war für ihn eine von wenigen Alternativen, nachdem er nach einem Motorradunfall, bei dem er ein Bein verlor, die Fahrten auf zwei Reifen aufgeben musste.

Tappenbeck. Dieser Mann steht mit beiden Beinen im Leben; mit dem echten und dem aus Carbon. Dennis Ehrlich (36) aus Tappenbeck hockt neben seinem Wagen und putzt die Ecke der verchromten Stoßstange.

Das zweitürige Sport-Coupé glänzt in der Sonne und wirkt in seinem Türkis-Metallic wie ein riesiger Edelstein. Dennis steht auf und legt das Putzzeug zur Seite. Lautlos arbeiten im schwarzen Gehäuse der linken Beinprothese Alu-Öldruckdämpfer. Der gelernte Baumaschinenmechaniker bewegt sich ohne irgendwelche sichtbaren Einschränkungen. Dann grinst er stolz: „Der Dicke ist jetzt fertig für die Probefahrt.“

Der „Dicke“ ist ein 1968er Dodge Charger: Eine Stilikone der 60er Jahre. Der Charger war mehr als ein Sport-Coupe. Er sah aus, als käme er direkt aus einer Boxengasse beim Speedway in Daytona, nicht zuletzt durch die Verwendung eines Rennsport-Einfüllverschlusses, auf dem linken hinteren Seitenteil, das so breit ist, dass dort bequem ein Glas Cola stehen könnte. Hier steht ein Stück Vergangenheit auf Rädern.

Mit der schnörkellosen Karosserie ohne B-Säule, einem fließenden Rücken und dem Grill im Look eines Elektrorasierers setzte Dodge mit dem Charger neue Maßstäbe. Damals wollte die Produktplanung die verdeckten Scheinwerfer nicht in die Serie übernehmen, um Geld zu sparen. Doch Bob McCurry, Dodge Division Präsident, legte knapp fest: „Lasst es so!“ Insgesamt 96 000 Charger liefen von den Bändern.

Als Dennis seinen Charger startet, klingt der 6,6-Liter-Motor wie ein herannahendes Gewitter. Rund 330 PS erwachen zum Leben, wollen auf die Straße. Mühelos, fast unaufgeregt schiebt der V-8-Motor die 1,6 Tonnen nach vorn. Die 3-Gang-Automatik arbeitet, ohne dass wir es merken. Es fühlt sich an, wie in einem Boot zu sitzen.

Auf sein Bein angesprochen erzählt Dennis von seinem Motorradunfall. Vor sieben Jahren nahm ihn ein Auto die Vorfahrt. Er hatte keine Chance. Dann begann eine mehrmonatige Tortur im Krankenhaus mit allen ihren Höhen, und noch mehr Tiefen. Zum Glück hatte er seine Familie, Frau und Kind. Und einen Job, zu dem er zurückwollte.

"Frag nicht nach den Kosten!"

„Natürlich wollte ich auch wieder Motorrad fahren, aber da hat meine Frau nicht mitgespielt. Kein Moped mehr,“ sagt er und gibt Gas. Das Grummeln unterm Blech wird lauter und der Charger rollt auf der linken Spur wie auf Schienen dahin. Kein Wabern oder Nachschwingen, das Koni-Fahrwerk verrichtet ordentlich seine Aufgaben. Im Originalzustand wäre der Wagen nicht so spurtreu unterwegs.

„Als Alternative zum Motorrad kam nur ein Ami in Frage. Ein Mopar!“, erklärt Dennis und meint damit eines der sehr sportlichen Coupés, die in den 60er Jahren von zwei Marken der Chrysler-Division (Plymouth und Dodge) mit leistungsstarken Motoren ausgeliefert wurden. Egal ob Roadrunner oder Charger, ein Mopar sollte es sein. Mopar or no Car? „Nein, ich hätte auch einen ‘Bandit‘ genommen, aber die hatten zu wenig Dampf.“ So war der 77er Pontiac Firebird Trans Am aus dem Action-Film „Ein ausgekochtes Schlitzohr“ mit Burt Reynolds für ihn gestorben und ein anderes Auto musste her. Noch im Krankenhaus setzte sich Dennis mit einem TV-Sender in Verbindung. Bei RTL II gab es eine Sendung, die helfen wollte, das richtige Auto zu finden. Ein Dodge Charger sollte es sein. Aber so ganz geklappt hat es nicht. Auch nicht mit dem Moderator, der für Dennis selbstgefundenen Charger kaum gute Worte übrig hatte. Trotzdem verewigte er sich mit einem Autogramm an der Innenseite der Heckklappe. „Alles Show und Schein.“ Dennoch: „Für mich war der Charger der richtige Wagen. Das Auto half mir oft, den Kopf freizubekommen und den Alltag zu vergessen!“

Der Dodge ist die Reduzierung auf das Ursprüngliche, jenseits von Abgasnorm oder Alternativantrieb. Zudem ein rollendes Beispiel für ein längst vergangenes Größenverständnis. Der Radstand des Charger entspricht dem damaliger Limousinen der mittleren Oberklasse. Eine Mercedes S-Klasse würde hinter diesem Coupé verschwinden. Größe ist relativ. Der 68er Charger erscheint bereits im Kriminalfilm „Bullitt“ mit Steve McQueen. In einer 10-minütigen Verfolgungsjagd, scheuchen sich ein Charger R/T und ein Mustang abwechselnd voreinander her. So entstehen Legenden.

Auf der Autobahn verschmilzt der Sound des Motors mit dem Gefühl der Geschwindigkeit zu einer unverwechselbaren Symphonie der Freiheit. Nur Tempo 110, aber das reicht, schließlich sind die Fenster unten und der Wagen hat nur Trommelbremsen. Überholt zu werden stört da nicht. Auf der rechten Seite erscheint die Wolfsburger Autoschmiede. Dennis arbeitet hier und darf wegen seiner Behinderung mit seinem Charger direkt bis zu seiner Halle fahren. Hier treffen Welten aufeinander, aber auch das genießt er. Das andere Werk, die Geburtsstätte seines Charger in Hamtramck/Detroit hingegen, kann Dennis nicht besuchen, selbst wenn er wollte. Der Dodge-Stammsitz wurde 1979 vom Chrysler-Chef und damaligen Mustang-Vater Lee Iacocca stillgelegt und zwei Jahre später abgerissen.

Dennis ist eine Frohnatur, auch wenn er von einem unglücklichen Auffahrunfall vor einiger Zeit spricht. „Hab nicht aufgepasst und bin auf den Vordermann draufgefahren. Kühler und Stoßstange waren hin und ich musste sie neu beschaffen.“ Sein Lächeln wird breiter. „Man bekommt die Teile, aber frag nicht nach den Kosten!“ Mit dem 68er Charger spielt Dennis us-car-technisch in der ersten Liga. Auch preislich. Aber davon reden wir besser nicht. An der vorderen Stoßstange hat Dennis die Hörner neben dem Nummernschild weggelassen. „Gefällt mir so besser“, erklärt er grinsend.

Zuhause auf dem Hof, rollen wir vor die Garage. Das Gewitter unter uns verhallt und es wird still. Dennis nimmt seinen Putzlappen und das Waschbenzin. Er öffnet die Heckklappe und wischt die Signatur des Fernsehmoderators weg. „Ich habe den Wagen schließlich ohne ihn gefunden.“

Von Tobias Tantius

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