Leiferde: Wildkatze wird auf Auswilderung vorbereitet

Erst schwere OP, dann Weg in Freiheit

Eine der jungen Wildkatzen, die im Leiferder NABU-Artenschutzzentrum aufgenommen wurden.
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Eine der jungen Wildkatzen, die im Leiferder NABU-Artenschutzzentrum aufgenommen wurden.
  • Paul Gerlach
    VonPaul Gerlach
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Leiferde – Eine junge Wildkatze aus Herzberg im Harz wurde jetzt mit einem Oberschenkel- und Beckenbruch ins NABU-Artenschutzzentrum Leiferde gebracht. Vermutlich wurde sie von einem Auto angefahren. Leiterin Bärbel Rogoschick schildert, wie es nun mit dem Jungtier weitergeht und wie dieses – wenn alles glatt laufen sollte – ausgewildert werden soll.

Die entsprechende Erfahrung im Umgang mit den Tieren ist dort reichlich vorhanden: Seit vielen Jahren landen in Leiferde Wildkatzen aus ganz Niedersachsen, die bei einem Unfall verletzt wurden oder schlicht aufgefunden wurden. Mittlerweile waren dort über die Jahre über 30 Wildkatzen untergebracht.

Das nun angekommene Jungtier kam zur Behandlung in die Tierärztliche Hochschule Hannover, bevor es zurück nach Leiferde geht. Die Verletzungen sind laut Rogoschick typisch für einen Autounfall. Der Fahrer habe sich „leider nicht gekümmert“. Da das Muttertier an der Unfallstelle auch noch hätte liegen können oder ein zweites Kitten im Graben hätte warten können, wurde dort kontrolliert. „Es wurde aber nichts gefunden.“ Der jungen Wildkatze stand somit eine schwere Operation bevor – da sie noch ein Jungtier ist, wird behutsam vorgegangen, was das Einsetzen von Metall bei der OP angeht, so Rogoschik. „Sie ist in der Hochschule gut aufgehoben.“ Wildkatzen seien nur schwer in Narkose zu bekommen, da sie sich gegen das Einschlummern wehren. In Leiferde drückten die Mitarbeiter die Daumen für einen guten OP-Verlauf.

„Wildkatzen sind total auf dem Vormarsch“, freut sich Rogoschik über die Entwicklung in der freien Natur. Das geschehe auf leisen Sohlen und sei toll. Dabei macht sie sich durchaus Sorgen, dass Wildkatzen manchmal wie streunende Katzen erschossen werden könnten – oder, dass sie eingefangen und kastriert werden könnten. „Das wäre Blödsinn.“ Die Art ist streng geschützt und ist ganzjährig geschont.

14 Mäuse am Tag

Die Unterscheidung von den Hauskatzen ist demnach ein wichtiger Punkt. „Das Tierheim ruft glücklicherweise an, wenn eine Katze nichts ins Schema passt“, ist Rogoschik glücklich. Wildkatzen seien die besten Mäusejäger, die sich die Forst wünschen könne. 14 Mäuse am Tag würden sie locker fangen.

Menschen sollten bei der Begegnung mit einer Wildkatze sensibel sein, rät die Leiterin. Die Tiere würden von selbst in Deckung gehen. Wenn diese sich dennoch in die Nähe von Menschen begeben, sei irgendetwas mit ihnen los oder es sei ein durchziehendes Muttertier mit Kitten. Denn diese müssten dann auf ihrem Weg auch Straßen überqueren.

Bei Unfällen wird laut Rogoschik immer die DNA der Tiere untersucht. Denn auch wenn sie in Leiferde noch nicht gelandet sind: Es gibt Blendlinge, eine Kreuzung aus Wildkatze und Hauskatze. Blendlinge sollen nicht ausgewildert werden, da sie sonst in die natürliche Population der Wildkatzen platziert werden würden.

So läuft die Auswilderung ab

Wenn die verletzte junge Wildkatze nach einer hoffentlich erfolgreichen Operation zurück ins NABU-Artenschutzzentrum Leiferde kommt, kriegt sie zunächst eine Halskrause angelegt. Zudem kommt sie in ein Gehege ohne Klettermöglichkeit, indem sie nur laufen und nicht springen kann. Dann kann die Halskrause ab und es kommt eine Wildkamera ins Gehege. So kann das Tier ohne Menschenkontakt aus der Ferne beobachtet werden. Das Gehege wird mit Strukturen zum Springen versehen. Wenn das Kitten wieder fit und sein Fell nachgewachsen ist – das geht relativ schnell –, wird sie vergesellschaftet. Das bedeutet, dass sie mit den vier anderen jungen Wildkatzen, die derzeit in Leiferde untergebracht sind, zusammengeführt wird. In der Natur sind die Kitten den Winter über mit dem Muttertier unterwegs und müssen in dieser Zeit einiges lernen. In Leiferde werden sie nach dem Winter mit lebender Beute konfrontiert und müssen Mäuse schlagen. Außerdem bekommen sie Wildfleisch. „Wir sind daher dankbar, wenn Jäger Fleisch übrig haben,“ sagt Artenschutzzentrum-Leiterin Bärbel Rogoschik.

Der nächste Schritt ist ein bedeutender: Ausgewildert werden die Tiere im Frühjahr in einem Bauwagen in einem Waldstück, wo sonst niemand hinkommt. „Dort finden sie sich mit den Geräuschen in der Umgebung zurecht“, erläutert Rogoschik. Dann geht die Klappe des per Wildkamera überwachten Bauwagens auf. Ab diesem Zeitpunkt können die jungen Wildkatzen heraus, wenn sie denn wollen. Wasser und Futter werden trotzdem noch jeden Tag vorbeigebracht. Denn einige der Jungtiere sind schon am ersten Tag weg, andere halten sich noch über Monate am Bauwagen auf, so Rogoschik. Es sei ein sogenannter „Soft Release“. Die Tiere erobern sich ihren Lebensraum, diese Methode und Art der Auswilderung habe sich bewährt. Durch die Kamera gebe es eine gute Kontrolle.

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