Falsche Tierliebe

Leiferde: Aufnahmekapazitäten in Nabu-Artenschutzzentrum erschöpft

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Rüdiger Wohlers und Bärbel Rogoschik warnen vor zunehmender Unkenntnis in Naturfragen.

Leiferde – Ein vermeintlich flehendes Piepen auf der Wiese? „Da handelt es sich in den allermeisten Fällen nicht um einen Notfall“, erklärt Bärbel Rogoschik, Leiterin des Nabu-Artenschutzzentrums Leiferde.

Doch viele Menschen deuten die Natur anders und stehen dann mit einem kleinen Vogel vor der Tür.

Die Zahl der Hilfeersuchen, wenn es um Tiere geht, hat „dramatisch“ zugenommen, sagt auch Rüdiger Wohlers vom Nabu-Landesverband. Gerade in Leiferde ist man längst über die Annahmekapazitäten hinaus geschossen. „Mit 2000 Tieren kommen wir relativ gut klar, 2017 waren es 2500 Tiere, das war die Schmerzgrenze. Aber im vergangenen Jahr mussten wir uns um 3071 Tiere kümmern“, nennt Rogoschik Zahlen.

Eine kleine Graugans hat als soziales Tier ohne Artgenossen wenig Überlebenschancen.

Dabei geht es nicht um die Räumlichkeiten, sondern auch um 7000 Fütterungen pro Tag. „Ein Vogelküken muss alle 20 Minuten gefüttert werden, von morgens bis 22 Uhr, dazu muss Futter bereitgestellt und vorbereitet werden“, sagt Rogoschik. Allein mehr als 500 Vögel mehr wurden 2018 angeliefert. „Das ist erschreckend.“ Grund ist vor allem die zunehmende Unkenntnis über Abläufe in der Natur. Viele Menschen deuten Signale falsch, wissen nicht, dass kleine Vögel sich für die Eltern bemerkbar machen, statt dass sie leiden.

Und es wird immer kurioser. Wohlers weiß von Fällen zu berichten, bei denen eine ältere Dame Mitte Juli anruft, um einen Igel vor dem nahenden Winter zu bewahren, von einer Raupe, die für eine Schlange gehalten wird, von Fröschen, die im heimischen Kühlschrank überwintern sollten oder von Schwalben, die ein älterer Herr in seiner Scheune einschloss, damit sie beim Zug nach Süden nicht weggefangen werden. „Igel, Junghasen, Vögel, alles wird hier abgegeben“, beklagt Rogoschik. Nur bei verletzten Tieren sei das aber sinnvoll. „Wir haben keine Ahnung, was in fünf Minuten kommt. Es ist immer spannend“, sagt sie, denn auch die Zahl der Exoten beim Nabu wächst. „Die Menschen kaufen alles, was sie im Internet ersteigern können – von der Boa Constrictor über Erdmännchen bis zum Skorpion.“

Zudem glänzen viele Menschen mit Nichtwissen. Da wird eine gewöhnliche Spitzmaus für eine indische Blindmaus gehalten, wie ein Herr ergoogelte. Auch heimische Tiere wie Fledermäuse oder Fischotter wurden schon abgeliefert, und das aus der Region, die von Hannover bis Helmstedt, von Lüneburg bis Salzgitter reicht. „Die Menschen kennen den Wald nicht mehr, wissen nichts von der heimischen Tierwelt“, sagt auch Wohlers. „Man ist polyglott, in der ganzen Welt zu Hause, aber man hat keinen Bezug mehr zur eigenen Umgebung. Die Leute gehen zu wenig raus, sitzen vor dem PC oder dem Fernseher, in dem vieles anders ist. Das gilt vor allem für die Städte.“

Viele Menschen seien der Natur entfremdet, hielten sich aber für tierlieb. „Man findet einen Igel niedlich, will aber keinen im Garten haben“, nennt er als Beispiel. Dabei könne jeder, der einen Garten oder einen Balkon hat, etwas tun, um seine Umgebung naturfreundlicher zu gestalten, etwa mit Futter- oder Bademöglichkeiten, wenn der Sommer sehr heiß ist. Auch weniger Zäune helfen, die ein Grund für viele Verletzungen bei den Tieren sind. „Rausgehen, gucken, ein Buch mitnehmen, und es gibt auch gute Apps, um Tiere zu bestimmen“, sagt auch Rogoschik. Und wenn ein vermeintlich hilfloses Tier gefunden wird, Abstand halten, anrufen und abwarten. „Gerade bei Jungtieren sind die Eltern meist nicht weit“, sagt die Nabu-Leiterin.

VON BURKHARD OHSE

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