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„Keine Zeit mehr für Babys“

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Mehr als 200 Vertreter aus Kommunen, Verbänden und Wirtschaft aus dem ZGB-Gebiet interessierten sich für die Veranstaltung zum demographischen Wandel in der Volkswagenhalle. © Boden

Braunschweig. Alterung und Einwohnerschwund werden in strukturschwachen Räumen zu Einschnitten führen – diese Auffassung haben hochrangige Vertreter aus Politik und Kirche am Donnerstagabend in der Braunschweiger Volkswagenhalle deutlich vertreten.

Der ZGB hatte zur Abschlussveranstaltung des Modellprojektes „Weg(e)weiser demographischer Wandel“ eingeladen, und über 200 Vertreter aus Kommunen, Verbänden und Wirtschaft wollten die Ergebnisse hören.

„Wir müssen davon Abstand nehmen, jedes Dorf so entwickeln zu können, wie der Rat sich das vorstellt“, warnte der Staatssekretär im Landwirtschaftsministerium, Friedrich-Otto Ripke, vor zu hohen Erwartungen an das Gegensteuern. Nicht alles gibt’s überall – Ripke sah vor diesem Hintergrund eine Renaissance der Bürgerbusse kommen.

Justus von Ingelheim, Chef der Wolfsburg AG, rief zu einem gemeinsamen Aufbruch auf: „Wir sollten die Region zu einer Marke machen.“

Der ZGB, der sich auch nach Ende des Modellprojektes weiter der demografischen Entwicklung in der Region annehmen will, gab den Zuhörern einige Empfehlungen mit auf den Weg: Kooperation mit Nachbarkommunen und übergeordneten Einheiten sei wichtig, zudem müsse weiter an der Sensibilisierung der Bürger für das Schrumpf-Thema gearbeitet werden. Mit Blick auf die wohl zu erwartende Ausdünnung von Infrastruktur sei ein „innovatives Mobilitätsangebot“ gefordert, zudem gehöre die Schaffung „optimaler Bildungsbedingungen“ ganz oben auf die Agenda.

Neubaugebiete gehören in vielen Gebieten wohl der Vergangenheit an – bei immer weniger Einwohnern solle man lieber Ressourcen sparen und sich die „Innenentwicklung“ der Dörfer zur Aufgabe machen, so die ZGB-Empfehlung. Ripke brachte dazu den Gedanken ins Spiel, die Verteilung von Neubauflächen regional zu regeln und bei der Verteilung der Einkommensteuer der Neubürger ein Modell zu finden, „von dem alle profitieren“.

Der ZGB sieht auch das Land in der Pflicht, bei der Bewältigung der Schrumpfungs-Folgen zu helfen – auch finanziell. Davon wollte Ripke wiederum nichts hören: „Zunächst einmal sind Sie hier vor Ort gefordert.“ Er kündigte aber eine Änderung der Förderpraxis des Landes an.

So gar nicht als Problem wollte Dr. Franz-Josef Radermacher vom Forschungsinstitut für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung in Ulm den demographischen Wandel sehen – er schwärmte in einem launigen Vortrag vielmehr von den Reizen des Älterwerdens in einer medizinisch aufgerüsteten Welt. Die echten Probleme seien in Indien und Afrika, und vor dem Hintergrund der weltweiten Bevölkerungsexplosion brauche „der Globus nichts dringender, als dass wir mal wieder weniger werden“. Radermacher erkannte aber auch die Sorgen um die niedrige Geburtenrate in Deutschland an. Schuld sei ein „ökonomisches System, in dem wir uns alle so hetzen, dass wir keine Zeit mehr für Babys haben“. Und mit Blick auf die Infrastruktur in der Fläche: „Man kann nicht alles erhalten, was mal war.“

Mit dieser Frage hat sich spätestens seit 2004 auch die Landeskirche in Braunschweig auseinandergesetzt. Deren Landesbischof Dr. Friedrich Weber berichtete von zahlreichen Projekten und Initiativen, mit denen auf den Mitgliederschwund reagiert wird. Für ihn ist verständlich, dass die Menschen an allem Gewohnten festhalten wollen: „Das Erlebnis von 50 Jahren Wachstum kann zur Verweigerung der Wahrnehmung veränderter Wirklichkeit führen.“

Mit anderen Worten: Viele wollen den Wandel nicht wahrhaben. Die Braunschweiger Landeskirche schon, sie reagiert unter anderem, indem sie sich von Immobilien trennt und Zuständigkeiten konzentriert. Gleichzeitig beherzigt sie auch das alte ökonomische Gebot vom antizyklischen Handeln: In Braunschweig hat sie eine Jugendkirche errichtet.

Von Holger Boden

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