Hilfe gegen das Trauma

Kirchenkreis Wolfsburg-Wittingen will Flüchtlinge psychologisch unterstützen

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Superintendentin Hanna Löhmannsröben und Gunter Schuller stellten das neue und ehrgeizige Projekt vor.

Wolfsburg/Wittingen. In der evangelischen Ehe- und Familienberatungsstelle des Kirchenkreises Wolfsburg-Wittingen wird für drei Jahre eine neue zusätzliche Stelle für einen Diplom-Psychologen eingerichtet, dessen Aufgabe die psychologische Beratung von Migranten mit traumatisierenden Erfahrungen ist.

Möglich wurde dieser Schritt dank einer Förderung von 176 000 Euro durch die Deutsche Fernsehlotterie.

Superintendentin Hanna Löhmannsröben, die gemeinsam mit dem Leiter der Beratungsstelle, Gunter Schuller, das Projekt vorstellte, sprach von einer „Riesenaufgabe“: Habe man Flüchtlinge zunächst ohne psychologischen Aspekt betrachtet, so sei eine Phase gefolgt, in der jedes Fehlverhalten einem Trauma zugeordnet wurde. Jetzt wolle man versuchen, in Kooperation mit Seelsorgern, Sozialarbeitern und Ehrenamtlichen gezielt tätig zu werden.

Schuller erklärte, dass die Praxis ein solches Projekt erforderlich mache. Er berichtete von einer Frau, die während ihrer Flucht mehrfach vergewaltigt wurde. Sie musste einen Kursus abbrechen, weil die schrecklichen Bilder der Vergangenheit immer wieder auftauchen, wenn sie Männer in der Sprache ihrer Peiniger reden höre. In einem anderen Fall erlitt ein Mann quasi aus dem Nichts Panikattacken, beispielsweise in Supermärkten. Auch die seien in nicht verarbeiteten Erlebnissen begründet.

Schuller erläutert: „Ziel ist es, Betroffene zu identifizieren und zu stabilisieren, um damit eine Integrationsfähigkeit zu stärken oder überhaupt erst wieder herzustellen.“ Es seien zunehmend Menschen in die Beratungsstelle gekommen, die auf der Flucht oder durch Erlebnisse in ihren Heimatländern schwer belastet waren. Auch aus den Flüchtlingsunterkünften im Kirchenkreis sei ein zunehmender Bedarf an psychologischer Beratung signalisiert worden.

Auf zwei Ebenen wollen die Helfer vorgehen: In enger Zusammenarbeit mit den Pastoren und Sozialarbeitern in den Unterkünften oder Wohnungen der Flüchtlinge will man traumatisierte Menschen wahrnehmen und identifizieren. Zum zweiten will man mit Betroffenen einen auf das Trauma ausgerichteten Prozess einleiten, um sie zu stabilisieren. Bei Bedarf sollen weiterführende Behandlungen vermittelt werden.

Gesucht wird jetzt ein Mitarbeiter mit der passenden Ausbildung und möglicherweise einer zusätzlichen, auf Trauma ausgerichteten Qualifikation. Zudem muss er der schweren Aufgabe gewachsen sein, was innere Überzeugung voraussetzt. Löhmannsröben: „Wir sind gut vernetzt und somit zuversichtlich, eine passende Person zu finden. Unser Vorgehen wird in Fachkreisen sehr wohl verfolgt, einerseits mit Spannung, andererseits mit Anerkennung.“ Die Kirche habe als zusätzliche Anschubfinanzierung 44 000 Euro eingeplant. Die Praxis werde zeigen, wie viel Geld letztlich nötig ist.

Von Horst Michalzik

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