Wenig körperliche Gewalt an hiesigen Schulen – Cybermobbing großes Problem

Heile Welt hat Risse

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„Gewalt kommt vor“, sagen Schulleiterinnen aus dem Nordkreis nach dem tödlichen Vorfall in Lünen. Das größere Problem seien aber Beleidigungen und Verletzung mittels Cybermobbing.

Landkreis Gifhorn. „Die Kollegen tun mir leid“, blickt Katja Wölfer, Leiterin der Oberschule Wesendorf gestern auf die Ereignisse in Lünen, bei denen ein Schüler einen anderen erstochen hat.

Gewalt, so Wölfer, gebe es auch an ihrer Schule. Allerdings bis auf das Thema Cybermobbing lediglich in einem Maße, in dem es auch Menschen, die heute schon älter sind, während ihrer Schulzeit erlebt hätten: Keilereien, Raufereien. „Die Gewalt als solche nimmt nicht zu. Und es wird auch nicht brutaler. Wir erleben durchaus noch, dass Schluss ist, wenn einer am Boden liegt“, berichtet die Schulleiterin.

Dafür, dass ihre Schule von extremen Gewaltausbrüchen verschont geblieben sei, hat Wölfer unterschiedliche Erklärungsansätze. Zum einen regele ein Erlass des Kultusministeriums eine enge Kooperation mit der Polizei, die regelmäßig in den verschiedenen Klassenstufen Präventionsmaßnahmen vornähme – Verkehrserziehung bei den Kleinen, Cybermobbing und Recht am eignen Bild sowie Drogenprävention bei den älteren Schülern. Außerdem, so Wölfer weiter, sei ihre Schule mit 400 Schülern ein „kleines System“, in dem es grundsätzlich einen guten Betreuungsschlüssel und zusätzlich zwei Sozialarbeiterinnen gebe, „die auf die Schüler zugehen und vieles auffangen“.

Lediglich das Thema Cybermobbing nehme zu und erschwere die Arbeit, so Wölfer. Die Besonderheit dabei sei, dass „Klassengruppen“ und die Chats darin die früher gegebene Trennung zwischen Schule und Freizeit aufhebe und die Schule somit auch für etwas zuständig werde, was sich oft im Privaten ereigne.

„Gewalt hatten wir noch nie“, sagt Heike Strauch, stellvertretende Schulleiterin von den Berufsbildenden Schule I in Gifhorn sogar. Zwei Gründe hierfür drängen sich aus Sicht von Strauch auf: Der Überwiegende teil der Schüler ist aufgrund der Ausbildungen im Dienstleistungsbereich weiblich, außerdem ist das Gros der Schüler 17 oder 18 Jahre alt oder älter. „Da weiß man sich anders zu wehren“, erklärt Strauch. Dies deckt sich im übrigen mit einer Angabe aus der Polizeistatistik zu Gewalt an Schulen 2016: Demnach sind 95 Prozent der Täter jünger als 18 Jahre.

Zudem, so Strauch weiter, gebe es an der BBS I ergänzend zu den Präventionsangeboten der Polizei ein „sehr ausgefeiltes Beratungskonzept“, mit dem eingeschritten werde, wenn sich in einer Klassengemeinschaft etwas anbahne.

Von der BBS II, die Gifhorner Berufsschule mit eher jungenlastigen Ausbildungsberufen, war gestern bis Redaktionsschluss keine Stellungnahme zu erhalten. Und Stefan Krauß, Leiter der IGS Wittingen, verwies nach Fragen zu dem Thema an den Landkreis, von dem bis Redaktionsschluss keine Antworten die Redaktion erreichten.

Cornelia Röhrkasten, Direktorin des Gymnasiums Hankensbüttel, nahm gestern aber kein Blatt vor den Mund. „Gewalt kommt vor, aber selten“, meinte sie. Wie ihre Kollegin Wölfer rückt sie das Thema Cybermobbing in den Fokus. Beschimpfungen, übelste Beleidigungen per Whatsapp, Facebook und anderen Netzwerken beschäftigten Schulsozialarbeiter und -psychologen immer mehr und erzeugten teils erheblichen seelischen Leidensruck bei betroffenen Schülern, die nicht selten den Wunsch hätten, die Schule zu verlassen. Manchmal, so Röhrkasten, wäre die „sportliche“ Auseinandersetzung wohl besser, auch wenn die blutige Nasen oder blaue Augen mit sich brächten. Das bekäme man als Schule wenigstens mit und könne einschreiten.

Das sei beim Thema Cybermobbing extrem schwer, Schüler oft schon schwer seelisch verletzt, wenn Lehrer vom Mobbing mitbekommen. Für Röhrkasten ist deswegen – auch wenn eine Tat wie die in Lünen vieles anderes überrage – klar, dass die heile Welt in Hankensbüttel Risse bekommen hat.

Von Steffen Kahl

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