Das Leben des Groß Oesinger Juden Julius Katz wird in einer Dokumentation aufgearbeitet

Geschichte in einem anderen Licht

Hatten jüngst ins Historische Museum Schloss Gifhorn eingeladen (v.l.): Dr. Manfred Grieger, Museumsmitarbeiterin Anette Thiele und Referent Reiner Silberstein.
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Hatten jüngst ins Historische Museum Schloss Gifhorn eingeladen (v.l.): Dr. Manfred Grieger, Museumsmitarbeiterin Anette Thiele und Referent Reiner Silberstein.

Gifhorn/Groß Oesingen. Das Leben des Groß Oesinger Juden Julius Katz war in den letzten Jahren aufgearbeitet worden. Jürgen Rohde gab dazu ein Buch heraus und die Medienwerkstatt Isenhagener Land dokumentierte die Zeugenbefragung und das von Rohde geschriebene Theaterstück.

Eine andere Sicht auf die damaligen Geschehnisse um Katz, der auch nach der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft weiterhin im Nordkreis lebte, vermittelte der Historiker Dr. Manfred Grieger, der im Rahmen der deutsch-jüdischen Ausstellung des Leo Baeck-Instituts im Historischen Museum einen Vortrag hielt. Grieger hatte sich zur Recherche die Entschädigungsakten von Katz und seiner Frau vorgenommen, die eine andere Sicht auf die Geschehnisse warfen, wie er sagte. Denn dort seien „Verschleppungen der Anträge“ und zumeist Ablehnungen der Anträge zu finden.

Rohde hatte eher die Entnazifizierungsprotokolle der damaligen Amtsträger betrachtet, die dokumentierten, dass Katz einige der zu Entnazifizierenden ein gutes Zeugnis ausstellte. Eine Erklärung für die Fürsprache von Katz für die Amtsträger in der Nazizeit sah Grieger in der Tatsache, dass Katz in seinem kleinräumigen Umfeld weiterleben wollte. „Da überlegt man sich, wie sehr man andere belastet, wenn man weiterhin in der Nachbarschaft wohnt“, erklärte Grieger. Er hatte zudem einige Widersprüche gefunden, die bisher nicht bekannt waren. So habe es Durchsuchungen durch die Gestapo gegeben, zudem habe Katz den gelben Stern tragen müssen.

Beides stehe im Widerspruch zu früheren Aussagen, so Grieger. Bezeichnend sei auch eine Notiz, die noch 1955 vom damaligen Gifhorner Amtsarzt Schulz über Katz in den Akten stand. Der schrieb unwidersprochen von „für die jüdische Rasse bekannten Dispositionen“ bezüglich Gefäßerkrankungen von Katz. Ohne Vorhaltungen zu machen, hätte er sich Rohde nicht nur die Entnazifizierungs-, sondern auch die Entschädigungsakten von Katz anschauen können, sagte Grieger. Gegen diese Kritik wandte sich Ulrich Willier von der Medienwerkstatt Isenhagener Land sowie eine anwesende Zeitzeugin, die Katz und seine Frau noch gekannt hatte.

„Wir haben Zeitzeugen gefragt, um zu dokumentieren. Es ging uns darum, den Ort Groß Oesingen für die Geschichte zu mobilisieren“, erklärte Willier. „Zeitzeugenberichte sind mitunter zwiespältig“, entgegnete Grieger. „Oft weiß man nicht, ob die Zeitzeugen etwas selber erlebt oder damals nur gehört haben“, sagte er. Denn bestimmte Sachen wie Durchsuchungen und Verhöre könne man nicht wissen, weil man nicht selber dabei war. „Das Gehörte wird dann als Tatsache gesehen“, so Grieger. Auch im Fall von Rudolf Gurland, der als damals sogenannter Halbjude als evangelischer Pastor von 1930 bis 1939 in der St. Stefanie-Gemeinde in Meine tätig war, gab es Drangsalisierungen bis hin zum erzwungenen Rücktritt vom Amt, wie Journalist Reiner Silberstein zuvor berichtet hatte. Dem aus dem zaristischen Russland damals nach Deutschland geflüchteten Gurland half auch sein „Kampf gegen die Bolschewisten“ nicht vor der Verfolgung. Zu Beginn seiner Tätigkeit hatte Gurland bereits Gegner im Kirchenvorstand aufgrund seiner jüdischen Abstammung, doch zunächst standen Patron und Bischof hinter ihm. Wie Katz lebte auch Gurland nach dem Krieg in seinem damaligen Heimatort bis zu seinem Tod weiter.

Von Burkhard Ohse

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