Prozess wegen fehlerhafter Behandlung von Süchtigen: Schwere Vorwürfe gegen Ärztin

Ersatzdroge auch für Betrunkene

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Für die Abgabe von Methadon gelten enge Vorschriften.

Braunschweig/Landkreis Gifhorn. Beim Prozess gegen eine Ärztin aus dem Gifhorner Nordkreis wegen unsachgemäßer Behandlung von Drogenabhängigen in 232 Fällen kamen gestern vor der Kammer des Landgerichtes Braunschweig zwei Gutachter zu Wort.

Allein zwei Stunden lang zählte der eine von ihnen auf, was man bei der Durchsuchung in der Praxis vorgefunden hatte – oder auch nicht. Denn wenig bis gar nichts hatte die angeklagte 65-jährige Allgemeinmedizinerin dokumentiert.

Sehr strenge Vorschriften gelten für die Ärzte, die Substitutionsbehandlungen vornehmen, erklärte der Sachverständige. „Alles ist bis auf das Kleinste geregelt.“ Dazu gehörten nicht nur mehrere Anamnesen, Untersuchungen, etliche Überprüfungen und Befragungen des Patienten, Abfragen bei anderen und vorherigen Ärzten und immer wieder Kontrollen bei den Patienten, unter anderem von Urinproben schon im Vorfeld – sondern auch eine begleitende Psychotherapie, und zwar alles dokumentiert. Nichts von alledem habe die Angeklagte bei ihren 232 Patienten umgesetzt, lediglich Zettel mit Zahlenangaben ohne Datum und wenige Belege habe man vorgefunden. Auch ein Betäubungsmittelbuch, das penibel bis auf den Milliliter Ersatzmedikament und unverzüglich zu führen sei, fehlte.

Auch die Behandlung der Patienten kritisierte der Sachverständige. Nicht wenige Patienten hatten „Beikonsum“ von anderen Drogen, bei dem eine Substitutionsbehandlung sofort abzubrechen sei.

Dazu kam in vielen Fällen auch Alkoholmissbrauch. Offensichtlich betrunkenen Patienten habe die Ärztin die Opiate gegeben. Und die seien laut Aussage der Arzthelferin, wie der Sachverständige sagte, auch wieder mit dem Pkw weggefahren – prompt kam es zu Unfällen.

Einer der Patienten arbeitete als Busfahrer in Wolfsburg, bei einem Minderjährigen seien die Eltern nicht informiert worden. In vielen Fällen, so der Sachverständige, seien die Patienten durch die verabreichten Ersatzdrogen und ihren Beikonsum oder aufgrund der Dosierung potentiell in Lebensgefahr gewesen. 

"Ich war fassungslos"  

Sachverständiger äußert sich zu Zuständen in der Praxis

Nicht einverstanden mit den Aussagen des Sachverständigen waren einige Besucher bei dem Prozess, offensichtlich ehemalige Patienten der Angeklagten. Eine Gruppe von ihnen demonstrierte gestern vor dem Gerichtsgebäude an der Polizeidirektion mit Plakaten für die Angeklagte. 

Weiter geht der Prozess am morgigen Mittwoch mit der Befragung von Zeugen. Möglicherweise kommen noch weitere Sachverständige zu Wort, die sich über die rechtliche Sachlage zu Medikamentenbestellungen äußern sollen. Denn die Angeklagte bestellte in vielen Fällen Großgebinde, aus denen sie ihre Patienten versorgte, obwohl streng vorgeschrieben ist, dass jeder Patient ein eigenes Gebinde haben muss, wie der 62-jährige Sachverständige ausführte, der in seiner Zusammenfassung deutliche Worte fand: „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Schon zeitgleich 100 Substitutionspatienten zu versorgen, sei nicht zu schaffen, sagte er. 

„Ich war fassungslos, als ich zum ersten Mal in dem Ort der Praxis war. Hier kann es keine Drogenabhängigen geben“, bemühte er die Statistik. Das Dorf sei ein „tote-Hose-Ort“, die Busverbindung „eine Katastrophe“, während die Patienten bis auf einen aus Wolfsburg und Gifhorn gekommen seien. „Wenn jemand dort viele Patienten hat, dann, um das illegal zu bekommen“, merkte er an, während der Verteidiger das Argument „oder weil sie eine gute Ärztin ist“ nannte.

Gegen Einbruch sonderlich gesichert sei die Praxis nicht gewesen, auch wurden die Substitute nicht wie vorgeschrieben gelagert und verschlossen. In einem separaten Raum lagen unbeschriftete Spritzen mit den Medikamenten gefüllt. Opiate seien auch zum Teil ohne Indikation an Dritte weitergegeben worden. Selbst die Putzfrau sei an der Verteilung beteiligt gewesen oder es sei auf Anfrage Ersatz verteilt worden, für vorgeblich abhanden gekommene Medikamente. 

Auf Unverständnis stießen beim Sachverständigen auch fehlende Kontrollmöglichkeiten durch die Institutionen in Niedersachsen. „Die Kassenärztliche Vereinigung hat ganz wenige Sachbearbeiter für tausende Ärzte, die keine genauen Informationen geben müssen. Lediglich die Zulassung des Arztes und die Krankenversicherung des Patienten würden geprüft. Auch die Krankenkassen haben keine Möglichkeit, genauer zu kontrollieren, ob, was und wie etwas gemacht wird“, sagte er. Zudem gebe es dort keine Kenntnis im Medikamentenbereich. 

Innerhalb gut eines Jahres habe die Angeklagte außerdem 305 Privatrezepte ausgestellt, die nicht kontrolliert werden. Anhand des einzigen vorgefundenen von den Arzthelferinnen geführten Medikamenteneingangsbuchs bezifferte der Mediziner die Äquivalenzdosis, die die Ärztin über 15 Monate bestellt habe, auf 266 Kilogramm Straßenheroin mit zehn Prozent Reinheitsgrad allein für zwei Medikamente. Hinzu kamen tausende Tabletten von Benzodiazepinen, die man gar nicht bei der Substitution verwenden dürfe, sowie weitere Substanzen. 

Auch die strittigen Kosten in Höhe von rund einer dreiviertel Million Euro sprengten jeden Rahmen. „Das ist exorbitant hoch.“ Insgesamt habe seine Aufarbeitung des Falles ganztätig mit drei Kräften vier Monate gedauert, merkte er an. Der jetzige Fall der Ärztin sei aber typisch für seine bisherigen Fälle, sagte der Sachverständige. Ländliche Gegend, Allgemeinmediziner, Einzelpraxis, kurze klinische Ausbildung. Auch hätten die Arzthelferinnen von der Ärztin geschult werden müssen. Dass sich trotz der Auflagen Ärzte als Substitutionsmediziner meldeten, läge an der Bezahlung. „Das ist alles außerhalb des Budgets. Aber die fehlende Kontrolle ist das Problem.“

Von Burkhard Ohse

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