Der letzte VW-Plattenwagen verließ vor 22 Jahren das Werk – und kam in den Landkreis Gifhorn.

Das erfolgreichste VW-Provisorium – heute im Kreis Gifhorn

Den Plattenwagen hat VW nur für den eigenen Bedarf hergestellt.
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Den Plattenwagen hat VW nur für den eigenen Bedarf hergestellt.

Wolfsburg/Gifhorn. Was ein VW T2-Bus an einem kalten Märztag im Jahr 1995 aus dem VW-Werk in Wolfsburg hinter sich herzogen hatte, war nichts weniger, als sein direkter Urahne und damit der Grundstein einer unglaublichen Erfolgsgeschichte für Volkswagen: Der Plattenwagen.

Als die Engländer 1946 ihre Einheit der „Royale Electrical and Mechanical Engineers“ in eine Großwerkstatt für Militärlastwagen abzogen, fehlten der „Wolfsburg Motor Works“ im Werk geeignete Transportfahrzeuge. Nun mussten die zuständigen Techniker improvisieren. Diese bauten aus vorhandenen Teilen von Kübelwagen und Type 1 eine Motorkarre zusammen; so die geläufige Bezeichnung. Ein robustes Fahrgestell, eine Eisenplatte mit abgeschrägten Ecken als Ladefläche, Sitzbank über den Motor, Lenkrad und etwas Beleuchtung, fertig war das eigene Lastenvehikel. Bald wurde es Plattenwagen genannt.

Dieses Provisorium funktionierte im Werk so gut, das sporadisch und mit stetigen Verbesserungen bis in die frühen 70er Jahre weitere Exemplare gebaut werden. Tatsächlich gab es sogar zwei Entwicklungsaufträge, die zu verbesserten Versionen führten. Der Plattenwagen löste werksinterne Transportproblem auf ideale Weise, wurde jedoch nicht an Dritte verkauft.

Tatsächlich hatte der Plattenwagen anfangs noch einen ganz anderen, unbeabsichtigten Effekt, der zu einer nachhaltige Bedeutung für Volkswagen werden sollte: Bei der Abholung der ersten fünf Käfer inspirierte er 1947 den holländischen VW-Importeuer Ben Pon so sehr, dass er den Plattenwagen am liebsten kaufen wollte. VW verkaufte jedoch nicht. Stattdessen blieb ein bleibender Eindruck, der mit der Erkenntnis, dass solch ein Transportfahrzeug am Markt fehlte. Pon witterte ein Geschäft, wollte den Plattenwagen in Holland einführen, scheiterte aber an der zuständigen Transportbehörde. Eine Ladefläche vor der Fahrerkabine war undenkbar. Pon gab nicht auf und skizzierte daraufhin seine Ideen für einen Pritschenwagen, der letztlich zum späteren VW Bus wird.

Der Plattenwagen mit der Kostenstellenkennung 1354 und der Inventarnummer 878-556 wurde mit Hilfe eines Abschleppseils in den Landkreis Gifhorn gezogen. Sein Baujahr liegt irgendwo zwischen 1946 und 1973, genau weiß es niemand. Auch die gebaute Stückzahl, die unter 20 liegen soll, ist nicht belegt. Aufzeichnungen existieren nicht. Plattenwagen gab es nur in Wolfsburg, außer drei Exemplaren, die angeblich nach Mexiko exportiert wurden und heute als „verschollen“ gelten.

Bereits Mitte der 80er Jahre musterte Volkswagen die ersten Exemplare aus, bot sie intern mit anderen Flurfahrzeugen vor der Halle 15 zum Kauf an und verschrottete sie beim Nichtverkauf. Der neue Besitzer hatte den letzten Plattenwagen jedoch bei einer internen Ausschreibung für 600 Mark ersteigert. Vermutlich war es das einzige Angebot, denn der Plattenwagen war bei den VW-Mitarbeitern längst vergessen.

Das zweisitzige Fahrzeug war im Laufe der 70er Jahr nach internen Vorschriften für Flurfahrzeuge in einem hellen Orange gestrichen. Mit seinem Boxer-Motor, Einzelradaufhängung und Torsionsstabfederung versah der Plattenwagen in den letzten Jahren als E-Schlepper-Ersatz anfallende Materialtransporte. Eine entsprechende Anhängerkupplung ermöglichte das Ziehen von bis zu zwei Anhängern. Der Fahrer wurde von einem serienmäßigen Käfer-Tacho über die Geschwindigkeit informiert. Da der Plattenwagen ein reiner Eigenbau war, verwundert es nicht, dass das Zündschloss flurfahrzeuggerecht mit Starterknopf ergänz war. Der Motor werkelte hinter einer verlängerten Bulli-Motorklappe an der, neben den Aufklebern für die interne Kennung, zwei runde Katzenaugen kleben. Sie ergänzten die Heckbeleuchtung, die unter Blechwinkeln an den Schutzblechen saß. Während die Stahlfelgen ovale verchromte Käferradkappen zierten, kamen Frontscheinwerfer oder Rückspiegel nicht aus dem VW-Teileregal. Auch nicht die Blinkgläser, die gemeinsam mit dem Rückspiegel auf einem abgewinkelten Flacheisen saßen. Robustes Blech an Fahrerkabine und über den Hinterrädern versprach ein langes Leben im internen Werksverkehr, ohne Heizung für den Fahrer.

Am Ende seiner Dienstjahre wurde der letzte Plattenwagen eher selten bewegt und stand zuletzt in einer Ecke einer Lagerhalle in der Ladestraße. Nach seinen fünf Jahrzenten im betrieblichen Einsatz kam er mit Dokumenten, die ihn als Prototyp ohne Straßenzulassung oder Betriebserlaubnis deklarierten, in die Hände eines VW-Liebhabers. Dieser strich den Wagen in einem dem damaligen sehr ähnlichen Grünton an. Nach der Überarbeitung führten fehlende Unterstellmöglichkeiten einige Wochen später zum Weiterverkauf. Der Plattenwagen ging an einen Autosammler nach Peine. Dieser wiederum gab ihn einige Jahre später ohne weitere Veränderung nach Braunschweig ab. VW-Fan Jürgen Kolle baute den Plattenwagen für eine Straßenzulassung um.

Hin und wieder ist der letzte Plattenwagen aus dem VW-Werk Wolfsburg auf regionalen Oldtimertreffen zu sehen. Der Letzte… wäre da nicht dieses hartnäckige Gerücht. Demnach soll der wirklich allerletzte Plattenwagen noch heute gut versteckt in der Forschungs- und Entwicklungsabteilung stehen.

Von Tobias Tantius

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