Dr. Irina Scherbakowa im Schloss über Russland, die Macht und die Frauen

„Es ist eine soziale Misere“

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Eindringlich schilderte Dr. Irina Scherbakowa im Rittersaal des Gifhorner Schlosses die Entwicklung des Frauenbildes in Russland.

Gifhorn. Persönliche Freiheit, Meinungsfreiheit, der Stellenwert der Frauen in der Gesellschaft – Themen, die gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen in der Weltpolitik in Russland umstritten sind. Sie sorgen für jede Menge Diskussionen.

„Es ist ein tragischer Stoff“, wie Dr. Irina Scherbakowa beim 18. Frauenpolitischen Sektempfang im Rittersaal des Gifhorner Schlosses am Montagabend betonte.

Frauenrechte rangieren ganz unten – in einem Staat mit Präsident Wladimir Putin an der Spitze, der auf dem Pferderücken, in Kampfmontur oder mit einem Gewehr in den Händen posiert. „Wir haben eine soziale Misere in Russland, vor allem in den kleinen Städten“, sagt Scherbakowa. Die orthodoxe Kirche setze sich für ein Abtreibungsverbot ein. „Das ist eine Katastrophe“, sagt die Historikerin und Germanistin, die am Zentrum für Erzählte Geschichte und visuelle Anthropologie an der Moskauer Afanassjew-Universität lehrt. Traditionalistische Werte würden derzeit mit Blick auf das Frauenbild in Russland immer wichtiger. Es gebe eine aggressive Propaganda gegenüber westlichen Werten wie Freiheit oder der des Stellenwertes der Frau in der Gesellschaft.

Die positive Nachricht ist laut der Expertin, dass Organisationen weiter für die Rechte der Frauen arbeiten und eintreten. „Die Frauen wollen sich nicht kleinkriegen lassen.“ Es gebe immer mehr Freiwillige, insbesondere junge Frauen. „Das ist ein anderes Russland.“ Scherbakowa konstatiert einen Riss im Inneren der russischen Gesellschaft. Besonders gefährlich sei die offene Bedrohung des Friedens.

Die Gewerkschaften seien nicht wirklich unabhängig und die Frauen würden weniger Gehalt bekommen als die Männer, hält Scherbakowa fest. „Unglaublich“ findet Scherbakowa, dass die Duma sich jetzt in der ersten Lesung für einen Gesetzesentwurf zum Thema häusliche Gewalt ausgesprochen hat, der vorsieht, dass die Strafen für häusliche Gewalt in Russland gesenkt werden. Statt Gefängnisstrafen von bis zu zwei Jahren soll lediglich eine Geldstrafe gezahlt werden. Scherbakowa ist besonders bestürzt darüber, dass der Vorschlag von der Vorsitzenden des Familienausschusses kommt.

Scherbakowa beschäftigt sich seit Ende der 1970er mit dem Schicksal der Opfer des Stalinismus. Das sei eine Zeit mit traumatischen Erlebnissen für die Frauen gewesen. Es habe ein starkes „Gefühl der Hoffnungslosigkeit“ gegeben, da sich ihre Hoffnungen auf Gleichberechtigung nicht erfüllt hätten. Während des „Großen Terrors“ in der Stalin-Zeit seien die Frauen von Angst beherrscht gewesen, das wirke bis heute nach. 1944 seien von zwei Millionen Häftlingen 26 Prozent weiblich gewesen. Auch über die Gulag-Erfahrungen von Frauen berichtete Scherbakowa. „Russland wurde im 20. Jahrhundert zum Witwenland.“ Die Frauen hätten sich aber stets als anpassungsfähig erwiesen.

Von Paul Gerlach

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