Mitte mit Mehrheit

Was die drei großen Parteien im Kreis Gifhorn aus der EU-Wahl folgern

+
Das Gesamtergebnis der EU-Wahl im Landkreis Gifhorn.

Landkreis Gifhorn – Ein Wechselbad der Gefühle war der Sonntagabend für die Gifhorner Kreis-CDU und ihren Vorsitzenden Andreas Kuers. Bürgermeisterwahl in Gifhorn souverän gewonnen, Bürgermeisterwahl in Wittingen deutlich verloren.

Und dann noch die EU-Wahl, mit den Christdemokraten als stärkste Partei im Landkreis, aber auch mit erheblichen Stimmenverlusten, und mit einer Europakandidatin Lena Düpont, die lange zittern musste – bis dann doch klar war, dass sie den Sprung ins Europaparlament schafft. Für Kuers ist klar: Wenn der Schwund bei den Volksparteien gebremst werden soll, dann muss man sich neuen Themen öffnen.

Andreas Kuers, CDU

„In Wittingen haben wir klar verloren, da gibt es nichts zu beschönigen“, sagt Kuers. Der Erfolg in Gifhorn, da ist er sicher, habe mit dem Beliebtheitsgrad von Matthias Nerlich „und seiner Arbeit der letzten acht Jahre“ zu tun. Aus der EU-Wahl nimmt Kuers als positives Fazit mit: „Die Mitte der Politik hat eine Mehrheit.“

Ausruhen will Kuers sich darauf nicht – und er findet, dass die eigene Partei einiges besser machen muss: Man müsse der Wählerwanderung zu den Grünen Rechnung tragen. Die CDU sei nicht ausreichend eingegangen auf die Fridays-for-Future-Bewegung, und es sei nicht zielführend, das Phänomen auf den Aspekt des Schulschwänzens zu reduzieren: „Wir sollten das ernst nehmen.“ Welche Lehren die Kreis-CDU aus dem Wahlabend ziehen soll – die Frage wird in einer Vorstandsklausur Anfang Juli diskutiert.

Dass die andere klassische Volkspartei, die SPD, noch stärker im Abwärtssog steckt, ist für Kuers kein Grund zum Jubeln: „Schadenfreude ist da nicht angebracht.“ Das sieht Grünen-Kreissprecher Pesi Daver genauso. Den Abgesang auf die Volksparteien teile er nicht, er wünsche sich vielmehr, bei großen Herausforderungen wie dem Klimawandel „zusammen etwas auf die Beine zu stellen“.

Pesi Daver, Grüne

19 Prozent für die Grünen bei der Europawahl im Landkreis – für Daver „echt ein Erfolg“. Er glaubt: „Der politische Diskurs ist an den Küchentisch zurückgekehrt, über Fridays for Future wird zu Hause diskutiert.“ So sei diese Bewegung vielleicht auch ein Katalysator für aktuellen grünen Aufwind, andererseits sei der Einsatz für ökologische Themen aber auch nichts Neues: „Das ist ja unsere DNA.“ Sehr erfreulich sei, dass diese Themen nun offenbar auch im ländlichen Raum auf Resonanz stoßen: „Unsere Ergebnisse wären ja vor fünf Jahren noch unvorstellbar gewesen.“

Philipp Raulfs, SPD

Und die SPD? Liegt mit 21 Prozent noch knapp vor den Grünen. Der Gifhorner Unterbezirksvorsitzende Philipp Raulfs freut sich über Platz zwei auf Kreisebene, das Ganze sei trotzdem „nicht zufriedenstellend“. Man arbeite an der Frage, was die Partei besser machen muss. Gleichwohl: Im Landkreis liege man noch immer 6 Prozentpunkte über dem Bundesschnitt.

„Ich glaube, dass wir wiederkommen“, sagt Raulfs jenen, die die Sozialdemokratie am Untergehen sehen. Das Thema Klimaschutz spiele den Grünen in die Karten, und die SPD wolle in diesem Bereich ihre Kompetenz auch beweisen – er selbst unterstütze bereits ausdrücklich die Fridays-for-Future-Bewegung und wolle sich auch weiterhin mit ihren Anliegen auseinandersetzen.

Dass die CDU-Kandidatin Düpont es nach Europa geschafft hat, das begrüßt SPD-Mann Raulfs. Er freue sich auf die überparteiliche Zusammenarbeit für die Region.

VON HOLGER BODEN

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare