„Mannschaftskapitän, nicht Präsident“

Der Ummeraner Tobias Heilmann (SPD) will Gifhorner Landrat werden

Tobias Heilmann
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Tobias Heilmann will sein Mandat in Hannover gegen die Aufgabe an der Landkreis-Spitze tauschen.
  • Holger Boden
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Landkreis Gifhorn – Tobias Heilmann will für die SPD das Amt des Gifhorner Landrates zurückerobern, nachdem seine Partei von 2001 bis 2014 mit Marion Lau die oberste Dienstherrin im Gifhorner Schloss stellte.

Der 45-jährige Ummeraner, der seit 2017 den Wahlkreis Gifhorn-Nord im niedersächsischen Landtag vertritt, gilt vielen Beobachtern bei der Wahl am 12. September als der aussichtsreichste Herausforderer von Amtsinhaber Dr. Andreas Ebel (CDU). Im IK-Interview erläutert Heilmann, der auch ein Mandat im Kreistag hat, seine Ziele – und warum er von Hannover nach Gifhorn wechseln will. Das Gespräch führte Holger Boden.

Herr Heilmann, warum wollen Sie die Aufgabe eines Landtagsabgeordneten gegen den Posten an der Spitze des Landkreises tauschen?

Mein Lebensziel war es früher eigentlich nie, Berufspolitiker zu werden. Aber nun, als Landtagsabgeordneter, haben mich viele Bürger und Vereine ermutigt, meinen Hut als Landratskandidat in den Ring zu werfen. Die haben mich überzeugt. Politik macht mir zudem unheimlich viel Spaß, und es reizt mich, als Landrat Entscheidungen treffen zu können. Ich traue mir das zu.

Was wäre Ihr wichtigstes Ziel für die nächsten fünf Jahre?

Ich möchte schnell beginnen, eine Wirtschaftsförderungsgesellschaft im Landkreis ins Leben zu rufen, gemeinsam mit den Kommunen. Mir begegnet in Gesprächen oft die Frage nach Fördergeldern, ich glaube, wir müssen da schneller werden. Und ich denke, wir lassen zu viel mögliches Fördergeld liegen und setzen stattdessen eigene Mittel ein – das könnten wir uns sparen. Diese neue Gesellschaft stelle ich mir serviceorientiert vor, mit Hilfestellungen für die Unternehmen oder Vereine beim Ausfüllen der Anträge.

Welche Impulse wollen Sie der Wirtschaft im Landkreis außerdem geben?

Ich sehe Riesenchancen für den Wittinger Hafen, wenn die A 39 kommt und die Lüneburger Schleuse ausgebaut wird. Das müssen wir nutzen – ich kann mir den Standort als interkommunales Gewerbegebiet vorstellen, dessen Größe noch über die bisherigen Wittinger Ausbaupläne hinausgeht. Allein dank der leistungsfähigeren Schleuse dürfte dann künftig die doppelte Tonnage auf dem Elbe-Seitenkanal transportiert werden.

Für die Unternehmen – wie auch für die Bürger – spielt die Digitalisierung eine große Rolle.

Natürlich, wir müssen so schnell wie möglich überall Breitband haben. Mir wäre wichtig, dass wir darauf achten, lange Prozesse zu vermeiden. Bei den Schulen und Krankenhäusern sieht man jetzt, dass es ohne Fördergelder schneller vorangeht und sogar günstiger wird. Beim Ausbau der schwarzen Flecken muss der Landkreis seiner Ausgleichsfunktion gerecht werden und dafür sorgen, dass jeder Ort angeschlossen wird – zur Not müssen wir dafür eigenes Geld in die Hand nehmen. Glasfaser ist in Zukunft so wichtig wie Wasser, Strom und Heizung.

Gleichzeitig gibt es auch noch die nicht-digitale Infrastruktur ...

Das Netz unserer Kreisstraßen und Radwege müssen wir in Ordnung halten und ausbauen. Wenn es um neue Radwege geht, dann sollten wir die Bürger vor Ort fragen, wo die denn idealerweise verlaufen sollten – vielleicht ist der Weg direkt an der Kreisstraße nicht immer der Richtige, aber man muss natürlich auch die Wünsche nach Sicherheit berücksichtigen, also dürfen die Trassen wahrscheinlich nicht zu einsam verlaufen. Generell sollten wir bei unseren Verkehrskonzepten alle Verkehrsteilnehmer gleichrangig behandeln. Radfahrer und Fußgänger sind genauso wichtig wie Autofahrer.

Was kann der Kreis fürs Klima tun?

Einiges. Den eigenen Fuhrpark umweltfreundlich umstellen, die eigenen Gebäude entsprechend umbauen und mit Photovoltaik-Anlagen ausstatten. Ich stelle mir auch Beratungsangebote für Vereine und Kommunen vor. Und freilich kann der ÖPNV in dieser Hinsicht noch verbessert werden. Außerhalb der Zeiten, in denen Schüler befördert werden, brauchen wir ein anderes Bus-System.

Der Landkreis Gifhorn versteht sich als Urlaubsregion. Geht beim Tourismus noch mehr?

Ich glaube, man kann das Eigenmarketing noch verstärken, über die Südheide Gifhorn GmbH, aber auch über Netzwerke wie die Allianz für die Region. Beim Rad-Tourismus können wir noch mehr erreichen, etwa mit E-Ladesäulen an Gaststätten.

In die müsste aber der Gastwirt selbst investieren, oder?

Richtig, aber der Landkreis könnte bei der Organisation helfen oder Fördergelder beisteuern. Angesichts unserer Landschaft und unseres Wegenetzes sehe ich auch Potenzial, weitere Zielgruppen anzusprechen, etwa Inline-Skater oder Reiter. Das passt alles wunderbar unter das Dach des sanften Tourismus.

Welche Linie würden Sie als Landrat beim Thema Zuwanderung/Integration verfolgen?

Ich bin kein Freund von Massenunterkünften für Geflüchtete. Zum Ankommen ist das ok, aber dann sollte es schnell eine dezentrale Unterbringung geben. Und die Möglichkeit, sich zu integrieren. Wer arbeiten will, soll das tun dürfen. Zum Glück sind wir bei der Integration im Landkreis dank vieler engagierter Ehrenamtlicher super aufgestellt, davor kann man nur den Hut ziehen. Aber diese Menschen kann der Landkreis stärker unterstützen. Mir schwebt auch vor, dass wir im Kreisgebiet einen jährlichen Tag der Vielfalt etablieren – ein Tag, gemeinsam zu feiern, sich zu vernetzen und voneinander zu lernen.

Wie sähe unter einem Landrat Heilmann die Finanzpolitik des Landkreises aus?

Aktuell haben wir den Haushalt ganz gut im Griff, es gibt einiges an Rücklagen. Das sollte es uns erlauben, über eine niedrige Kreisumlage die kreisangehörigen Gemeinden mehr zu stärken. Es ist wichtig, dass die handlungsfähig sind, denn ich bin der Überzeugung, dass die Bürger die Demokratie und ihre Ergebnisse vor allem bei sich vor Ort erleben.

Hat der Landkreis nicht noch die finanziellen Folgen der Pandemie zu verdauen?

Wie es derzeit aussieht, reißt Corona anscheinend doch nicht in dem Maße Lücken, wie man es zunächst befürchtet hat. Ich sage nicht, dass wir Geld im Übermaß haben. Aber mir ist an einem fairen Umgang mit den Gemeinden gelegen.

Was ist Ihre Maxime für die Führung der Kreisverwaltung?

Fröhlichkeit und Motivation – diese Grundstimmung möchte ich erreichen. Dann erledigen sich viele andere Probleme von selbst. Wenn wir die Kreisverwaltung mal mit einem Fußballverein vergleichen: Ich möchte nicht der Präsident sein, sondern der Mannschaftskapitän. Für die Bürger ist mein vordringliches Ziel, dass wir die servicegerechte Digitalisierung vorantreiben. Und bei der Kfz-Zulassung können wir deutlich besser werden.

Was wird für den Landkreis die größte Herausforderung der nächsten Jahre?

Der Strukturwandel auf dem Arbeitsmarkt. Volkswagen ist für die Region enorm wichtig, aber genau deswegen auch ein Stück weit ein Klumpenrisiko für unseren Landkreis. Für E-Autos braucht man bekanntlich weniger Beschäftigte. Ich möchte dafür arbeiten, dass wir eine differenziertere Industrie- und Gewerbelandschaft bekommen und versuchen, dafür Start-Ups anzusiedeln. Wir sollten die Abhängigkeit von dem einen großen Arbeitgeber etwas reduzieren.

Ihr Tipp: Wie geht die Landratswahl am 12. September aus?

Mein Ziel ist es, das im ersten Wahlgang zu schaffen.

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