Interview mit Clemens Dirscherl, Leiter des Evangelischen Bauernwerks

„Der Hof ist keine Trutzburg“

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„Landwirtschaft der Zukunft: Mein Hof zwischen persönlicher Entwicklung, wirtschaftlicher Sicherung und gesellschaftlichen Ansprüchen“ – so lautet der Vortrag, den Clemens Dirscherl am kommenden Dienstag bei der Landberatung in Gifhorn hält.

Landkreis Gifhorn. „Unsere Gesellschaft leidet an einer Agrarschizophrenie. “ Das sagt Clemens Dirscherl.

Er ist Geschäftsführer des Evangelischen Bauernwerks Württemberg mit Sitz in Waldenburg-Hohebuch und Ratsbeauftragter der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) für agrarsoziale Fragen. Am Dienstag spricht er bei der Mitgliederversammlung der Landberatung Gifhorn-Wolfsburg in Gifhorn. Redakteur Jens Schopp sprach mit ihm über das Verhältnis von Landwirtschaft und Gesellschaft.

IK: Herr Dirscherl, wozu benötigt die Evangelische Kirche Deutschland im Industrieland Deutschland einen Beauftragten für agrarsoziale Fragen? 

ClemensDirscherl

Clemens Dirscherl: Wir sind ein Industrieland, das stimmt. Es gibt aber die Sehnsucht bei den Menschen nach weniger Technik und viel Natur. Das überträgt sich natürlich auch auf die Landwirtschaft. Es geht um die Fragen nach der Bewahrung der Schöpfung und den Umgang mit unseren Ressourcen sowie unserem täglichen Brot. Es gibt bei uns eine Agrarschizophrenie. Die Menschen wollen mit dem Auto möglichst auf sauberen Feldwegen in die Natur. Wenn wir Boden unter den Füßen haben, sprechen wir davon, dass ‘wir uns die Füße dreckig gemacht haben’. Diese Widersprüche darzulegen, ist meine Aufgabe als Beauftragter für agrarsoziale Fragen der Evangelischen Kirche Deutschland. Und natürlich gehört auch die soziale Begleitung der Landwirtschaft zum Spektrum meiner Aufgaben.

IK: In welchem Spannungsfeld befindet sich die Landwirtschaft?

Dirscherl: Das ist der eben geschilderte Widerspruch von Wunsch und Wirklichkeit, die sogenannte Agrarschizophrenie der Menschen. Darunter leidet die Landwirtschaft. Alles soll regional und bio sein, aber bitte vom Discounter. Schizophren ist auch die europäische Agrarpolitik. Wir können nicht im Agrar-Wettbewerb mit den USA oder Brasilien mithalten, bei gleichzeitiger Einhaltung unserer Tier- und Naturschutzstandards. Da braucht man sich nicht zu wundern, wenn der Verbraucher verunsichert ist. Er wird doch von einem Skandal zum nächsten gejagt, und immer ist die Landwirtschaft irgendwie beteiligt.

IK: In Berlin sind am vergangenen Wochenende 30 000 Menschen auf die Straße gegangen, um gegen die industrielle Landwirtschaft zu demonstrieren. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer hat 2014 zum Jahr des Tierschutzes im Land ausgerufen und stößt dabei auf Kritik bei den Bauern. Was sagen sie am Donnerstag in Gifhorn dazu?

Dirscherl: Das alte Prinzip ‘My Hof is my castle’ funktioniert nicht mehr. Der Bauernhof ist keine Trutzburg mehr, auf die sich der Landwirt zurückziehen kann. Die Landwirtschaft muss sich der Diskussion öffnen und wertorientiert argumentieren. Die Landwirte müssen das Gespräch mit den Leuten suchen.

IK: Sie mahnen mehr Dialog zwischen Landwirtschaft, Verbrauchern und Naturschützern an. Mit einer gemeinsamen Fürbitte an Erntedank, wie sie es vorschlagen, oder gegenseitigen Einladungen bricht sich doch niemand einen Zacken aus der Krone. Warum kommt so etwas samt Dialog eigentlich nicht richtig zustande?

Dirscherl: Die Gesellschaft wird zunehmend diskussionsunfähiger. Schauen Sie sich die ganzen Talkshows an. Jeder brabbelt dazwischen, und jeder hat seine eigene Wahrheit. Es wird nicht mehr aufeinander Bezug genommen. Das ist Spiegel unserer immer egoistischer werdenden Gesellschaft. Auch auf die Landwirtschaft kann man das projizieren. Jeder meint, er habe die richtige Antwort auf Natur- und Tierschutz. Meine Aufgabe ist es, Brücken zu schlagen und zusammenzuführen.

IK: Es bilden sich unter den Landwirten zwei Lager. Die ‘Energiebauern’ und die althergebrachten Nahrungsmittelproduzenten. So kommt der Berufsstand imagemäßig doch überhaupt nicht vom Fleck. Was raten Sie den Landwirten?

Dirscherl: Landwirte waren immer schon Energieerzeuger. Früher wurde ein Drittel der Felderzeugnisse an die Zugtiere verfüttert. Die Landwirtschaft ist im Laufe der Jahrhunderte immer multifunktionaler geworden. Vom Ferkelzüchter über den reinen Ackerbauern bis zum Biogas-Anlagenbetreiber. Das alles zusammenzuführen, macht es für einen Berufsstand ungeheuer schwierig. Diesen Spagat versuchen wir hinzubekommen.

IK: Hat sich in den vergangenen Jahren durch Ihre Arbeit etwas in der Landwirtschaft verändert?

Dirscherl: Es hat sich was verändert, aber nicht durch meine Arbeit alleine. Die ehemalige Landwirtschaftsministerin Ilse Aigner hat eine Charta für Landwirtschaft und Verbraucher ins Leben gerufen. Dort wurden in vier Gesprächsforen Themen wie Verbraucher- oder Tierschutz diskutiert. Das ist der richtige Weg. Das sollten die Verbände vor Ort übernehmen und beispielsweise Tierschützer, Verbraucher und Politiker auf ihre Höfe zu Ortstermin und Diskussion einladen.

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