Angst vor falschen Schlüssen

Corona: Warum der Landkreis Gifhorn keine detaillierten Zahlen nennt

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Das Wissen um die Infiziertenzahlen in den Kommunen im Kreisgebiet bleibt hinter den Mauern des Schlosses – mancher wünscht sich mehr Informationen.

Landkreis Gifhorn – Wie viele Corona-Infizierte gibt es in meiner Stadt oder Samtgemeinde? In vielen Nachbarkreisen kennen Bürger die Antwort, denn dort werden diese Zahlen von der Kreisverwaltung publiziert.

So waren es gestern etwa sechs Fälle in der Samtgemeinde Aue im Nachbarkreis Uelzen, zwei in der angrenzenden Samtgemeinde Suderburg.

Auch die Region Hannover schlüsselt die Zahlen täglich für ihre Mitgliedskommunen wie Uetze, Burgdorf, Sehnde und so weiter auf.

Beim IK haben daher schon Leser angefragt: Warum gibt es diese Zahlen im Kreis Gifhorn nicht auch für die Stadt Wittingen oder für die Samtgemeinden? Die Antwort: Der Landkreis will diese Zahlen nicht veröffentlichen, es gibt nur täglich die Zahl für das Kreisgebiet.

„Wesentliche Begründung hierfür ist die ärztliche Schweigepflicht“, so Landrat Dr. Andreas Ebel auf IK-Anfrage. Hinzu kämen die besonderen Anforderungen an den Datenschutz im medizinischen Bereich.

Stigmatisierung?

Ebel erklärt, der Datenschutzbeauftragte des Landkreises halte eine Veröffentlichung nur dann für zulässig, wenn sicher ausgeschlossen werden könne, dass Rückschlüsse auf einzelne Bürger stattfinden können. „Diese Rückschlüsse können jedoch bereits dann nicht ausgeschlossen werden, wenn die Zahlen auf Stadt- oder Samtgemeindeebene heruntergebrochen werden“, glaubt Ebel – obwohl es pro Samtgemeinde um eine Einwohnerschaft von 10- bis 15 000 Menschen geht.

Laut Ebel will der Landkreis zudem „verhindern, dass die Betroffenen nicht nur mit ihrer Krankheit kämpfen müssen, sondern sich einem erhöhten psychischen Druck ausgesetzt sehen, der sich durch soziale Medien noch verstärkt“. Die Wahrscheinlichkeit einer Stigmatisierung – so sieht es der Landrat – steige, wenn genauere Angaben gemacht werden.

Falsche Sorglosigkeit?

Ebel ist darüber hinaus überzeugt, dass es nicht zu mehr Sicherheit führt, wenn Bürger die Corona-Zahlen in ihrer Samtgemeinde kennen. Werde etwa die Zahl 0 gemeldet, dann könne jemand fälschlicherweise daraus den Schluss ziehen, es gebe keine Gefährdung – und deshalb Sicherheitsmaßnahmen außer Acht lassen.

Auch das Wissen um eine konkrete Zahl bringe „keinen Sicherheitsgewinn“, glaubt Ebel. „Die erkrankten Personen sind in Isolation. Ob weitere Personen, denen die Mitbürger begegnen können, eventuell ansteckend sind, wird davon nicht beeinflusst.“ Und: „Die Vorsichtsmaßnahmen müssen unabhängig davon gleichermaßen sorgfältig befolgt werden.“ Die Entscheidung, die Zahlen im Landkreis nicht auf Stadt- und Samtgemeindeebene herunterzubrechen, sei mit den Vertretern von Polizei, Stadt Gifhorn und Kreisverbindungskommando einstimmig getroffen worden.

Derweil gibt es in einigen Rathäusern im Kreisgebiet Unmut – denn auch die Hauptverwaltungsbeamten (HVB) werden vom Landkreis nicht über die Zahlen in ihrer Kommune in Kenntnis gesetzt. Hankensbüttels Samtgemeindebürgermeister Andreas Taebel vermisst diese Informationen ebenso wie sein Wesendorfer Amtskollege René Weber. Beide sind der Auffassung, dass solche Daten für die Arbeit vor Ort hilfreich wären, da auch die Kommune in ihrem Wirkungsbereich für Gefahrenabwehr zuständig ist.

Sensibilisierung?

Weber verweist auf viele Beispiele wie Celle, Heidekreis, Cloppenburg oder Oldenburg, wo die Landkreise die Corona-Zahlen einzelner Gebietseinheiten transparent machen. Er glaubt: Gerade durch Nennung von Fallzahlen in einer Kommune werde die „Allgegenwärtigkeit des Virus“ deutlich und die Bevölkerung sensibilisiert.

Wesendorfs Rathauschef hat sich in dieser Sache auch an den Niedersächsischen Städte- und Gemeindebund gewandt. Aus der Zentrale in Hannover kam die Antwort: „Auch wir sehen den Informationsfluss vom Landkreis mindestens an die HVBs der kreisangehörigen Gemeinden als unerlässlich an.“

VON HOLGER BODEN

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