„Wache Ost“ war in Wolfsburg lange Zeit Treffpunkt für US-Car-Freunde

Autostadt in „amerikanischer Hand“

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Ob sportlich-schnittig oder kräftig-brachial: Freunde amerikanischer Autos trafen sich von 1989 bis 1991 regelmäßig in der „Wache Ost“ in Wolfsburg – dem heutigen Standort der Autostadt.

Gifhorn/Wolfsburg. Lange bevor es für die Gifhorner Oldtimer- und US-Carfreunde das „Haubentauchen“ an der Braunschweiger Straße gab, existierte ein Vorläufer davon.

Ein regelmäßiges und zwangloses Treffen für amerikanische Autos und andere Exoten an einem Ort, der widersprüchlicher nicht sein konnte: die Neuwagenmetropole Wolfsburg, direkt vor den Toren des VW-Werkes.

Die Lage war ideal. Die „Wache Ost“, seinerzeit bundesweit bekannt für den „Schweinemarkt“, den Jahreswagen-Verkauf, war auch für Ortsfremde leicht zu finden und bot viel Platz, sich mit großen Fahrzeugen entsprechend zu präsentieren. „Kommen, dazustellen und dabei sein“ – so das damalige Motto. Und sie kamen. Von 1989 bis ins Jahr 1991 trafen sich an jedem ersten und zweiten Sonntag im Monat die Fahrer US-amerikanischer Straßenkreuzer und europäischer Oldtimer mit ihren Schätzen auf dem VW-Parkplatz am Mittellandkanal. Viele der Eigentümer waren VW-Mitarbeiter, aber nicht alle. Ein bunt gemischtes Publikum aus Neulingen und alten Hasen der Szene führte Benzingespräche und forcierte ergiebigen Erfahrungsaustausch, meist bis in den späten Nachmittag. In Zeiten ohne Internet eine gute Gelegenheit, neue Kontakte zu knüpfen und sich kennenzulernen. Fanden die ersten Zusammenkünfte mit einer Handvoll Wagen statt, konnten später unzählige Zuschauer im Schnitt drei Dutzend Fahrzeuge bestaunen, viele davon aus dem Landkreis Gifhorn. Ein kleines Ereignis für Wolfsburg, über das auch die Presse gern berichtete.

Wachsende Beliebtheit

Blitzender Chrom auf schweren, wohlgeformten Stoßstangen, Metalflake-Lack in Flammenoptik auf der Motorhaube, Sidepipes an einer rasanten Corvette sowie blubbernde V8-Motoren lockten viele Besucher auch ohne US-Car an. Von Mal zu Mal gab es mehr Teilnehmer und Zuschauer. Ganze Familien – vom Kind bis zum interessierten Großvater – fanden sich auf den Werksparkplatz ein.

Selbst die Polizei schaute öfter vorbei und bewunderte die sehenswerten Fahrzeuge mit ihren ausladenden Karossen, die so gar nicht in das Bild vor den Schornsteinen der Automobilfabrik passen wollten. Dennoch sehenswert, bunt und vor allem friedlich, denn durchdrehende qualmende Räder (Burnouts) und Teergestank gehörten damals nicht zur feinen Etikette. Die großen Fahrzeuge beeindruckten auch ohne diese Kraftbezeugung und die Fahrer genossen die Aufmerksamkeit dafür.

Ob Chevy Camaro, Jeep oder Ford Mustang, ob Pick Up, eleganter Vier-Türer-Sedan oder riesiger Station-Wagon-Kombi – dort waren Fahrzeuge aller großen US-Marken in allen möglichen Variationen vertreten. In die Reihen der Fahrzeuge gesellten sich auch VW-Oldtimer wie Käfer oder Karmann-Gia, Porsche 911, Renault Alpine, englische Roadster von MG, ein rarer Heinkel Trojan und sogar der damalige Scirocco-Club mit seinen Wagen.

Auch Motorräder und Mofas kamen hinzu. Meist stammten die US-Autos aus den 70er und 80er Jahren, überwiegend von GM-Marken wie Chevrolet oder Pontiac. Aber auch ältere Modelle rollten an.

Die Teilnehmer kamen aus einem Umkreis von rund 100 Kilometern, den es gab kaum alternative Treffen zu dem in Wolfsburg. Und nicht nur das: Einmal fand sich ein 1960er Chevrolet Impala aus der Türkei auf der „Wache Ost“ ein. Der Fahrer war in der Gegend und hatte von dem Treffen gehört. Ein ganz besonderer Besuch, der entsprechend Aufmerksamkeit fand.

Ein Besuch geplanter Art kam von den „Sunset Cruisern“ aus Hannover. Dieser große US-Car-Club fand die kleine Wolfsburger Szene so interessant, dass sie eine Ausfahrt nach Wolfsburg machten. Leider regnete es diesen Tag und die Verweildauer fiel recht kurz aus. Jedoch blieb der Kontakt zu den US-Car-Freunden bestehen.

Höhepunkt und Fall

Es war eine Hochzeit für die US-Cars in Deutschland. Viele Wagen wurden damals noch als Alltagsfahrzuge genutzt, da die Preise für Anschaffung und Unterhalt erträglich waren. Mit der einhergehenden steuerlichen Belastung, dem steigenden Umweltbewusstsein und der Teuerung der Benzinkosten gerieten die Fahrzeuge alsbald wegen ihrer großen und trinkfreudigen Motoren ins Abseits. Das Sterben dieser Autogattung begann und oft gesehene Modelle wie Camaro, Malibu oder Caprice verschwanden aus dem täglichen Straßenbild. Schließlich gerieten sie in Vergessenheit.

Erst seit Anfang der 2000 Jahre sind amerikanische Fahrzeuge, die bis Ende der 70er Jahre gebaut worden, anerkannte und steuerbegünstigte Klassiker in der Oldtimerszene.

Die Autoliebhaber vorm Werkstor schlossen sich als „US-Cars-Fans Wolfsburg“ zusammen. Eine lockere Gemeinschaft, die sporadisch Ausfahrten und Grilltreffen organisiert hatte. Unter anderen ging es 1990 mit gut einen Dutzend Fahrzeugen zum Barleber See bei Magdeburg. Dort fand ein großes Treffen statt, bei dem die hiesigen US-Cars-Fans natürlich nicht fehlen wollten.

Camaro-Fahrer Stefan Weiser kreierte bereits in den Anfangszeiten einen „Clubaufkleber“. Auf dem Reserverad am Heck eines skizzierten 1959er Chevy Bel Air prangten die Lettern der US-Cars-Fans. Dieser Aufkleber ging in Druck und wurde zum Selbstkostenpreis an die Fahrer weitergegeben, die sich meist das gute Stück in eine Ecke der Frontscheibe ihres Wagens klebten.

Die Gegenwart

Schon lange gibt es sie nicht mehr, die „US-Cars-Fans Wolfsburg“, ebenso wenig wie den Treffpunkt „Wache Ost“ – an dieser Stelle steht heute die Wolfsburger Autostadt.

Eine US-Car-Szene existiert noch immer beziehungsweise wieder – und stärker, als je zuvor. Heute dominieren im Landkreis Modelle aus der Chrysler-Gruppe, wie Dodge Charger oder Chrysler Newport, dank der engagierten „Mopar“-Crew, die leidenschaftlich ihre Fahrzeuge pflegt und fährt. Jedoch cruisen auch noch einige der damaligen Teilnehmer ununterbrochen mit ihren Autos von früher. Einer von ihnen ist Jürgen Worlitzer aus Röttgesbüttel mit seinem 77er Chevrolet El Camino. Er und andere US-Car-Veteranen treffen sich regelmäßig, neben dem monatlichen „Haubentauchen“, im Route 4 Diner in Ausbüttel.

Und wie damals ist alles spontan und zwanglos, jedoch im selben Geist der Freiheit und der Liebe zum besonderen Automobil. Nur der Ort ist ein anderer.

Von Tobias Tantius

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