NABU-Redner will für sachliche Diskussion aufklären

Wolfs-Debatte in Zicherie: „Weder Kuscheltier noch Bestie“

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Florian Preusse legte Fakten über den Wolf dar, die Debatte wurde in Zicherie dennoch recht emotional geführt.

Zicherie – 2017 siedelte sich das erste Wolfsrudel im Landkreis Gifhorn an, seither kam es immer wieder Begegnungen zwischen Mensch und Tier. Wie man koexistieren kann, stellte nun Diplom-Biologe Florian Preusse beim „Grünen Tisch“ in Zicherie vor.

Mit seinem Vortrag „Der Wolf im Spannungsfeld: Mensch, Nutztierhaltung und Jagd“ will Preusse die emotional geführte Debatte auf eine sachliche Ebene bringen – mit mäßigem Erfolg.

Über zwei Stunden präsentiert Preusse, NABU-Kreisverbands-Vorsitzender, Wolfsbotschafter und hauptberuflich Biologie-Lehrer, Fakten zum Wolf. Von der Geschichte – der letzte Wolf im Landkreis Gifhorn wurde 1965 bei Boitzenhagen erlegt, nach der Jahrtausendwende gab es die erste „neue“ Population in Sachsen – über seinen Schutz auf diversen Ebenen des Gesetzes bis hin zum Verhalten wurde der konfliktträchtige Beutegreifer beleuchtet.

Dabei räumt Preusse auch mit Mythen auf: Wölfe – wie auch alle anderen Raubtiere – dezimieren den Wildbestand in ihrem Revier nicht signifikant und haben in der Jagd kaum Einfluss auf die Strecke. Auch sind sie keinesfalls verantwortlich für das Ende der Weidenutztierhaltung.

Begegnungen mit dem Wolf werden laut Preusse normal: „In drei Monaten hat ein Tier 1500 Kilometer zurückgelegt. Das zeigt: Wölfe können jederzeit überall in Deutschland gesichtet werden.“ Mit einem lokalen Rudel wie dem bei Ehra-Lessien – das eine kalkulierbare Größe sei – steige allerdings die Chance. Dabei vergrößert sich das Rudel trotz Nachwuchs – in diesem Jahr gab es ein nachgewiesenes Jungtier – nicht, denn dieser wandert irgendwann aus dem Familienverbund ab. Laut Statistik erreicht die Rudelgröße im November das Maximum.

Menschenscheu stellen die Tiere aber kaum eine Gefahr dar. „Der Wolf schnürt, guckt und geht weiter“, beschreibt Preusse das gewöhnliche Verhalten. Sollte ein Wolf den üblichen Fluchtabstand von etwa 80 Metern nicht einhalten, könne man ihn mit lauten Rufen oder etwa Steinwürfen vergrämen. Viel gefährlicher aber sei der Mensch für den Wolf: Verkehrsopfer und Abschüsse inklusive Dunkelziffer bedrohen die Tiere. Die Angst der Menschen ist nach den Zahlen also irrational.

„Aber die Debatte ist echt emotional“, bedauert Preusse. Das zeigt sich auch in der Diskussion mit seinem rund 20-köpfigen Publikum, das die dargelegten Fakten zwar interessiert aufnahm, dennoch deutliches Unbehagen den Tieren gegenüber äußert. „Der Wolf ist weder Kuscheltier noch Bestie, daher müssen wir rational mit ihm umgehen“, appelliert Preusse, doch das fällt zum Teil sichtlich schwer.

Als Lösung des Konflikts sieht Preusse ein intensiveres Monitoring mit der Entnahme als Ultima Ratio. Auch müsse mehr aufklärende Öffentlichkeitsarbeit, wie er sie betreibt, geleistet werden. Wichtigster Faktor für eine friedliche Koexistenz von Mensch und Wolf aber sei Schadensprävention, -begutachtung und -ausgleich.

„Herdenschutz ist Wolfsschutz“, sagt Preusse und ruft daher zu vermehrten Schutzmaßnahmen auf. Die Förderrichtlinie Wolf sei dabei ein guter Anfang, aber es bestehe noch großer Optimierungsbedarf, etwa durch Beweis-lastumkehr, Entbürokratisierung, Verfahrensbeschleunigung und erhöhten Schadensausgleich.

VON DENNIS TESCH

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