Schwalben sind eine gefährdete Art, aber davon ist in Benitz nichts zu merken

Über 30 Nester an einem Haus

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Das Haus der Familie Joswig ist bei Schwalben sehr begehrt: Dicht an dicht sitzt Nest an Nest und lädt zum Beobachten ein. Das ständige Kommen und Gehen der Vögel wirkt fast schon hypnotisch.

Benitz. In ganz Deutschland verschwinden die Schwalben. . . In ganz Deutschland? Nein! Ein von unbeugsamen Schwalben bevölkertes Haus hört nicht auf, dem Verschwinden Widerstand zu leisten.

Fast schon heroisch muten die vielen Mehlschwalben in Benitz an. Während man eigentlich immer nur liest, dass die Art mit dem Überleben kämpft, sind hier an einem einzigen Haus 36 Nester zu zählen – und in fast allen sitzt Nachwuchs. „Die waren schon immer hier“, sagt Manfred Joswig schulterzuckend.

Auch in anderen Teilen Deutschlands waren die angeblichen Glücksbringer weit verbreitet, die Population ist in den letzten Jahren aber geschrumpft. Als Kulturfolger sind die Vögel von uns Menschen abhängig, besonders unsere Architektur und Landwirtschaft beeinflussen die Schwalben: An unseren modernen, glatten Hausfassaden halten ihre aus Speichel und Lehm geformten Nester nicht, auf unseren zubetonierten Flächen findet sich kein Lehm, moderne Ställe sind quasi hermetisch abgeriegelt und Monokulturen bedingen weniger Fluginsekten.

Irene und Manfred Joswig kennen das Haus nur mit den Schwalben und wollen sie auch nicht missen.

An Joswigs 111 Jahre altem Haus hingegen sind die Bedingungen perfekt: Der Giebel verläuft rundum, die Grünflächen ringsum lassen das Beschaffen von Lehm zu und ein ökologischer Garten sowie ein Teich locken viele Fluginsekten an. Geplant hat Joswig das nicht, dennoch mag er die Tiere. „Wenn 50 oder 60 im Abendrot kreisen, sieht das einfach herrlich aus“, schwärmt er. Auch seine Frau Iris kann den Vögeln nur Positives abgewinnen: „Gleich morgens beim Fensteröffnen gibt’s eine Flugshow für uns“, lacht sie, „und Mücken belästigen uns auch nicht.“ Selbst der anfallende Kot der Tiere hat seine Vorteile. Als „Schwalbengold“ bekannt gebe er einen perfekten Tomatendünger ab, weiß Joswig. Die Nester zu entfernen kommt für ihn gar nicht in Frage.

Aber genau das tun viele, sind sich vielleicht nicht bewusst, dass die Tiere unter Schutz stehen und die Zerstörung der Nester somit eine Straftat ist. Wer den gefährdeten und nützlichen Tieren helfen will, kann Nisthilfen aus einfachen Holzbrettern und ein wenig Kaninchendraht an seiner Fassade anbringen. Die Luftakrobaten brauchen zwischen Decke und Nest nur gut 15 Zentimeter Platz und bevorzugen Höhen ab zwei Metern. Kotbrettchen etwa 60 Zentimeter unter den Nestern halten die Fassade sauber und eine Wasserstelle mit lehmigem Matsch hilft auch.

All dies braucht Joswig nicht anbringen, er kann die Tiere auch so genießen. „Wir haben hier jedes Jahr 30 bis 40 Nester“, erzählt er. Warum es so viele sind, wisse er nicht. In der Nachbarschaft sind ähnliche Bedingungen vorzufinden, aber dort nisten die Tiere nur sporadisch. Vielleicht liegt es an den Besitzern und ihrer Freude an den Tieren.

„Ich finde das herrlich“, betont Joswig noch einmal, während die Schwalben über seinen Kopf flitzen. „Auf dem einen Balken dort sitzt auch immer wieder eine große Schleiereule.“ Vielleicht bringt auch sie bald ein paar ihrer Artgenossen mit und tut es den Schwalben gleich.

Von Dennis Tesch

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